Pop Schlüsselreizfigur

Aufeinander abgefahren und abgefärbt - John Lennon und Yoko Ono 1969.

(Foto: Epa Anp/dpa)

Ein kanadisches Label legt jetzt elf frühe Platten der Künstlerin und Popmusikerin Yoko Ono neu auf. Die meisten dieser Alben gibt es derzeit nur in antiquarischen Erstauflagen. Wenn John Lennon dabei ist, klingt's wie ein Liebespaar beim Werken.

Von Joachim Hentschel

Es geschah zu der Zeit, als die japanische Künstlerin und Musikerin Yoko Ono dem Mythos nach mit der äußerst kraftraubenden Aufgabe beschäftigt war, die wichtigste Popgruppe der Welt zu zerstören. November 1969. Ono war 36, lebte in London, wurde von der Boulevard-Öffentlichkeit gehasst. Doch die Musikzeitschrift Melody Maker, und das war das Ereignis, gab ihr eine positive Rezension.

"Wedding Album" heißt die Schallplatte, um die es ging. Ono und John Lennon, sieben Jahre jünger, damals tragendes Mitglied und Teilzeitideologe der Beatles, hatten im März 1969 geheiratet und die Hochzeit in einer Art konzeptkünstlerischem Kinderhörspiel dokumentiert - unter anderem mit einem Stück, in dem sie 23 Minuten lang abwechselnd "John" und "Yoko" sagen. Richard Williams, der Kritiker des Melody Maker, war begeistert. Lobte den visionären Ansatz, besonders die zwei langen Songs, die nur aus durchgehenden elektronischen Brummtönen bestanden. "Wenn man sie immer wieder hört, merkt man, dass die Tonhöhen leicht schwanken und oszillieren", schrieb er. "So entsteht ein unterschwelliger, windschiefer Beat, der einen nicht mehr loslässt."

Das Problem: Diese Stücke gab es gar nicht. Williams rezensierte aus Versehen die Testsignale auf dem Vorabexemplar der Platte. Solche heiteren Irrtümer kommen vor - erst kürzlich schimpfte die New York Times über den unnötig verworrenen Plot der Webserie "Goliath", bevor sich herausstellte, dass der Kritiker die ersten Folgen in falscher Reihenfolge angeschaut hatte. Der Fall von 1969 ist bedeutsamer, politischer. Denn so gern man Yoko Ono gegen 50 Jahre halbinformiertes, misogynes, rassistisches oder einfach kunstgeschmackloses Gehetze verteidigen will - so sehr muss man sie vor denen schützen, die noch jedes Ahornbäumchen bejubeln, das sie im Namen von Liebe und Frieden in irgendeinen Museumsgarten pflanzt.

Als kulturhistorisches Stereotyp ist sie fest besetzt. Yoko Ono gilt als Geistesmutter aller angeblich herrschsüchtigen Wagner-Erbinnen und Fußballerehefrauen. Der Vorwurf, sie habe Lennon entmündigt, die Beatles gespalten und mit Ziegenmeckern alle Gegner verjagt, wuchs über die Jahre ins Dämonische. Klaus Biesenbach wiederum flog ganz andere Kritik ins Gesicht, als er 2015 im New Yorker Museum of Modern Art die Retrospektive "One Woman Show, 1960-1971" mitkuratierte: Ono sei viel zu populär, hieß es, Biesenbach wanze sich mit der Schau nur an die Laufkundschaft und den Jetset heran.

Man will zurückfragen: Wurde Onos künstlerischem Schaffen denn je die Präsenz eingeräumt, die ihrem grenzenlos öffentlichen Dasein als Charakter und Prototyp ebenbürtig gewesen wäre? Die kleine US-Plattenfirma Secretly Canadian, sonst eher für bartflaumigen Indierock bekannt, packt das Problem nun an. Vom 11. November an bringt das Label sukzessiv elf Musikalben Onos von 1968 bis 1985 auf den Markt zurück. Die meisten dieser Platten gibt es derzeit nur in antiquarischen Erstauflagen: Eine wirtschaftlich relevante Nachfrage gab es nie, was im Pop dann ja doch ein Kriterium ist. Zählbaren Erfolg als Musikerin hatte Yoko Ono erst nach Lennons Tod 1980. Aber das lag eher daran, dass sie sich damals von der nervbohrenden Experimentalphysik ihrer Frühzeit zur Songkonvention hinbewegt hatte. Was natürlich nicht halb so interessant ist wie ihre wahrhaft irren Sachen.

Die drei Alben, mit denen die Reihe nun startet, sind solche Spezialfälle. "Unfinished Music No. 1: Two Virgins", die erste, nahm Ono im Frühjahr 1968 mit Lennon in dessen Landhaus in Surrey auf: eine Toncollage aus imitierten Vogelstimmen, Klavierübungen, Radiowellen. Teilweise klingt es, als sei das Liebespaar mit Heimwerkerarbeiten beschäftigt, phasenweise begleitet von der typischen Gebärschmerzstimme der Sängerin.

Ob Lennon wusste, was er hier tat, wird nicht ganz klar, aber Yoko Ono wusste es. Um Aktions- und Konzeptkunst ging es hier, ums rückhaltlose Zelebrieren von streng biografischem Material. Für die bildende Kunst damals kein spektakulärer Ansatz, für die Popmusik unbedingt - wer hier ein Aufdämmern der selbstinszenatorischen Methoden heutiger sozialer Medien sieht, täuscht sich sicher nicht. "Unfinished Music No. 2: Life With The Lions", der Nachfolger, behandelte fast exklusiv Onos Fehlgeburt im November 1968, und dann kam das "Wedding Album", das in der Wiederveröffentlichungsreihe, warum auch immer, nach hinten geschoben wurde.

Der Stoff dieser kulturhistorischen Avantgarde-Soap: wie Lennon und Ono zusammenkommen, aufeinander abfahren und abfärben, künstlerisch, politisch und möglicherweise privat. Die Happening-Mitschnitte - nichts anderes sind die Platten - muss man nicht öfter als einmal hören. Doch allein das Cover von "Two Virgins", auf dem sie wie ein im Schneesturm gefangenes Nudistenpärchen aussehen, rechtfertigt die Neuauflage.

Yoko Ono hatte Mitte der Fünfziger in New York schnell Anschluss ans Künstler-, Galerie- und Beautiful-People-Milieu gefunden. Sie berührte auch dort Schlüsselreize, die Sehnsucht der westlichen Szene nach östlicher Transzendenz - gleichzeitig waren einige ihre besten Performances erstaunlich radikal und auf einzigartige Weise feministisch. Ihr konzeptkünstlerisches Instruktionsbuch "Grapefruit" enthielt 150 Handlungsanweisungen ans passive Publikum, im Aktionsstück "Cut Piece" ließ sie sich von Zuschauern mit der Schere die Kleider vom Körper schneiden.

Man übersieht es im Schummerlicht ihrer späteren Make-Love-Not-War-Aktionen gern: Am Anfang war Yoko Ono ein geradezu konfrontativer Anti-Hippie. Eine Furie in klinischem Weiß, die komplett unbekifft die große, metallblitzende Nervensäge auspackte. Wie sie im September 1969 vor 20 000 Leuten beim retromanischen Toronto Rock and Roll Revival auf der Bühne steht, zwischen den Fusselbärten Eric Clapton und John Lennon, und zum Schluss mit einer herrlichen, zwölfminütigen Kreisch-Performance das Stadion leersingt - das ist beinahe Punk.

"Plastic Ono Band" von 1970, die dritte und essenzielle Platte, die nun neu erscheint, bildet genau diesen Moment glänzend ab: wie zwei Endsechziger-Konzepte zur künstlerischen Erlösungssuche miteinander über Kreuz gehen. Rock und Conceptual Art, ein Treffen auf neutralem Grund, bei dem zwar nichts verschmilzt, aber wild miteinander rumgemacht wird.

Ringo Starr spielt Schlagzeug, Lennon Gitarre, die angeblich von Yoko Ono halbierten Beatles also. Die Stücke sind lang und repetitiv, Ono singt und heult teilweise wie ein im Beat gefangener Geist, der am Gitter rüttelt. Es sind oft die gleichen Gesangskoloraturen, für die Janis Joplin und Joe Cocker gefeiert wurden - nur eben ohne Song, ohne Illusion von Seele. Beim Stück "AOS" spielen Ornette Coleman und sein damaliges Quartett mit Ono. Keine Frage, wer den tödlicheren Ton hat.

"Ein paar Peinlichkeiten müsste man noch rausbügeln", schrieb der Underground-kundige Kritiker Lester Bangs im Rolling Stone über die Platte, "aber dies ist dennoch das erste John-und-Yoko-Album, das nicht die Intelligenz beleidigt." Er hatte die richtige Musik gehört. Aber vielleicht war Yoko Ono trotzdem noch schlauer als er.