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Bestseller von Yoko Ogawa:Das Kaffeekränzchen

Yoko Ogawa Portrait Session

Die japanische Schriftstellerin Yoko Ogawa

(Foto: Getty Images)

Yoko Ogawas parabelhafter Roman "Insel der verlorenen Erinnerungen" ist schon 1994 erschienen, aber jetzt auf einmal ein Weltbestseller. Liegt es an seiner hemmungslosen Nostalgie?

Von Lea Schneider

Rosen, Vögel, Hüte, Kaubonbons: Auf einer namenlosen Insel, die von einem namenlosen Regime regiert wird, verlieren die unterschiedlichsten Dinge schlagartig ihre Bedeutung und werden dann von den Inselbewohnern mehr oder weniger freiwillig zerstört. In diesem dystopischen Setting versteckt eine namenlose Schriftstellerin gemeinsam mit einem namenlosen alten Mann ihren namenlosen Verleger, weil er zu den wenigen Menschen gehört, die sich weiterhin an die verschwundenen Dinge erinnern können und darum von der "Erinnerungspolizei" verfolgt werden.

In Yoko Ogawas bereits 1994 erschienenem und nun von Sabine Mangold ins Deutsche übersetztem Roman "Insel der verlorenen Erinnerung" bleibt derartig viel namenlos oder im Vagen, dass einem der Wille zur Parabel quasi auf jeder Seite entgegenspringt. Ogawa beschreibt eine Welt, die so generisch und allgemein gehalten ist, dass sie sich als Kommentar auf praktisch jede historische oder gegenwärtige Situation beziehen lässt - und so liest nicht nur die New York Times ihren Roman als eine hochaktuelle Allegorie auf den weltweit wiedererstarkenden Autoritarismus.

"Insel der verlorenen Erinnerung" hat sich seit seiner Übersetzung ins Englische nicht zuletzt aufgrund dieses vermeintlichen Gegenwartsbezugs zu einem internationalen Bestseller entwickelt, war zuletzt unter anderem für den Booker Prize nominiert und wird nun von der Regisseurin Reed Morano ("The Handmaid's Tale") und dem Drehbuchautor Charlie Kaufmann ("Eternal Sunshine of the Spotless Mind") verfilmt.

Ogawa gilt als Vertreterin der "Moratoriumsliteratur"

Tatsächlich sind es allerdings gerade die stilistischen Entscheidungen, die den Roman möglichst leicht als Parabel lesbar machen sollen - die Reduktion auf wenige Figuren, die zahlreichen Märchen-Elemente, das Offenhalten von Zeit und Ort der Handlung, die Häufung symbolisch aufgeladener Objekte - die seine Aktualität fragwürdig erscheinen lassen. Dazu trägt vor allem das konsequent altmodische Inventar einer Erzählwelt bei, in der zwar ständig Schreibmaschinen, Haarbänder, Spieluhren und Corned-Beef-Dosen, aber weder Computer noch Smartphones auftauchen. Welchen Nutzen hat ein Buch, in dem das Internet nicht einmal als Möglichkeit existiert, für das Verständnis des spätkapitalistischen, digitalisierten Überwachungsstaates?

Wenn überhaupt, dann lässt sich "Insel der verlorenen Erinnerung" eher als eine Art Anti-Roman zum digitalen Zeitalter lesen: Die nostalgische Liebe zu physischen, am besten handwerklich hergestellten oder anderweitig einzigartigen Gegenständen wird hier ohne Übertreibung als Rettung der menschlichen Seele dargestellt - wer, wie die Erzählerin, die Bedeutung der Dinge vergisst, dessen Herz wird "löchrig". Dieser Rückzug in die Nostalgie für eine aggressiv verniedlichte Version der "guten, alten Zeit" ist weder in Yoko Ogawas Werk noch in der zeitgenössischen japanischen Literatur etwas Neues. Dort gilt Ogawa schon lange als typische Vertreterin der sogenannten "Moratoriumsliteratur", der auch andere bekannte Autoren wie Haruki Murakami zugerechnet werden.

Am Ende fühlt man sich, als habe man zu viel Zucker gegessen

Entlehnt aus der Psychologie, wo der Begriff den Zeitraum des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen beschreibt, der als eine Epoche des Aufschubs erlebt wird, war "Moratorium" in den letzten Jahrzehnten eines der zentralen Buzzwords der japanischen Kulturwissenschaften. Die Protagonisten dieser Romane zeichnen sich durch eine Art dauerhaftes Peter-Pan-Stadium aus: Sie betreiben einen Rückzug in geschützte Räume der Innerlichkeit, die von der übrigen Welt abgetrennt sind und in denen man sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigt - eine Art "Cocooning in Retro-Welten", wie die Japanologin Lisette Gebhardt schreibt. Es handelt sich also um eine Literatur der konsequent regressiven Geste, die letztlich eine Überforderung mit der Komplexität der Gegenwart verhandelt.

Yoko Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerungen. Roman. Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Liebeskind, München 2020. 350 Seiten, 22 Euro.

Genauso, wie die Protagonisten der Moratoriumsliteratur sich beharrlich weigern, ihre eingefrorenen Schutzräume zu verlassen, so weigert sich auch "Insel der verlorenen Erinnerung" mit Händen und Füßen dagegen, sich in irgendeiner Weise konkret auf die reale Welt zu beziehen - und stellt sich doch selbst derart penetrant und ununterbrochen als kommentierende Parabel auf sie dar, dass die Lektüre schnell ermüdend wird. Die meisten Zutaten kommen einem so bekannt vor, dass man, als im letzten Drittel des Romans schließlich auch die Bücher verschwinden, schon seitenlang auf das oft bemühte Heine-Zitat - "Wo Bücher brennen, brennen bald auch Menschen" - gewartet hat - bevor es dann auch gnadenlos eingesetzt wird, als vermutlich nächstliegendes Dystopie-Requisit der Weltliteratur.

So beschränkt sich der Erkenntnisgewinn hinsichtlich der gegenwärtigen Situation der Welt in diesem Roman auf sattsam bekannte Allgemeinplätze. Anstatt zum Beispiel der interessanten Frage nachzugehen, warum zwar ständig Dinge verschwinden, aber niemals neue entstehen - man könnte das Auslöschen der Tradition ja zumindest theoretisch auch als eine Befreiung empfinden, die Platz macht für bisher Ungedachtes - zieht Ogawa vor allem einen roten Faden motivisch durchs Buch: Das Kaffeekränzchen. In praktisch jedem Kapitel wird Kuchen gegessen, und man wird das Gefühl nicht los, dass das am Ende wiederum eine Meta-Allegorie auf Ogawas Pseudo-Allegorie ist: Man verlässt ihre Erzählung mit dem schalen Gefühl, gerade ein bisschen zu viel Zucker gegessen und dabei die eine oder andere Plattitüde ausgetauscht zu haben.

© SZ vom 16.11.2020

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