Im schlechtesten Fall erzählt moralische Literatur vom Zerfall der Gesellschaft, im besten vom Zerfall des Ich. Das geht dann beispielsweise so: Aufstieg und Fall einer nicht näher bestimmten Romanfigur vollziehen sich gleichzeitig, sie steigt gesellschaftlich auf, moralisch aber ab. Um in einer schlechten Welt zu reüssieren, muss sie selbst schlecht werden. Karriere geht in dieser Gleichung immer mit Selbstverrat einher. Das Innere und das Äußere, das Selbstbild und das Gesellschafts-Ich driften so lange auseinander, bis die Kluft nicht mehr zu überbrücken ist, die Figur von der Leere in ihrer Brust verschluckt wird und der Roman zu Ende ist.
LiteraturDie Parabel auf den autoritären Zeitgeist
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Ein erfolgloser Journalist, der sich zum rechten Influencer wandelt: Mit seinem Roman „Chamäleon“ schreibt der israelische Anwalt und Schriftsteller Yishai Sarid das beklemmend plausible Psychogramm eines Opportunisten.
Von Felix Stephan

Nora Gomringer:Verdammt viel los gerade
Im Juli heiratete die Lyrikerin Nora Gomringer. Im August starb ihr Vater. Im September erschien ihr Prosadebüt, das von der Trauer um ihre Mutter erzählt, die 2020 starb. Ein Treffen mit einer furchtlosen Frau, die sogar dem Tod mit Humor begegnen kann.
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