"Yesterday" im Kino:Mit jeder Minute des Erfolgs wachsen Jacks Gewissensbisse

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Selbst kleine Erfolge wirken eher wie Demütigungen, etwa wenn Jack in einem Lokalsender "In My Life" spielt und als "singender Lagerarbeiter" vorgestellt wird, der kostenlos CDs an seine Kunden verteilt. Danach hat er allerdings den Popstar Ed Sheeran am Telefon, der recht sympathisch sich selber spielt und völlig aus dem Häuschen ist. Es braucht schon einen anderen begabten Songwriter, um einen genialen Song auf Anhieb zu erkennen. Das ist die Idee hinter diesem Gastauftritt.

Dann geht alles sehr schnell. Jack spielt in Ed Sheerans Vorprogramm, er erreicht die Massen, und die Massen reagieren endlich so euphorisch, wie man es bei einer beginnenden Beatlemania erwarten würde. Nachts an der Hotelbar fordert Sheeran seine Neuentdeckung dann allerdings zu einer Art Komponisten-Wettstreit heraus - zehn Minuten Klausur, ein Song soll neu geschrieben und dann sofort gespielt werden. Ed Sheeran kommt mit einem typischen Ed-Sheeran-Song zurück, der locker Nummer Eins werden könnte, und hat schon sein triumphierendes Rotschopf-Grinsen im Gesicht.

Jack aber setzt sich ans Klavier und spielt "The Long & Winding Road", von Anfang bis Ende. Und es ist schon unbezahlbar zu sehen, wie Sheeran, der in Sachen Verkaufszahlen, wenn er ein neues Album herausbringt, derzeit alle anderen Popstars schlägt, hier einen Mann spielt, dem beim Zuhören die Gesichtszüge langsam entgleisen, weil er erkennt, dass es Größere gibt als ihn. "Du bist Mozart, und ich bin Salieri", murmelt er schließlich und schleicht Richtung Bett. Es spricht für seine Selbstironie und einen gewissen Realismus, dass er da mitgemacht hat - ein schöner Exkurs zu der Frage, was popmusikalischer Genius wirklich bedeutet.

Etwas anderes wird in dieser Szene auch noch sehr deutlich - warum Himesh Patel, ein eher unbekannter Fernsehschauspieler mit indischen Wurzeln, der zuvor noch nie öffentlich gesungen hat, diese Rolle bekommen hat. Leicht hätten seine Interpretationen der insgesamt 17 Beatles-Songs im Film nur nach besserem Karaoke klingen können - und damit den Schwindel zu offensichtlich gemacht. Patel aber spielt sie seelenvoll melancholisch. Sie gehören ihm zumindest soweit, dass die Vorstellung, er habe sie auch geschrieben, nicht mehr gänzlich absurd erscheint.

Ein Nobody singt die legendären Lieder. So ist es die reine Musik, die sich behauptet

Wie dann wirklich die Downloads und Likes durch die Decke gehen, die Stadien sich füllen, die Story nach Los Angeles wechselt und mit amerikanischer Energie und Arroganz ein welterschütterndes Doppelalbum geplant wird, kann man sich ungefähr vorstellen - und auch, dass Jacks Gewissensbisse als musikalischer Hochstapler mit jeder Minute wachsen. Richard Curtis wäre nicht Richard Curtis, wenn er gegen Geld, Ruhm und Lüge nicht auch noch die wahre Liebe in Stellung bringen würde, in Gestalt der treuen Weggefährtin Ellie, die eigentlich gern viel mehr wäre - aber, sobald der Weltruhm ruft, aus zwar unerfindlichen (aber doch irgendwie herzerwärmenden) Gründen lieber in der englischen Provinz bleiben möchte.

Interessant ist es, "Yesterday" in der aktuellen Reihung mit "Bohemian Rhapsody" und "Rocketman" zu betrachten - allesamt Filme über Giganten der populären Musik, aber eben im Modus des Cover-Samplers, mit fremden Gesichtern und fremden Stimmen. Queen und Elton John haben sich dabei sehr direkt eingemischt, sie beharrten auf der physischen und stimmlichen Ähnlichkeit ihrer Leinwand-Abbilder. Paul McCartney und Ringo Starr, die überlebenden Beatles, blieben dagegen auf Distanz - sie haben allenfalls aus der Ferne freundlich genickt.

Und gerade in dem Twist, nur die reine Musik übrig zu lassen und die Last ihrer Wiederaufführung einem indischstämmigen Nobody zu übertragen, erweist sich das Erbe der Beatles als ausgesprochen wirkmächtig. Alle Drogenexzesse, Erfolgsverirrungen, Zerwürfnisse und Psychoprobleme der echten Schöpfer, die den beiden anderen Filmen ihren Spannungsbogen geben mussten, bleiben hier ausgespart und lenken nicht davon ab, was am Ende doch allein zählt - die Kraft der Musik, noch immer die Welt zu bewegen. Wenn man auch dies als Sängerwettstreit begreift, haben die Beatles mit "Yesterday" - gerade durch ihre vollständige Abwesenheit - ihre Vormachtstellung eindrucksvoll behauptet.

Yesterday, GB 2019 - Regie: Danny Boyle. Buch: Richard Curtis. Story: Jack Barth, R. Curtis. Kamera: Christopher Ross. Mit Himesh Patel, Lily James, Ed Sheeran, Kate McKinnon. Universal, 116 Minuten.

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