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Netzkolumne: Yahoo Answers wird eingestellt:Link ins Nichts

Alle drei Milliarden Nutzerkonten bei Yahoo 2013 gehackt

Yahoo löscht nicht nicht zum ersten Mal einen signifikanten Teil seiner gespeicherten Nutzerbeiträge.

(Foto: Ritchie B. Tongo/dpa)

Zu seiner Hochzeit war Yahoo Answers die am zweithäufigsten besuchte Plattform im Netz. Jetzt wird sie gelöscht. Eine Kulturform verschwindet einfach.

Von Michael Moorstedt

Yahoo verfolgt weiterhin den Plan, das Internet zu löschen. So lautet ein Witz, der in den letzten Tagen in den sozialen Medien kursierte. Der Grund: Das Unternehmen schalte mal wieder einen seiner Dienste ab. Das neueste Opfer heißt Yahoo Answers. Eine Plattform, auf der die Nutzer beliebige Fragen stellen konnten. Sie taten es millionenfach. Es gab kein Thema, das unangetastet blieb.

Der Witz gründet darin, dass Yahoo, mittlerweile nur noch eine Tochterfirma des Telekommunikationsdienstleisters Verizon, nicht zum ersten Mal einen signifikanten Teil gespeicherter Nutzerbeiträge löscht. Geocities, auf dem die Menschen erste Gehversuche mit selbsterstellten Webseiten taten, ist ebenso Geschichte wie zahllose Foren des Angebots Yahoo Groups oder Unmengen privater Fotos auf der einstmals enorm beliebten Plattform Flickr. Keine Daseinsberechtigung existiert mehr ohne Geschäftsmodell, Nutzermonetarisierung und Werbeeinnahmen.

Seit zehn Tagen befindet sich Yahoo Answers nur noch im Read-only-Modus, es können also keine neue Fragen mehr gestellt werden. Am 4. Mai wird die Plattform endgültig abgeschaltet. Einige Nutzer verglichen die Stilllegung der Plattform mit dem Brand der Bibliothek von Alexandria.

Kann man sich Nostalgie erlauben angesichts von Fragen wie "Wo in der Kuh wird der Käse geformt?"

Das ist sicherlich überhöht. Die Menschen wandten sich an die Anonymität des Internets mit Fragen und Problemen, die zu intim oder peinlich für ein persönliches Gespräch und zu komplex für eine Google-Suche waren. Teenager, die auf der Suche nach Aufklärung waren, trafen sich hier genauso wie frühe Digital-Verschwörungserzähler oder einfach Menschen mit einer wie auch immer gearteten Lust an der Erkenntnis - "AuntKatie", der Nutzeraccount, der die öffentliche Rangliste anführt, hat mehr als 140 000 Fragen beantwortet. Das ist, selbst wenn man den Antworten nur mäßiges Niveau unterstellt, mehr als nur ein Hobby.

Einen "Zufluchtsort für die Verwirrten" nannte die New York Times das Portal in ihrem Nachruf. Andere sind gnadenloser in ihrer Einschätzung. Die Nachrichtenseite Buzzfeed nannte Yahoo Answers "einen der dümmsten Orte im Internet". Lohnt es sich also, sentimental zu werden angesichts all der nun verlorenen Erkenntnisse, die die Bezeichnung Wissen nur bedingt verdient haben? Kann man sich Nostalgie erlauben angesichts von Fragen wie "Wo in der Kuh wird der Käse geformt?", "Können Babys Geister sehen?" oder "Werden Menschen einstmals auf der Sonne leben?".

Doch ist es nicht auch traurig, wenn eine solche Ausprägung von Kultur verschwindet? Ein wenig Nostalgie ist doch erlaubt. Immerhin war war es doch ein prototypisches Exemplar des frühen Web 2.0. Wie fühlte es sich also an, das damalige Dasein im Netz? Weniger stromlinienförmig und reglementiert, nicht ganz so profitorientiert und hierarchisch, wie es heute der Fall ist.

Auch wenn man sich an Yahoo Answers nun nur als an einen Ort von Peinlichkeiten erinnern wird, ging es vor 15 Jahren doch mit dem Anspruch an den Start, eine "globale Wissensplattform" zu sein, es sollte den Beweis liefern, dass die Weisheit der Massen tatsächlich profund ist, dass wirklich jeder etwas beizutragen habe - in dem Bewusstsein, sich auch mit jedem Anliegen ans Netz wenden zu können. Es gab eine Zeit, in der das Versprechen beinahe eingelöst erschien. Millionen Nutzer suchten die Plattform täglich auf. Hollywood-Berühmtheiten, US-Präsidenten und Star-Wissenschaftler wie Stephen Hawking gaben ein Gastspiel.

Bis zuletzt versuchte das "Internet Archive", viele der Fragen und Antworten zu archivieren. Mit automatischen Skripten dauert das Speichern eines einzigen Eintrags etwa zwei Sekunden. Doch bei mehr als 84 Millionen im Laufe der Zeit gestellten Fragen dauert auch das viel zu lange. Zu seiner Hochzeit war Yahoo Answers laut Wikipedia die zweitmeiste referenzierte Plattform im Netz. All diese Links werden nun ins Nichts verweisen.

© SZ/beg
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