„Sei immer bei mir – nimm irgendeine Gestalt an – treib mich in den Wahnsinn!“, ruft der unglückliche Heathcliff, als er Cathy verloren hat, die Liebe seines Lebens. Menschen, die große Literatur lieben, werden die berühmte Stelle in Emily Brontës Jahrhundertroman „Wuthering Heights“ kennen – aber nur eine kleine Gruppe an Sammlern dürften in diesen Tagen wie Heathcliff vom Wahn nach dem Unerreichbaren gequält werden: In London wird kommenden Dienstag die seltene Erstausgabe des Romans versteigert. Schätzpreis: mindestens 400 000 Pfund.
1847 ist „Wuthering Heights“ erschienen, und weil sich für eine Frau ein so ruchloser Roman nicht geziemte, veröffentlichte Emily ihn unter Pseudonym. Die erste Auflage war mit etwa 250 Exemplaren winzig, es ist eines der großen Wunder der Literaturgeschichte, dass die unscheinbaren Bände zum Klassiker wurden. Diese Erstausgabe zu besitzen, ist für Büchersammler so, als stünden sie am Urbeginn des Mythos.
Antiquariate sterben, gebrauchte Bücher werden verramscht, die „gepflegte Bibliothek“ gilt als schrecklich altmodisch
Aber die Leidenschaft für das physische Buch schwindet. Antiquariate sterben, gebrauchte Bücher werden verramscht, die „gepflegte Bibliothek“ als Inbegriff eines bildungsbürgerlichen Haushalts ist im Zeitalter von KI für die junge Generation schrecklich altmodisch. Und so findet man auch bei den Spezialisten für wertvolle Bücher, wie Hesse oder Ketterer in Hamburg, in den Auktionen vorwiegend ältere Herren, deren Sammlungen wahrscheinlich von den Erben einmal zu Geld gemacht werden, wenn auch sie verstorben sind.
Mit jeder Sammlung, die bei ihm eingeliefert werde, gehe ein Sammler verloren, sagt Christian Hesse. Seit 17 Jahren führt er sein Auktionshaus, er weiß, dass Bücher, die früher gut gehandelt wurden, heute auf den globalen Verkaufsplattformen viel an Wert verloren haben. Gefragt und gejagt ist nur noch das, was superselten ist – „Bücher mit unikalem Charakter“, wie es Silke Lehmann vom Konkurrenten Ketterer nennt. Das kann für Uneingeweihte zuweilen bizarre Auswüchse annehmen. So ist die Erstausgabe von Brontës Roman, die jetzt zum Aufruf kommt, gerade deshalb so wertvoll, weil sie so unscheinbar ist. Die Vorbesitzer ließen sie nicht in prunkvolles Leder binden, sondern beließen sie in ihrem schlichten Leinengewand.
So was fasziniert Sammler, so was gibt das Gefühl von Einzigartigkeit – wie etwa die erste englische Ausgabe des Harry Potter-Bandes „The Philosopher’s Stone“, die wegen ihrer geringen Stückzahl auf Auktionen hohe Summen erzielt. Oder ein signiertes Buch des Schriftstellers W. G. Sebald, der 2001 bei einem Unfall ums Leben kam. Oder Künstlerbücher von Malern des 20. Jahrhunderts.
Seltenheit zieht und natürlich die „Ikonen der Buchgeschichte“, wie sich der frühere Verkehrsminister Reinhard Klimmt ausdrückt. Der 83-Jährige, der im Saarland ein Antiquariat mit hochwertigen Büchern betreibt, sagt für solche Schlüsselwerke steigende Preise voraus. Für Brontës einzigen Roman „Wuthering Heights“ trifft das gewiss zu. Bei Christie’s in New York wurde eine erste Ausgabe 2009 für knapp 87 000 Dollar versteigert. Was angesichts der 400 000 Pfund, die kommenden Dienstag erwartet werden, deutlich macht: Auch wenn die Zahl der Sammler schrumpft, lässt sich mit antiquarischen Büchern noch viel Geld verdienen.



