Wurzeln des Brexit Los von Rom

"Dies gekrönte Eiland, dies zweite Eden, dies Bollwerk, das Natur für sich erbaut, dies Kleinod, in die Silbersee gefasst": Patrick Stewart als John of Gaunt, Lobredner Englands, in einer Shakespeare-Verfilmung der BBC.

(Foto: BBC)

Der Boden der Brexit-Kampagne wurde seit Jahrhunderten gedüngt: Jetzt gefährdet der Mythos vom Sonderstatus Englands die Zukunft des Landes.

Von Alexander Menden

Der Dichter W. H. Auden wurde Anfang der Sechzigerjahre gefragt, was er davon hielte, wenn das Vereinigte Königreich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitreten würde: "Wenn ich meine Augen schließe und das Wort 'Europa' zu mir selbst sage", antwortete Auden, "ist den vielfältigen Bildern, die es heraufbeschwört, eines gemein: Sie könnten nicht vom Wort 'England' heraufbeschworen werden. Europa ist der Ort, wo Läden sonntags geöffnet haben und wo man jederzeit einen Drink bekommen kann. Das einzige bequeme Möbelstück ist das Doppelbett." Geht man diese Bilder durch, kommt man zu dem Schluss, dass das England des Jahres 2016 Auden ziemlich europäisch vorgekommen wäre: Nirgends sind die Ladenöffnungszeiten so liberalisiert, die Sperrstunde in den Pubs ist abgeschafft, Doppelbetten sieht man auch nicht eben selten.

Dafür fielen einem andere Unterschiede ein, die England bis heute von "Europa" unterscheiden - die ebenso geliebten wie extrem unpraktischen Schiebefenster zum Beispiel oder die Verachtung kleiner Kuchengabeln. Aber es sind ja ohnehin nicht die konkreten Details, die zählen - es ist das ebenso starke wie inhaltlich vage Grundgefühl der Andersartigkeit. George Orwell beschrieb dieses Gefühl so: "Wenn man nach England zurückkommt, hat man sofort den Eindruck, eine andere Luft zu atmen. Schon in den ersten paar Minuten wirken Dutzende kleiner Dinge zusammen, die einem dieses Gefühl geben: Das Bier ist bitterer, die Münzen schwerer, das Gras grüner, die Werbung marktschreierischer. Und die Menschenmengen in den großen Städten sind anders als eine europäische Menschenmenge."

Auden und Orwell, der im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte, waren alles andere als Antieuropäer. Orwell hätte den Spruch des Imperialisten Cecil Rhodes, Engländer zu sein bedeute, "den ersten Preis in der Lotterie des Lebens gewonnen zu haben", als ebenso marktschreierisch empfunden wie die englische Werbung. Und dennoch verliehen er und Auden den Engländern instinktiv eine Sonderstellung unter den Völkern. Dieser Exzeptionalismus, der England nie als Teil Europas sah, erlebt nun in der Brexit-Entscheidung seine Apotheose.

Es wird Historiker noch Jahrzehnte in Lohn und Brot halten, zu analysieren, wer sich aus welchem Grund dafür entschied, beim Referendum sein Kreuz hinter "Leave" zu machen. Wahr ist sicher, dass viele unterprivilegierte Menschen ihre unscharfe Unzufriedenheit in das Anti-EU-Votum gegossen haben - das Gefühl, von Westminster vergessen worden zu sein, ihre Wut auf die "Eliten", ihre Angst vor ungezügelter Immigration. Damit ließe sich beispielsweise die irrationale Brexit-Mehrheit des stark von EU-Subventionen abhängigen Wales erklären. In der Debatte über die Abschottungstendenzen, die das Referendumsergebnis zu belegen scheint, wird zudem häufig die Insellage des Vereinigten Königreiches als geografisches Argument herangezogen. Aber Schottland und Nordirland entschieden sich ganz überwiegend für einen Verbleib in der EU. Um zu begreifen, warum der Isolationismus des Nigel Farage in den englischen Regionen auf so besonders fruchtbaren Boden fiel, kann man sich nicht allein auf akute politische Probleme beschränken. Dieser Boden wird seit Jahrhunderten gedüngt.

Die Rufe der Brexit-Kampagnen nach Rückgewinnung von Kontrolle, nach Souveränität, galten nominell für das gesamte Vereinigte Königreich. Aber dessen Existenz setzten diejenigen, die den Brexit in England betrieben, bewusst aufs Spiel: Es war klar, dass Schottland bei einem "Leave"-Votum erneut nach der 2012 knapp gescheiterten Unabhängigkeit streben, dass der Brexit den republikanischen Kräften in Nordirland als goldene Gelegenheit zur Wiedervereinigung mit der Republik Irland erscheinen würde. Doch das war den englischen "Leavers" vollkommen gleichgültig, weil sie zwar immer vom Königreich sprachen, in Wahrheit jedoch nie über England hinausblickten. Für viele Engländer sind Edinburgh oder Belfast genauso weit weg wie Brüssel oder Bukarest.

England, die traditionelle Hegemonialnation des Königreiches, ist über die politische Zukunft so tief zerstritten wie wohl seit dem englischen Bürgerkrieg im 16. Jahrhundert nicht mehr. Das ist die Folge einer fundamentalen Identitätskrise, in der sich die Engländer schon länger befinden. Früher sei es einfach gewesen, Engländer zu sein sei, hat Jeremy Paxman, Autor des Standardwerkes "The English", gesagt: "Sie waren eines der am leichtesten zu identifizierenden Völker der Welt, erkennbar an ihrer Sprache, ihren Manieren, ihrer Kleidung und daran, dass sie eimerweise Tee tranken." Dieses Nationalprofil, das natürlich selbst eine nostalgische Verkürzung ist, hat sehr gelitten. Keine der sogenannten Home Nations, aus denen sich das Vereinigte Königreich zusammensetzt, ringt so sehr mit dem Verlust ihrer imperialen Macht und dem Verfall der übergreifenden britischen Nationalidentität wie die Engländer. Während Waliser und Schotten sich auf ihre keltischen Wurzeln besinnen, ist der englische Nationalstolz gleichsam entwurzelt. Englishness war früher weitgehend deckungsgleich mit Britishness. Aber während Britishness (zumindest bisher) jedem zugänglich war, der sich als Teil der britischen Gesellschaft verstand, stellt sich immer drängender die Frage, was "englisch sein" heute bedeutet.

Der Mythos vom englischen Sonderstatus zehrt vom Triumph über das kontinentale Böse

Die Antwort, die Anhänger des englischen Exzeptionalismus auf diese Frage geben, orientiert sich weit weniger an der Gegenwart als an einer spezifischen Version der Vergangenheit. Der Mythos vom englischen Sonderstatus zehrt einerseits vom Heldentum, vom Triumph über das Böse, das vom europäischen Kontinent ausgeht, mit dem Sieg über Nazideutschland als "finest hour". Andererseits vereinnahmt diese Sichtweise Eigenschaften wie Toleranz und Selbstironie, Fairness und Stoizismus als "typisch englisch". Hinzu kommt eine Tendenz zur Romantisierung des Ländlichen gegenüber der Stadt, die Sehnsucht nach dem einfachen Leben, die Identifizierung mit Heim, Scholle und einer überschaubaren Gemeinschaft anspruchsloser Selbstversorger. Niemand hat die eigenen Klischees so verinnerlicht wie jene Engländer, die sich selbst ständig versichern, "the greatest Nation in the World" zu sein, zugleich aber auch immer den glorreichen Zeiten ihrer Weltherrschaft nachtrauern.

Mit dieser Mischung aus Hybris und Melancholie beschreibt John of Gaunt England in William Shakespeares "Richard II.": "Dies gekrönte Eiland, dies zweite Eden, dies Bollwerk, das Natur für sich erbaut, der Ansteckung und Hand des Kriegs zu trotzen, dies Volk des Segens, dies Kleinod, in die Silbersee gefasst, die ihr den Dienst von einer Mauer leistet, von einem Graben, der das Haus verteidigt, vor weniger beglückter Länder Neid; der segensvolle Fleck, dies Reich, dies England." Die pathetische Aufzählung des alten Gaunt auf dem Totenbett gipfelt in der Klage, ein buchhalterischer Geist habe sich unter Richard II. des Landes bemächtigt, "in Schmach gefasst, mit Tintenflecken und Schriften auf verfaultem Pergament". Das Land, das früher andere zu unterwerfen pflegte, habe "schmählich über sich nun Sieg erlangt".

Da ist alles vereint - die Selbstverherrlichung, der als selbstverständlich vorausgesetzte Neid der weniger glücklichen Völker, das Jammern über den selbstverschuldeten Niedergang. Englische Euro-Skeptiker haben diese Rede stets als Aufruf verstanden, sich aus den Fesseln der Maastrichter Verträge, aus dem EU-Verbund, und damit aus selbstgewählter politischer Sklaverei zu befreien. Für den Tory-Politiker John Redwoood, der sogar ein von Westminster abgetrenntes englisches Parlament etablieren will, geht es in Gaunts Monolog darum, wie wichtig es für England sei, unabhängig zu sein: "England ist eine Inselnation mit unseren eigenen Werten", sagte Redwood einmal. "Wir mögen keine Kirchen, die ihr Zentrum in Rom haben, wir wollen ein Land, das die Rechte der Untertanen gegen die Regierung verteidigt. Heute ist die europäische Regierung der Feind der Freiheit. Wir wollen Handel und Kulturaustausch, nicht die erdrückende Regulierungswut in Brüssel."

Der englische Widerwille gegen die paneuropäische Idee ist nicht zuletzt religiösen Ursprungs

Dass Redwood ausdrücklich die "Kirche von Rom" erwähnte, zeigt übrigens, dass der englische Widerwille gegen die paneuropäische Idee ebenso sehr religiösen wie politischen Ursprungs ist. Die englische Nationalidentität der Neuzeit erwuchs aus der Reformation unter König Heinrich VIII. Er sagte sich vom Katholizismus los und machte sich zum Oberhaupt der neugegründeten anglikanischen Staatskirche. Um die konfessionelle und kulturelle Homogenisierung Englands zu festigen, propagierten Kirche und Staat eine moralische Überlegenheit gegenüber dem Kontinent: Hier die Anglikaner, die nur auf die Bibel vertrauten, dort das papistische, verrottete Europa. Dieses Narrativ moralischer Überlegenheit hat sich über die Jahrhunderte in vielen Konflikten bewährt, vom Kampf gegen die Spanier über die Napoleonischen Kriege bis hin zu beiden Weltkriegen. Die Rhetorik der Brexit-Befürworter während der Referendumskampagne war durchdrungen von einer säkularisierten Version dieser Haltung, wenn sie von der "korrupten, verrotteten" EU sprachen.

Um eine moralische Überlegenheit Englands gegenüber der EU zu beanspruchen, ist besonders in diesen Tagen eine ausgeprägte Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung nötig. Letztlich ist das Drängen auf "Kontrolle über die eigenen Grenzen" nichts anderes als eine quasi-philosophisch unterfütterte Version jener Abscheu gegen das "Fremde", die sich in England seit dem EU-Referendum auch in ihren extremeren Ausprägungen manifestiert. Rassistische Übergriffe haben sich verfünffacht, Ausländern jeder Herkunft wird auf der Straße empfohlen, ihre Sachen zu packen. Alle, die so schockierend unsubtil verfahren, tut man reflexartig als Minderheit von Proleten aus der Unterschicht ab. Von ihnen setzen sich die zivilisierten "Leavers" der Mittelschicht durch das wirksamste Strukturelement der britischen Gesellschaft ab: durch ihre Klasse.

In der Debatte über die vergiftete Atmosphäre in England wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die weit überwiegende Mehrheit der Brexit-Befürworter "rechtschaffene Menschen" seien. Diese rechtschaffenen Menschen ziehen es vor, zu ignorieren, dass sie dabei geholfen haben, eine Büchse der Pandora zu öffnen. Eine Auseinandersetzung mit dem Rassismus würde eine Selbstbefragung voraussetzen, die das geschlossene Welt- und Selbstbild des englischen Exzeptionalismus nicht zulässt. Stattdessen feiern diejenigen, die ihm anhängen, endlich wieder das eigene Schicksal bestimmen zu können. Sie haben alle Engländer, die gerne in der EU geblieben wären, mit in ihre lang ersehnte Splendid Isolation gezerrt. Die englische Identitätskrise haben sie dadurch langfristig nur vertieft.