Wunibald Müller über Missbrauch Wege zur Reife

Viele des Missbrauchs schuldig gewordene Priester sind in ihrer sexuellen Entwicklung auf dem Stand von 14-Jährigen: Theologe Müller schreibt in der Jesuiten-Zeitschrift.

Von S. Speicher

Die Stimmen der Zeit, Zeitschrift der deutschen Jesuiten, hat im jüngsten Heft (4/2010, Verlag Herder, Freiburg, 11 Euro) einen Beitrag der Frage "Sexueller Missbrauch und Kirche" gewidmet. Autor ist der zuletzt öfters zitierte Wunibald Müller, Theologe und Psychotherapeut, der, selbst nicht Priester, viele Priester und Ordensleute betreut und derzeit das "Recollectio-Haus" der Abtei Münsterschwarzach leitet. Müller lehnt jede Verharmlosung der Krise ab. Missbrauch gibt es für ihn nicht allein an Kindern und Jugendlichen.

Ein erstes Beispiel handelt von einem Pater, der "geistlicher Begleiter" einer Frau von dreißig Jahren ist, die von ihrem Mann getrennt lebt. Durch den plötzlichen Tod seiner Mutter erschüttert sucht er menschliche Nähe, die ihm sein Orden nicht bietet. Es kommt zum sexuellen Kontakt mit der Frau; dies ist für Müller Missbrauch, selbst wenn die Frau dieser Art der Beziehung zustimmte.

Reife ist das Schlüsselwort

Als Seelsorger habe der Pater die Verantwortung für die Wahrung der Grenze gehabt; in der Situation geistlicher Betreuung sei die Fähigkeit der Frau, die eigenen Grenzen zu schützen, beeinträchtigt. Dem Pater habe die "psychische Reife" gefehlt, die Intimsphäre anderer zu respektieren. "Reife" ist das Schlüsselwort des Aufsatzes. Reife, so Müller, fehlt insbesondere denen, die Kinder missbrauchen.

Beim Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker sind Schätzungen zufolge achtzig Prozent der Opfer männlich. Wie kommt es dazu? Müller vermutet, dass die kirchlichen Vorbehalte gegen die Homosexualität dazu führen, dass homosexuell veranlagte Priester Probleme haben, sich über ihre Neigung Rechenschaft abzulegen. Das aber wäre Voraussetzung, "auf eine reife Weise" damit umgehen zu können. Schockierend ist die Beobachtung, dass viele Priester, die des Missbrauchs schuldig wurden, in ihrer sexuellen Entwicklung "auf der Stufe eines 13- oder 14-Jährigen stehengeblieben sind".

So sind sie sich oft nicht darüber im Klaren, ob sie homo- oder heterosexuell sind. Sie neigen zum Narzissmus, wollen beliebt sein und sind es oft auch, weil sie es verstehen, andere zu manipulieren. Die Unreife, die sie dazu treibt, bedeutet aber auch einen Mangel an Empathie und auch einen Mangel an Bereitschaft, sich auf eine Therapie der eigenen Persönlichkeitsstörung einzulassen.

Was kann die Kirche tun? Sie muss, so Wunibald Müller, sich davon lösen, Spiritualität als Kampf gegen das eigene Wohl zu verstehen, den "Raubbau an sich selbst" heiligzusprechen. Stattdessen soll sie auf die psychische Gesundheit der Kleriker ein Auge haben. Durch die Ausbildung der Priester und danach müsse "eine normale sexuelle Entwicklung und einhergehend damit die Fähigkeit (. . .) zur Intimität" gefördert werden. Zölibatär zu leben heiße nicht, "die normale sexuelle Entwicklung zu unterbinden", es heiße vielmehr, "die Sexualität, die ein selbstverständlicher, normaler Teil von uns ist, zuzulassen, zu entfalten (. . .) und sie unabhängig davon, ob wir ehelos oder in einer Beziehung leben, für unser Leben fruchtbar zu machen".

Aber ist Sexualität nicht vor allem eine Praxis oder jedenfalls auf Praxis gerichtet? Und was kann "normale sexuelle Entwicklung" unter erzwungenem Verzicht auf sexuelle Praxis heißen? Müller bezeichnet die Probleme deutlich, er verharmlost und verschmiert nichts. Aber wo es um die Lösung der Probleme geht, da fehlen auch ihm die klaren Begriffe.