Würdigung Houellebecq liest Schopenhauer

Der Schriftsteller ist als Romanautor, Filmemacher, Dichter, Musiker, Filmschauspieler, Sujet für Maler und als Provokateur gewürdigt worden. Er erscheint in der Reihe "Les Cahiers de l'Herne".

Von Joseph Hanimann

Neben der Aufnahme in die Klassikerreiche "La Pléiade" bei Gallimard schon zu Lebzeiten gibt es in Frankreich eine weitere Anerkennung als bedeutender Schriftsteller: das Erscheinen in der Porträtreihe "Les Cahiers de l'Herne". Bei Michel Houellebecq ist das nunmehr der Fall. Die großformatigen dicken Bände, herausgegeben von der kleinen Pariser Verlagsbuchhandlung L'Herne, sind ein erster Schritt in die Ewigkeit. Georges Perec, Martin Heidegger, Jean Cocteau haben ihn im vergangenen Jahr getan. Und jetzt also auch Houellebecq. In zwei Dutzend Beiträgen von Schriftstellerkollegen wie Yasmina Reza, Emmanuel Carrère, Frédéric Beigbeder, von Kritikern, Professoren und Freunden sowie mit eigenen bisher unveröffentlichten Texten wird Houellebecq im jüngsten Band der "Cahiers de l'Herne" als Romanautor, Filmemacher, Dichter, Musiker, Filmschauspieler, Sujet für Maler, als Provokateur und als Impresario einer Figur namens Michel Houellebecq gefeiert.

Anders als in Deutschland, wo ihn der faszinierende Nimbus des bösen Buben von nebenan umgibt, hängt in Frankreich immer auch der Stallgeruch des einheimischen Reaktionärs an ihm. Er sättigt das Diskussionsklima, kann aber der Bedeutung dieses Autors nichts anhaben. Die "Cahier"-Herausgeberin Agathe Novak-Lechevalier spricht von einem "Balzac-Effekt": Wie Balzacs "Comédie humaine" mehreren Generationen ein Verständnismuster zur unbegreiflich gewordenen Bürgergesellschaft nach der Revolution geliefert habe, sei Houellebecqs Werk ein Gesamtentwurf für unsere undurchschaubar gewordene Gegenwart.

Der Schriftsteller Emmanuel Carrère sieht in ihm eine "uns allen sich aufdrängende Totalwahrheit". Manche Beiträge im neuen "Cahier" zeigen dafür interessante Entwicklungen auf. War etwa der Roman "Die Möglichkeit einer Insel" noch von der Erwartung bestimmt, dass der Islam sich im Kapitalismus auflösen würde, so erklärt der Soziologe Eric Fassin, sei im Roman "Unterwerfung" gerade das Umgekehrte der Fall: Er zeige, wie der Islam sich der liberalen kapitalistischen Gesellschaft bemächtigen könne.

Unter Houellebecqs Eigenbeiträgen sind im Band die vom Journalisten Sylvain Bourmeau stichwortartig aufgezeichneten Apropos reizvoll. Beim Thema "Deutschland" erwähnt der Schriftsteller sein Staunen bei den ersten Begegnungen mit deutschen Journalisten, die seitenweise mitgeschrieben hätten. "Dieser Ernst im Umgang mit der Kultur hat mir gutgetan", erzählt er, und habe ihm auch erlaubt, seine eigene ernste Seite zum Ausdruck zu bringen. Diese Seite nimmt gern philosophische Züge an, mit anhaltender Nietzsche-Verachtung und ebenso dauerhafter Schopenhauer-Verehrung. Houellebecqs Interesse für Schopenhauer ist bekannt. Schon der Titel seiner Schrift über Lovecraft erinnerte 1991 an den deutschen Meister der Weltverneinung und die Anspielungen auf ihn ziehen sich durchs ganze Werk. Umso interessanter ist der ebenfalls im Verlag L'Herne nun erstmals, aber in einem gesonderten Bändchen publizierte Text "En présence de Schopenhauer".

Im Alter von 25 Jahren ist Houellebecq auf Schopenhauers "Aphorismen" gestoßen

Houellebecq hat vor gut zehn Jahren zwei Dutzend Passagen aus Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" und aus den "Aphorismen zur Lebensweisheit" in "Parerga und Paralipomena" übersetzt und kommentiert. Das angefangene Buchprojekt blieb dann aber liegen. Im Einführungstext dazu berichtet er, wie er als etwa Fünfundzwanzigjähriger in einer Pariser Stadtbücherei auf Schopenhauers "Aphorismen" gestoßen sei. "Ich kannte damals Baudelaire, Dostojewski, Lautréamont, Verlaine", schreibt er. Auch die Bibel, Pascals "Pensées", den "Zauberberg" und vieles andere habe er gelesen - doch dann "ist innerhalb weniger Minuten alles umgekippt". Zwei Wochen lang sei er nach dieser Entdeckung auf der Suche nach Schopenhauers Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" durch Paris gerannt. Zwar habe er sich mittlerweile in einer Art "ernüchtertem Enthusiasmus" dem Positivismus von Auguste Comte zugewandt, kenne aber bis heute nichts Tröstlicheres als Schopenhauers Philosophie gegen den Lebenswillen.

Houellebecqs Schopenhauer-Kommentare bieten eine ebenso gründliche wie originelle Lektüre. Ein gewisses Befremden zeigt er aber gegenüber Schopenhauers Ablehnung der Erotik als Darstellungsmittel der Kunst. Der französische Schriftsteller akzeptiert Schopenhauers Prinzip der interesselos reinen Kontemplation bei der Kunstwerkbetrachtung, möchte aber auf ein bisschen nackte Menschenhaut nicht ganz verzichten. Auch Erotik und Pornografie gehören, sofern sie die Begierde nicht wecken, sondern nur streifen, zur Kunst, findet er. Schade nur, dass er auf solche Paradoxe nicht weiter eingeht. Die Hoffnung, dass von ihm selbst etwas philosophisch Relevantes zu erwarten sei, habe er aufgegeben, schreibt er resigniert. "Nervend" findet er dennoch, in einer Zeit zu leben, die seit Schopenhauer und Comte nichts philosophisch Bedeutendes mehr hervorgebracht habe. "Ich bin mir ziemlich sicher, wäre das Denken um mich her etwas reichhaltiger, würde ich auch bessere Romane zustande bringen." Um damit einen Pléiade-Band zu füllen, fehlen noch ein paar gute.