Wrestlemania Was uns Wrestling über die USA lehrt

Donald Trump während Wrestlemania 23 im Jahr 2007. Im Kampf der Milliardäre ließ er den Wrestler Bobby Lashley (links) für sich antreten.

(Foto: AP)

Die Mischung aus Sport und Theater ist uramerikanisch - und Präsident Trump ist einer ihrer größten Fans.

Von Johannes Kuhn, Austin

Wird der alternde Undertaker als Totengräber oder in seiner Biker-Inkarnation auftauchen, um mit dem ewigen Sunnyboy John Cena in den Ring zu steigen? Wer sich gerade solche oder ähnliche Fragen stellt, gehört zu denjenigen, die in der Nacht zum Montag dem Wrestling-Großereignis Wrestlemania 34 entgegenfiebern.

Alle anderen können an dieser Stelle die Nase entrümpfen. Akrobatische Keilereien und endlose Seifenoper-Fehden zwischen Gut und Böse sind nichts für jeden Geschmack. Doch als Lehrmaterial, um die USA zu verstehen, ist Wrestling unbezahlbar. Und das nicht nur, weil US-Präsident Donald Trump bereits 2013 in die Ruhmeshalle von World Wrestling Entertainment (WWE) aufgenommen wurde und mit der schwerreichen Besitzerfamilie McMahon so gut befreundet ist, dass er Eigner-Ehefrau Linda McMahon sogar zur Leiterin der Bundesbehörde für Kleinunternehmen gemacht hat. Eine Einführung in vier Kapiteln.

Trumps beste Verteidiger sitzen bei "Fox News"

Der konservative Sender ist so mächtig wie noch nie. Und für Trump unglaublich wichtig. Dort castet er seine Minister - und Moderatoren wie Sean Hannity diskreditieren die Russland-Ermittlungen. Von Beate Wild mehr ...

(1) Die Welt als Wrestling und Vorstellung

Im Prinzip ist Wrestling Theater und die WWE die größte Theatergesellschaft der Welt. Eine schnelle YouTube-Suche allerdings zeigt, dass man das Wort "gespielt" nicht leichtfertig einsetzen sollte. Da sind brutale Stacheldraht-Matches zu sehen, knochenberstende Ring-Unfälle oder Kamikaze-Akteure wie Mick Foley, der einst in einem Münchner Ring seines Ohrs verlustig ging. Den hohen Preis der Akrobatik erkennt man auch an der langen Liste von versehrten, verlebten oder zu früh verstorbenen Ex-Wrestlern.

Aus dieser Perspektive lässt sich die Resonanz der WWE durchaus mit der amerikanischen Vorliebe für den ebenfalls gladiatorenhaften - und wegen der Spätfolgen für die Sportler umstrittenen - American Football und seine Profiliga NFL vergleichen. Doch Wrestling lebt vor allem von den Seifenoper-Handlungen, die Kämpfe einleiten und eine Geschichte vom Kampf der Guten ("Babyfaces") gegen die Bösen ("Heels") erzählen.

Genau hier erhält Wrestling die Doppelbödigkeit, die inzwischen Parallelen in der politischen Debatte hat: "Kayfabe" heißt der unübersetzbare Begriff, der die Übereinkunft beschreibt, im Ring und auf dem Bildschirm todernst Rivalitäten zu verkörpern, während Akteure und Publikum Bescheid wissen.

Einst reisten Bösewichte und Helden sogar in getrennten Autos, um die Ring-Rivalität nicht zu entmythisieren. Heute dagegen würde sich niemand wundern, wenn Roman Reigns (Typ: Game-of-Thrones-Krieger) und sein Rivale Brock Lesnar (Typ: arroganter Mixed-Martial-Arts-Stiernacken) sich bis in die Publikumsränge prügeln, aber später am Abend gemeinsam in einer Bar gesichtet werden.

Dennoch diskutieren viele Wrestling-Fans leidenschaftlich, warum etwas gerade passiert: Erhält die filigrane Wrestlerin Sasha Banks eine Titelchance, weil die WWE in einem Monat in ihrer Heimatstadt in Kalifornien zu Gast ist und die Ticketverkäufe ankurbeln möchte? Wird der "bulgarische Rohling" Rusev vom Bösewicht zum Helden gemacht, weil ihm die Fans sowieso schon zujubeln und seine T-Shirts kaufen? Die WWE entscheidet tatsächlich nach solchen Kriterien, wenn sie die Handlungsstränge für ihre Kämpfer festlegt.

Diverse politische Beobachter halten Kayfabe für den entscheidenden Begriff, um die gegenwärtige zynische Wahrnehmung von Politik in den USA zu verstehen: Wenn ohnehin Großspender die Akteure in Washington nach Belieben lenken, erscheinen die vorgebrachten Argumente der Politiker wie "Promos", also emotionale Mikrofon-Reden im Ring, um dem Plot eine plausible Fassade zu geben.

Und ließe sich nicht die Wahlkampf-Inszenierung, in der die Kandidaten sich gegenseitig verbal verprügeln, als gewaltiger Schaukampf sehen, in dem wie im Wrestling Authentizität und Unterhaltsamkeit die entscheidenden Kriterien sind? Und was anderes macht US-Präsident Donald Trump, wenn er, selbst Teil der Oberen Zehntausend, im Wahlkampf den Vertreter des arbeitenden Amerika gibt, um dann mit einer Steuerreform sich und andere Superreiche millionenschwer zu beschenken? Offen bleibt, ob diese Wrestling-Interpretation auf die Welt zynisch ist - oder der Zynismus sich in der Welt selbst verbirgt.