Wortschatz-König Morlockk Dilemma "Vielleicht würde Goethe heute Rap-Texte schreiben"

Der Rapper Morlockk Dilemma, Berlin; Morlockk Dilemma

(Foto: Jakob Hoff)

Welcher Deutsch-Rapper hat den größten Wortschatz? Ergebnis einer Liedgut-Analyse: Morlockk Dilemma benutzt mehr Wörter als Goethe. Was der Berliner von der Ehrung hält - und wie er zu Helene Fischer (Platz 25) steht.

Von Alexandra Perlowa

Beim Scrabble sollte man sich nicht mit ihm anlegen: Morlockk Dilemma, mit bürgerlichem Namen Falko Luniak, steht an der Spitze einer Ranking-Liste von "Puls", dem Jugendradio des Bayerischen Rundfunks. Die vergleicht den Wortschatz-Umfang deutscher Rapper und Popmusiker mit dem von Goethe. Mit 3093 Wörtern verwies er seinen Kollegen Kollegah und Goethe auf die Plätze. Auch sein Künstlername ist literarisch: Die Morlocks sind Figuren aus H.G.Wells' Roman "Die Zeitmaschine".

Wem fühlen Sie sich näher - Goethe oder Helene Fischer?

Wer weiß, wenn Goethe noch lebte, würde er vielleicht auch Rap-Texte schreiben. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich ihn als Lektüre mit ins Bett nehme, aber auch mir wurden Faust I und II zu Schulzeiten um die Ohren geprügelt. Allein auf der Grundlage der Liste möchte ich mich keinesfalls mit ihm in eine Reihe stellen. Die Musik, die ich mache, ist eine absolute Nische und Teil einer Subkultur, während Goethe bis heute von einer breiten Masse anerkannt wird.

Gibt es trotzdem etwas, was Sie mit Goethe verbindet?

Was uns verbindet, ist die Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache. Für mich war es natürlich trotzdem spannend zu sehen, dass der Wortschatz eines Rappers quantitativ besser abschneiden kann als die Wortgewalt von jemandem wie Goethe.

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Worum geht es in Ihren Texten?

Rap ist eine Spielart, in der das Wie entscheidend ist. Ich setze auf rhetorische Figuren, ungewöhnliche Wortspiele und in erster Linie selbstverständlich auf Reimschemata. Das soll aber nicht bedeuten, dass meine Reime nach dem Prinzip "Reim' dich oder ich fress' dich" funktionieren und die Aussage zugunsten eines Reimes in den Hintergrund tritt.

Farid Bang beleidigt der Auswertung zufolge besonders häufig Mütter, während Samy Deluxe es offenbar auf Väter abgesehen hat. Mit welchem Feindbild legen Sie sich in Ihren Texten an?

Genau wie Haftbefehl oder Bushido baue auch ich manchmal Elemente aus dem Battle-Rap ein, benutze also Fäkalsprache, zeichne gewalttätige Szenarien oder beleidige ein fiktives Gegenüber. Im Idealfall erkennt der Hörer nicht nur, dass ich ein Faible für nicht ganz reine Reime habe, sondern auch meine gesellschaftskritischen Äußerungen hinter den Textzeilen.

Was sagt das Ranking für Sie aus?

Als ich von meiner Platzierung erfahren habe, fühlte ich mich natürlich erst einmal geehrt - schließlich habe ich Kollegen wie Dendemann abgehängt, deren Wortreichtum ich hoch schätze und von denen ich weiß, dass ihnen Sprache ebenso auch am Herzen liegt. Nur, weil ich auf meinen Alben die meisten Wörter benutzt habe, sehe ich mich aber noch lange nicht als Speerspitze in der Rap-Landschaft.

Die Größe des Wortschatzes sagt also Ihrer Meinung nach nichts über Qualität aus?

Nein, darüber trifft das Ergebnis noch lange keine Aussage. Auf lange Sicht hat das Ganze weder für mich noch für andere einen sonderlichen Aha-Effekt, schätze ich. Ich bezweifle, dass die Leute sich jetzt zu einer näheren Auseinandersetzung mit Sprache motiviert fühlen. Dabei kann eigentlich jeder das tun, was ich tue. Ich habe zwar eine journalistische Ausbildung hinter mir, aber ich denke nicht, dass die maßgeblich zur Entstehung meiner Tracks beigetragen hat. In erster Linie zählen Ehrgeiz und der Wunsch, sich weiterzuentwickeln. Es kommt darauf an, kritisch mit sich und nicht zuletzt mit dem zu sein, was man mithilfe von Worten erschafft.