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Wort des Jahres 2014:Grenzwertig

25 Jahre Mauerfall - Lichtgrenze Wort des Jahres

Die leuchtenden Ballons waren Teil des Projekts "Lichtgrenze 2014" zum 25. Jahrestag des Mauerfalls und zeigten einen Teil des Verlaufs der Berliner Mauer.

(Foto: dpa)

"Lichtgrenze" ist das "Wort des Jahres 2014", entschied die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache. Ein Wort mit viel Symbolgehalt, aber schlechter Nachbarschaft - und 2015 droht schon die "schwarze Null".

Als vom 7. bis zum 9. November in Berlin mehr als 8000 weiße Ballons auf einer Länge von 15 Kilometern dort aufgereiht waren, wo früher die Mauer stand, war das ein schöner Anblick. Und der Name "Lichtgrenze", den die Erfinder ihrer Installation gegeben hatten, passte vorzüglich zu ihrer Aufgabe, die Gedenk-Feierlichkeiten "25 Jahre Mauerfall" in einem Bild zu verdichten.Im Duden war die Lichtgrenze bisher nicht verzeichnet.

Der Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache hat die Neuprägung so gut gefallen, dass sie sie zum "Wort des Jahres 2014" ausgerufen hat. Dabei hat sie sich ganz an den Symbolgehalt der Installation gehalten, an das Verschwinden der Grenze im Licht, an das geschichtsmächtige Bild des Aufstiegs aus dem Dunkel in eine helle Zukunft. Schaut man aber das Wort näher an, dann löst sich die Lichtgrenze von der symbolischen Installation und geht ein wenig spazieren, um sich in ihrer Nachbarschaft umzuschauen.

Wort des Jahres "Lichtgrenze" ist Wort des Jahres 2014
Sprache

"Lichtgrenze" ist Wort des Jahres 2014

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Da trifft sie auf die Sichtgrenze, die Schneegrenze und die Baumgrenze, und noch ehe sie an der Stadtgrenze angekommen ist, hat plötzlich in der Lichtgrenze nicht mehr das Licht, sondern die Grenze das letzte Wort. Die Sichtgrenze ist da, wo man nichts mehr sieht, die Schneegrenze da, wo der Schnee aufhört, die Stadtgrenze da, wo die Stadt endet, und die Lichtgrenze also da, wo das Dunkel beginnt. Sie ist immer noch in Berlin, aber statt des Orchesters, das Schillers "Hymne an die Freude" intoniert, krächzt nun Mackie Messer mit der Stimme Bertolt Brechts: "Denn die einen sind im Dunkeln/Und die andern sind im Licht./Und man siehet die im Lichte /Die im Dunkeln sieht man nicht."

Oh je, und wer taucht aus dem Dunkel auf? Die "schwarze Null", die der Lichtgrenze bei der Wahl zum Wort des Jahres fast die Show gestohlen hätte, als Botin aus der Wirklichkeit des Jahres 2014, in der Ost und West um den Solidarbeitrag streiten und die auf Teufel komm raus sparsam-strengen Deutschen bei ihren südlichen Nachbarn als kalte Nation gelten, kälter als die kalte Progression. Die schwarze Null hat nur den zweiten Platz gemacht. Sie steht für 2015 bereit und hat die Lichtgrenze fest im Blick.

© SZ vom 13.12.2014/danl
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