Woody Allens "Match Point" Vom Zwang entflammt

Starke Rückhand: Woody Allen entwirft in seinem neuen Film ein intensives Bild der Liebe.

Von Fritz Göttler

Dies ist ein Film, der einem doch das Gefühl vermittelt, dass es eine Gerechtigkeit gibt in der Welt, eine ausgleichende Gerechtigkeit. Dass eine Instanz über uns wacht und fürsorglich darauf schaut, was wir machen aus unserem Leben. Ein Schiedsrichter gewissermaßen, der in kritischen Fällen nicht nur entscheidet, wo der Ball nun wirklich aufgesprungen ist - sondern schon mal selber durch einen diskreten Schubser nachhilft, dass er sich auf die richtige Seite des Netzes bewegt.

Chris Wilton (Jonathan Rhys Meyers) ist der Held des Films, ein junger Tennisspieler, der sich als Nachhilfelehrer in der Highsociety von London verdingt. Er hat eine effektive Technik bei den Netzspielen - Tennis und auch Tischtennis -, aber er weiß nicht, wie das Spiel gespielt wird. Als er bei einer Einladung aufs Land im Hobbyraum unvermutet der jungen Nola (Scarlett Johansson) an einem Tischtennistisch gegenübersteht, die ihn lässig - "Mein nächstes Opfer!" - zu einer Partie Pingpong auffordert - "Einsatz ein Tausender?" -, packt er den Schläger und knallt ihr ihren Aufschlag mit einem schlimmen Schmetterball zurück.

Wenig später merkt er, dass Nola die Verlobte seines Freundes Tom Hewett (Matthew Goode) ist, des jungen Mannes, bei dessen Familie er angeheuert hat. Chris hat echt gute Chancen, in Kürze Toms Schwester Chloe (Emily Mortimer) zu heiraten und dadurch den Aufstieg zu schaffen. Nola ihrerseits hofft unverdrossen auf starke Rollen. "Das nächste Mal bin ich vorbereitet, wenn ich dich treffe", sagt sie Chris, als sie ihren Abgang macht.

Es ist eine schöne kleine Lektion in der Kunst des Retournierens, die Woody Allen mit diesem Film geschaffen hat - es ist sein 39. insgesamt und der Erste, den er in der ihm fremden Stadt London gedreht hat. Im Frühjahr hat er ihn, außer Konkurrenz, auf dem Festival in Cannes präsentiert, zum Vergnügen der Kritiker. Nun kommt "Match Point" weltweit in die Kinos - Woody Allen hat inzwischen schon den nächsten Film abgedreht, "Scoop", erneut mit Scarlett Johansson. Ein starkes Jahr also für den Filmemacher. Glück gehabt!

London, das kühlere New York

"Ich wollte etwas machen über die Rolle, die das Glück im Leben spielt", hat Woody Allen in einem Interview erklärt, "und dass wir alle eine Mordsangst haben, dem ins Auge zu sehen. Sehen Sie, jeder hätte doch gern, dass er die Kontrolle über sein Leben hat, oder zumindest ein bisschen Kontrolle. Jeder denkt doch, sagen wir mal, wenn ich regelmäßig Sport treibe und vernünftig esse und nicht rauche, dann werde ich ... Aber so läuft das nicht. Und keine noch so große Planerei kann der großen Rolle gerecht werden, die das Glück eben spielt. Ich wollte also eine Geschichte schreiben, die das zeigen sollte."

Dass Woody Allen einen ähnlichen Gedankengang dann seinem Helden in den Mund legt, sollte bei den Zuschauern natürlich sofort Alarmglocken schrillen lassen. So läuft das nicht bei Woody Allen ... Natürlich war der Film ursprünglich für Woodys Biotop New York geschrieben, aber dann konnte er in den USA keine Produzenten finden, die ihm die gewohnte Unabhängigkeit zusichern wollten. Die Ferne vom Neurosenpfuhl New York hat dem Film überaus gut getan. Und die Verlegung nach London hat der coolen Geschichte dann noch ein paar Grad Abkühlung zusätzlich gebracht, hat den aparten Grundton protestantischer Ethik noch ein wenig protestantischer gemacht. Gern würde man auch das ungewöhnliche Ende - mit seiner Mesalliance aus Zynismus und Moral - dem Einfluss des alten Europa zuschreiben.

Die Hewetts sind natürlich doch irgendwie eine fade Familie, aber die großkotzig-bourgeoise Welt, in der sie leben, ist einfach großartig. Das ist ein Volk, das sich ganz natürlich bewegt in den großen Räumen der Tate Modern - die Woody Allen, weil ihm der Originalschauplatz verweigert wurde - im Studio nachbauen ließ, mit den Riesengemälden an der Wand. Das sind Leute, die den Blick durch die breite Fensterwand in ihren Appartements am Themseufer nicht mehr sehr beeindruckend finden. Nola aber ist Amerikanerin und Chris ist Ire. Zwei Außenseiter, zwei Deklassierte, die eigentlich zusammenhalten sollten - dennoch machen sie sich, je weiter die Geschichte voranschreitet, gegenseitig fertig.

Knackendes Raunen der Geschichte

Nola wird eine Nervensäge. Chris hat plötzlich die Züge eines modernen Raskolnikow. Gnadenlos lässt Woody Allen ihre Affäre verkümmern, in ein Genörgel und Gezeter, eine Serie dummer Ausflüchte und Notlügen, ein quengeliges Hinterhersein mit dem Handy. Sie wissen beide, dass Vorankommen Prostitution bedeutet in dieser Gesellschaft. Einmal sind die vier jungen Leute abends im Kino verabredet, sie wollen die "Motorcycle Diaries" anschauen, über den jungen Che und seinen Traum von Freiheit und Revolution. Aber Nola versetzt die anderen - sogar ihre Träume nutzen sie, um mit dem andern zu spielen. Richtig fertig ist sie und trostbedürftig, nachdem sie wieder mal ein Vorsprechen für eine Rolle verpatzt hat.

Es wird irgendwann anstrengend, die Spritzigkeit, die Eleganz, den Witz beizubehalten, den die gehobene Gesellschaft verlangt. Müdigkeit schleicht sich in die Blicke von Nola und Chris, die Müdigkeit einer Liebe, die nun die Intrige entblößt, der sie dient. "Una furtiva lacrima" hört man Caruso singen. Die Tragödie, die Woody Allen beschwört, in diesem Film so rein wie noch nie zuvor, ist die der Oper - der klassischen Oper, in klassischen Schellackaufnahmen: "Troubadour", "La Traviata", "Otello". So kratzend und knackend muss das Raunen der Geschichte sich anhören.

Natürlich hat das Tragische nie das letzte Wort bei Woody Allen. Und bei allem Gemauschel und Gemetzel bleibt am Ende ein unwiderstehliches Gefühl von Leichtigkeit, ja von Leichtfertigkeit. Ein alter Mann - vor einigen Wochen hat Woody Allen seinen siebzigsten gefeiert - beugt sich fasziniert über das Treiben einer neuen Jeunesse dorée. Dieses Mal scheint Woody vorbereitet, mit "Match Point" kann er endlich eine überfällige Korrektur anbringen. Film für Film hat man ihm nachgesagt, er würde es gern wie Bergman machen - aber in Wirklichkeit schielte er noch ein Stückchen weiter, auf die Nouvelle Vague. Es ist etwas Stendhaleskes in seinem neuen Film, der so unsentimental spekuliert über die Verwicklungen von Liebe und Verführung und Sex und Ehrgeiz und Mordlust. "In Europa", heißt es bei dem französischen Autor, "wird das Verlangen durch den Zwang entflammt, in Amerika durch die Freiheit erstickt."

MATCH POINT, USA/GB 2005 Regie, Buch: Woody Allen. Kamera: Remi Adefarasin. Schnitt: Alisa Lepselter. Musik: Gaetano Donizetti, Giuseppe Verdi, Andrew Lloyd Webber, Carlos Gomes, Gioacchino Rossini, Georges Bizet. Mit: Scarlett Johansson, Jonathan Rhys Meyers, Emily Mortimer, Matthew Goode, Brian Cox, Penelope Wilton, James Nesbitt, Ewen Bremner, Steve Pemberton, Margaret Tyzack. Prokino, 124 Minuten.