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"Wonder Woman 1984":Hybris siegt

Wonder Woman 1984

Ja, sie kämpft wieder, aber irgendwie nur mit halber Kraft: Gal Gadot als Wonder Woman.

(Foto: Warner)

Die Schauspielerin Gal Gadot und die Regisseurin Patty Jenkins sind das stärkste Frauenteam in Hollywood. Aber von ihrem zweiten "Wonder Woman"-Film hätte man sich so viel mehr erwartet.

Von Tobias Kniebe

The winner takes it all, das war schon immer die Devise in Hollywood. Und wenn es eine Truppe gab, die in den letzten Jahren wirklich abgeräumt hat, war es das Team um "Wonder Woman". Eine Superheldin aus dem DC-Universum, die in Sachen Sympathie und Coolness auf Anhieb die Kollegen Batman und Superman überrundet hat, eine Regisseurin, die zur erfolgreichsten Frau im Regiestuhl avancierte, und eine strahlende Hauptdarstellerin, die Produzentenrechte bekam und die Macht, Männer zu feuern. Was sie dann auch tat.

Nach dem großen Erfolg des ersten Teils, der im Sommer 2017 in die Kinos kam, gab es für Patty Jenkins und Gal Gadot kein Halten mehr. Warner bestellte von "Wonder Woman" Teil zwei und drei, zu völlig neuen Konditionen inklusive dem Recht, eigene Drehbücher zu entwickeln. Die beiden brachten bei Paramount zudem ein großes "Cleopatra"-Projekt auf den Weg, natürlich mit Gal Gadot in der Hauptrolle, und Jenkins unterschrieb gleich noch den Vertrag für einen neuen "Star Wars"-Film.

Rasender Aufstieg, wachsende Macht, endlose Möglichkeiten? Ach richtig, das ist ja die älteste Story Hollywoods, tausendmal durchgespielt in der Filmgeschichte, inklusive Hybris und grausamer Abstürze. Wie toll, diese Saga endlich mal mit Frauen in der Hauptrolle zu sehen: Was für ein Kick! Und, was den Part mit der drohenden Hybris betrifft: Was für eine Gefahr!

Schurken werden nur noch mit halber Kraft vermöbelt

Vorhang auf also für "Wonder Woman 1984", das nächste Kapitel, endlich auch in Deutschland enthüllt auf dem Bezahlsender Sky, weil die Kinos halt nun mal geschlossen sind im Moment und Warner seine Zukunft womöglich im Streaming sieht, aber diese Geschichte wird gerade woanders erzählt. Die Spannung ist groß und man soll ja, möglichst in einem Wort, gleich mal sagen, was Sache ist. Dieses Wort lautet: Tja.

Denn man merkt es halt doch. Man merkt, dass der immer noch strahlenden Gal Gadot irgendetwas zu Kopf gestiegen ist, das sich schwer definieren lässt, das aber ihre Performance als Wonder Woman stark beeinflusst. Sie schwebt über allem. Sie schwebt so dermaßen obendrüber, dass sie Schurken irgendwie nur noch mit halber Kraft vermöbelt, mehr braucht sie ja nicht, und mit den anderen Figuren zwar noch interagiert, aber schon nicht mehr in derselben Welt.

In der Geschichte, die wie im Titel verheißen im Jahr 1984 spielt, verrichtet Wonder Woman alltägliche Kinder- und Frauenrettungsdienste sowie Schurkenbekämpfung in der Nachbarschaft und schwingt dabei an ihrem leuchtenden Lasso durch die Gegend, eigentlich exakt wie Spider-Man, nur in Washington DC statt in New York. Sie geht auch einem Beruf nach, als Anthropologin im Smithsonian Naturkundemuseum. Dort lernt sie eine neue, zunächst eher unscheinbare Kollegin namens Barbara Minerva kennen, und freundet sich mit ihr an.

Jedenfalls will der Film uns das weismachen, wäre ja auch schön, Frauensolidarität und so. Leicht ist das nicht, weil Barbara furchtbar eindimensional und schlecht geschrieben ist, jeder Satz und jede Geste zeichnet sie als emotional bedürftig und komplexbeladen, sodass die eigentliche tolle Kristen Wiig furchtbar herumhampelt, weil sie gar nicht weiß, wie sie das spielen soll. Aber egal, Wonder Woman muss diese Barbara nun laut Drehbuch erst mal mögen und aufbauen. Und oh Mann, geht das in die Hose.

Die Kampfszenen sind auch nicht besser als die Freundschaftsszenen

Es gibt einen Moment, da kommen wir quasi dazu, am Ende eines Abends, als die beiden Frauen beste Freundinnen geworden sind und sich vor Lachen fast ausschütten, und das wird dann zur Sicherheit noch mal ausgesprochen. Wonder Woman: "Wow. Du bist so lustig! Niemand hat mich so zum Lachen gebracht in sehr, sehr langer Zeit!" Ihre ganze Körpersprache und die ganze Dynamik dieser gequälten Szene aber erzählt leider exakt, und leider vollkommen offensichtlich, das Gegenteil.

Wonder Woman 1984

Zwischen Barbara (Kristen Wiig) und Wonder Woman (Gal Gadot) soll eine Freundschaft keimen, allein, man glaubt es nicht.

(Foto: Warner)

Okay, aber ist das so wichtig? Superheldenfilme sind notorisch schwach in solchen Szenen. Da fliegt die halbe Welt in die Luft, aber im zwischenmenschlichen Bereich zündet oft rein gar nichts, man kennt das doch. Na klar! Und deswegen musste sich Hollywood ja auch so dringend ändern. Deshalb mussten endlich mal Frauen wirkliche Macht bekommen, um diese Dinge anders zu machen, gerade solche Szenen zwischen zwei Frauen, in denen es einmal nicht um Männer geht ... Hach, es ist ein Rätsel. Man hatte so viel mehr erhofft.

Ab da wundert einen dann quasi nichts mehr. Also zum Beispiel, dass die beiden Frauen zufällig einen Stein entdecken, der alle Wünsche erfüllt. Wonder Woman wünscht sich ihren im Zweiten Weltkrieg verstorbenen Lover zurück, der dann tatsächlich vorbeischaut. Barbara wünscht sich, so strahlend und stark wie Wonder Woman zu werden, und außerdem ein aggressives Zwitterwesen zwischen Frau und Gepard. Die unvermeidlichen Kampfszenen zwischen den beiden sind leider auch nicht besser als die Freundschaftsszenen - vor allem deshalb, weil Geparden im Nahkampf eine eher unglückliche Figur machen.

Der größte Schurke ist dann aber doch ein Mann: Pedro Pascal spielt Maxwell Lorenzano, der sich den Wunschstein mal ausleiht (ja wirklich, das ist hier kein Euphemismus für stehlen) und dann anfängt, allen möglichen Menschen ihre Wünsche zu erfüllen, bis er die Welt ins Chaos stürzt und Russen wie Amerikaner ihre Atomwaffenarsenale aktivieren. Das ist, als Moralerzählung aus dem Herzen der Wunschmaschine Hollywood, dann schon ein bisschen absurd. Wünsche sind nämlich böse, lernt man hier, man stürzt die Welt ins Verderben, wenn man auf ihrer Erfüllung beharrt, und niemand wünscht sich etwas Positives.

So findet man also das stärkste Frauenteam, das Hollywood bisher hervorgebracht hat, auf der Höhe seiner Kraft und seiner kreativen Möglichkeiten, mit dem Schlüssel zum größten Spaß-Spielplatz der Gegenwart und allen Geschichten, die man überhaupt nur erzählen könnte, und was wird gepredigt? Die Macht der Entsagung, die Heroik des Verzichts.

Das ist komisch, aber unfreiwillig. Und es zeigt nur einmal mehr, dass niemand, der einen großen Film beginnt, so ganz genau weiß, wo er enden wird. Und ob das alles zum Schluss noch Sinn ergibt. The winner takes ist all, das ist nicht die einzige große Wahrheit in Hollywood. Die andere lautet, nach William Goldmans nie widerlegtem Diktum: Nobody knows anything.

Wonder Woman 1984, USA 2020 - Regie: Patty Jenkins. Buch: Patty Jenkins, Geoff Johns, Dave Callaham. Kamera: Matthew Jensen. Mit Gal Gadot, Chris Pine, Kristen Wiig, Pedro Pascal, Robin Wright. Auf Sky Cinema und Sky Ticket, 151 Minuten.

© SZ/khil
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