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Wolfram Eilenberger: "Feuer der Freiheit":Anders in die Welt gestellt

Wolfram Eilenberger lässt uns mit vier großen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts fühlen: In "Feuer der Freiheit" erzählt er von Ayn Rand, Simone de Beauvoir, Simone Weil und Hannah Arendt.

Von Jens Bisky

Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Simone Weil  und Ayn Rand

„Sie erfahren sich einfach grundlegend anders in die Welt gestellt. Und bleiben dabei tief im Innern gewiss, wer oder was das eigentlich zu therapierende Problem darstellt: nicht etwa sie selbst, sondern die anderen. Womöglich gar: alle anderen.“ Das schreibt Wolfram Eilenberger in seinem fiktiven Gruppenporträt über Eine Gruppe, die es so nie gegeben hat: Hannah Arendt (1906–1975), Simone de Beauvoir (1908–1986), Simone Weil (1909–1943) und Ayn Rand (1906-1982).

(Foto: Getty images (2), imago/Leemage, AP)

Der Autor ist seinen vier Heldinnen sehr nah, so nah, dass er einer von ihnen den ersten Satz seines Buches überlässt: "Warum überhaupt beginnen, wenn man doch wieder innehalten muß." Mit dieser Frage Simone de Beauvoirs aus dem Jahr 1943 beginnt Wolfram Eilenberger sein Buch "Feuer der Freiheit". Er lädt dazu ein, der Philosophin über die Schulter zu schauen, in ihren Kopf zu blicken, ihre Stimmung nachzuerleben. Diese Nähe umfängt Leser und wohl auch Leserinnen, gerade weil sie mit konventionellen literarischen Verfahren hergestellt wird. Am Ende des ersten Kapitels, in dem sie alle ihren Auftritt haben, ist man mit Simone Weil, Ayn Rand, Hannah Arendt und eben Simone de Beauvoir so vertraut, als seien sie neue Bekannte, deren Ich genauer zu erkunden sich lohnt, deren Schicksale nicht gleichgültig lassen.

Gut zehn Jahre folgt ihnen Eilenberger. Er skizziert ihre Beziehungs- und Liebesgeschichten, berichtet von Buchprojekten, Schreibversuchen, Einfällen, Gedanken, Überzeugungen. Er lässt uns ihre Perspektive einnehmen auf das Jahrzehnt, in dem die Welt zum Schlachtfeld der Diktatoren Hitler und Stalin wurde, in dem Roosevelts New Deal die Vereinigten Staaten umkrempelte, in dem der Mord an den europäischen Juden begann und die ersten Nachrichten davon keinen Glauben fanden.

Die Schriftstellerinnen haben nie zu viert gemeinsam an einem Tisch gesessen oder auf einem Podium miteinander diskutiert. Die Konstellation ist eine Erfindung Eilenbergers, eine gute, überzeugende Findung, weil es neben enormen Unterschieden auch erhellende Gemeinsamkeiten gab, die Fluchterfahrung, die philosophische Tradition, das Entsetzen über die politische Entwicklung.

Ayn Rand war aus Leningrad in die USA emigriert. Während sie ihren amerikanischen Traum verwirklichte, hungerte die Wehrmacht in jahrelanger Blockade ihre Geburtsstadt aus. Sie verteidigte indessen ihr Amerika gegen den New Deal, der ihr Verrat an der Freiheit schien, die es gegen Irrtümer, Sozialismus und kollektivistischen Wahn zu behaupten galt. Hannah Arendt entkam knapp den Nationalsozialisten, floh nach Frankreich, wurde dort 1940 im Lager Gurs interniert, aus dem sie entwich, als die Wehrmacht Paris besetzte. Im Mai 1941 erreichte sie New York. Die Erfahrung, einer "neuen Gattung von Menschen" anzugehören, die "von ihren Feinden ins Konzentrationslager und von ihren Freunden ins Internierungslager gesteckt werden", bestimmte ihr politisches Denken. Später schrieb sie, man müsse sich "als Jude verteidigen", wenn man "als Jude angegriffen" werde. Das hieß: "Nicht als Deutscher oder als Bürger der Welt oder der Menschenrechte oder so."

Die junge Philosophielehrerin Simone de Beauvoir versuchte derweil, ihre Beziehung zu Jean-Paul Sartre zu verstehen, suchte nach ihrer eigenen Stimme, ihrem Entwurf, ohne, wie sie es lange tat, in der Abwehr gegenüber anderen zu verharren. Eine, von der sie sich abgrenzte, war ihre Kommilitonin Simone Weil, die trotz ihrer körperlichen Schwäche eine nahezu unbegrenzte Empathie und aktivistische Entschlossenheit mit intellektueller Produktivität verband. Simone Weil hatte Deutschland bereist, um den Aufstieg der Nationalsozialisten zu verstehen, sie brach mit dem Kommunismus, als sie 1933 die strukturelle Gleichartigkeit der stalinschen Sowjetunion und des Dritten Reiches erkannte, sie half dem Flüchtling Trotzki und warf ihm zur gleichen Zeit seine Politik des revolutionären Terrors vor. Sie argumentierte öffentlich gegen eine militärische Unterstützung der Republikaner in Spanien durch die französische Regierung und reiste in das Nachbarland, in den Bürgerkrieg, schloss sich dort anarchistischen Milizen an. Sie emigrierte, als die Deutschen Frankreich besetzten, kehrte dann von New York aus nach Europa, nach London, zurück, um für die Befreiung ihres Landes zu kämpfen und falls nötig zu sterben: "Gerne als Fallschirmspringerin", schreibt Eilenberger, "die betreffenden Handbücher habe sie eingehend studiert."

Simone Weil dürfte die in Deutschland am wenigstens Gelesene der vier sein, zu sehr befremdet wohl viele ihr Weg von der aktivistischen Linken zum Katholizismus. Hier bewährt sich Eilenbergers Entscheidung für Nähe, Simone Weils Denken und ihre Entschlüsse erscheinen plausibel, konsequent. Mit ihrem Tod am 24. August 1943 endet die philosophiehistorisch-biografische Erzählung.

Eilenberger ist seit seinem Welterfolg "Zeit der Zauberer. Das größte Jahrzehnt der Philosophie 1919 - 1929" über vier Männer - Heidegger, Benjamin, Wittengenstein, Ernst Cassirer - der interessanteste deutschsprachige Autor populärphilosophischer Bücher in Deutschland. Er belehrt nicht, er führt vor; er entfaltet keine These, sondern beobachtet. In "Feuer der Freiheit" erklärt er die ungewöhnliche Auswahl seiner vier Heldinnen mit einer Einsicht, die ihnen gemeinsam gewesen sein soll: Sie hätten sich, jede für sich, als "grundlegend anders in die Welt gestellt" erfahren. Dabei seien ihnen "nicht etwa sie selbst, sondern die anderen" als Problem erschienen: "Womöglich gar: alle anderen." Das Thema des Buches ist Zeitgenossenschaft, die Frage, was es heißt, "ganz und gar gegenwärtig zu sein", wie Hannah Arendt es einmal formulierte.

Gegenwärtig sein, so legt Eilenberger nahe, heiße zu philosophieren, weder eigenem Urteil noch dem anderer blind zu folgen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Wie seine Heldinnen das versuchten, wird hier mit bewundernswertem konstruktiven Geschick, fast alle Gelegenheiten für Analogien und Kontraste nutzend, erzählt. Aber: Die Stärken der Darstellung gehen mit auffallenden Schwächen einher. Stilistische Marotten, das Nebeneinander von akademischen Prunkvokabeln wie "veritabel" oder "distinkt" und bürokratischen Wendungen wie "besagt" und "betreffend" oder unnötig gespreizte Sätze, stören weniger als die Neigung zum Kitsch. Da scheint die Zeit selbst den Atem anzuhalten, der Krieg wird zum "Höllenspektakel", der Wissenschaft wird "kalt vermittelbare Lehre" vorgehalten, ohne "verlebendigendes Atmen" drohe dem Feuer der Freiheit das Erlöschen.

Allzu sehr rückt das Buch Philosophie, indem es sie vordringlich als Antwort auf lebensgeschichtliche Situationen darstellt, in die Nähe von Therapie. Es preist sie als Modus, Freiheit zu gewinnen, und koppelt sie dann doch an Meinung, Mode, Moment. An wichtigen Stellen fehlt historischer Neugier. Ayn Rand hat den britischen Politikwissenschaftler Harold Laski zum Vorbild für den Schurken in ihrem zweiten Roman erkoren und der Erlöserfigur, dem Architekten Roark, entgegengesetzt. Was es mit diesem Laski auf sich hatte, muss der Leser selbst herausfinden, der Autor übernimmt das Urteil seiner Heldin, der Mann sei dem Zeitgeist gefolgt. Ayn Rands Roman wurde, nachdem die Autorin schon nicht mehr daran glaubte, ein Erfolg. Warum?

Gern hätte man auch etwas über die Formentscheidungen der vier Schriftstellerinnen gelesen. Es ist ja etwas anderes, ob man wie Rand mit Blick auf Broadway und Hollywood schreibt, oder sich wie Arendt eher als Historikerin denn als Philosophin versteht. Die Nähe verunklart die Physiognomie und erschwert das Nachdenken über naheliegende Fragen. Warum konnte aus dieser Gruppe Ayn Rand die kulturell Erfolgreichste werden? Dass der Zentralbank-Chef Alan Greenspan ihr Adept war, notiert Eilenberger in seinem Epilog "Schneisen". Dort steht auch, dass die akademische Philosophie Hannah Arendt lange ignorierte. Wie wäre das zu erklären?

Stärken und Schwächen des Buches hängen eng miteinander zusammen. Ein Vorzug ist es, dass Wolfram Eilenberger, während allerorten Analogien zwischen der Gegenwart und den Dreißigerjahren beschworen werden, auf forcierte Aktualisierungen verzichtet, es den Lesern überlässt, die Zeiten ineinander zu spiegeln. Dass er dafür wirbt, Simone Weil endlich und neu zu lesen, ist ein großes Verdienst. Mag auch nicht jede Deutung in diesem fiktiven Gruppenporträt überzeugen, so schärft es doch das Bewusstsein für Möglichkeiten und Tücken der Geistesgegenwart. Wer die Welt und die anderen verstehen will, kann es gut brauchen.

Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten (1933 - 1943). Klett-Cotta, Stuttgart 2020. 400 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 17.10.2020

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