Wolfgang Schivelbusch wird 80:Die Arbeit der Dinge am Menschen

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Lessing-Preise in Hamburg verliehen

Auf seinen glänzend geschriebenen Büchern liegt nicht der Mehltau der universitären Beamtenwissenschaft: Wolfgang Schivelbusch im Thalia-Theater in Hamburg bei seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Lessing-Preises 2013.

(Foto: Bodo Marks/picture alliance / dpa)

Der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch untersucht die wechselseitige Modellierung von Mensch und Maschine in der Moderne - und feiert 80. Geburtstag.

Von Michael Mönninger

Kaum hatten die Eisenbahnen in Großbritannien Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Siegeszug angetreten, da warnten Mediziner vor den Gesundheitsgefahren des Schienentransports. Mehr noch als den Unterdruck während der Fahrt fürchteten sie die Vibrationen, die zur Erschütterung und Zerrüttung der Passagiere und ihrer Nerven führten. Um die Härte der mechanischen Schläge zu dämpfen, verlegten sich Bahndesigner und Innendekorateure auf die Produktion von Schonern, Überzügen, Etuis und Polsterungen, die bald bis in die Wohnungen reichten.

Auch der zermürbende Blick aus dem Abteilfenster auf die vorrüberfliegenden Landschaften verlangte nach Reizschutz. Das beschrieb Freud später als Rinden-Bildung auf der Oberfläche des Bewusstseins, um den Aufprall der Sinneseindrücke zu mildern. Derweil reagierten die Bahnreisenden auf die neuen Zumutungen mit ohnmachtartigen Müdigkeitsanfällen. Nicht zufällig diskutierten Arbeitsmediziner und Ingenieure zur selben Zeit die industrielle Ermüdung von Menschen und Maschinen, die sie als Hauptgrund für schwere Unfälle und traumatische Neurosen sahen.

Die schöpferische Vernichtung des vertrauten Alten durch das erbarmungslos Modernere

Als Wolfgang Schivelbusch 1977 sein Epochenbuch "Geschichte der Eisenbahnreise" über die "Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert" veröffentlichte, war das Erstaunen in den Geisteswissenschaften groß. Zwar hatte es seit Norbert Elias immer wieder große Dinggeschichten gegeben, die den Prozess der Zivilisation an Nebenphänomenen wie Schnupftüchern oder Essbesteck aufzeigten. Aber eine Kultur- und Technikgeschichte, die die wechselseitige Modellierung von Menschen und Maschinen untersuchte und dabei die schöpferische Vernichtung des vertrauten Alten durch das erbarmungslos Modernere beschrieb, war weithin neu. Mitten in der damaligen Begeisterung über den Berliner Philosophen Walter Benjamin, der sein bewundertes räumlich-materielles Denken leider ganz auf die retrospektive Pariser Passagenwelt gerichtet hatte, entdeckte Schivelbusch im Maschinenraum der industriellen Revolution die menschlichen Wesenskräfte.

Der gebürtige Berliner, der über das Theater nach Brecht promoviert wurde, war aus der dünnen Luft der Theoriewelt seines Literatur- und Philosophie-Studiums in die Konkretionen der materiellen Kultur geflohen. Mit seinen beiden folgenden Büchern über Genussmittel und künstliche Beleuchtung schuf er eine Material-Trilogie über die Arbeit der Dinge am Menschen, die ganz ohne die Verrätselungen der französischen Techniktheorie Bruno Latours auskam. Schivelbusch ging stets mit Intuition und Empathie, aber ohne methodische Skrupel an seine gigantischen Materialrecherchen. Diesem auktorialen Dokumentaristen mussten sich die Leser vertrauensvoll ausliefern, um reich beschenkt zu werden.

Schivelbusch, der heute 80 Jahre alt wird, bekleidete nie akademische Positionen, sondern finanzierte sein Privatgelehrtentum ausschließlich mit Stipendien, Projektförderungen und auch Unternehmensaufträgen. So liegt auf seinen glänzend geschriebenen Büchern nicht der Mehltau der universitären Beamtenwissenschaft. Und sein jahrzehntelanges Doppelleben zwischen Berlin und in New York lehrte ihn, dass angelsächsische Wissenschaftsbücher nie nur papiergewordene Druckkostenzuschüsse sind, sondern stets auch verkauft werden müssen.

In Amerika, so berichtet Schivelbusch seinem Biographen Stephan Speicher in dem jüngst erschienenen Gesprächsbuch "Die andere Seite", war er als Nachgeborener der deutschen Schuld unweigerlich sensibilisiert auch für die Schuld-und Scham-Komplexe anderer Länder. Darüber schrieb er 2001 seine groß angelegte "Kultur der Niederlage", in der er den verlorenen Krieg der amerikanischen Südstaaten, den französischen Revanche-Gedanken nach 1871 und die Dolchstoßlegende 1918 danach untersuchte, welche Narrative, Mythen und Trauerarbeit bei den Besiegten entstanden.

Seitdem zieht sich ein Topos durch seine Werke, der auf Reinhard Koselleck und Carl Schmitt zurückgeht: die Unterscheidung von Siegern und Besiegten. Schivelbusch widmet den Verlierern die größte Aufmerksamkeit, weil vor allem eine Macht, die fällt, für den Geist interessant wird. Dabei beruft er sich auf Hegels Herr-Knecht-Dialektik: Durch die Fronarbeit des unterlegenen Knechts wird die Herrschaft so faul, dass der produktive Underdog schließlich siegt. Selbst dem Tabu des militärischen Rückzugs konnte dieser Autor jüngst eine essayistische Ehrenrettung abgewinnen.

Mit seinem Buch "Entfernte Verwandtschaft" von 2005 über den staatsgläubigen Zeitgeist der Dreißigerjahre im Faschismus, Nationalsozialismus und New Deal machte er sich in den USA viele Feinde. Darin belegte er die gespenstische Gleichzeitigkeit der großen öffentlichen Kriseninvestitionen zur Arbeitsbeschaffung. Die Zusammenschau von Roosevelts Staudämmen der Tennessee Valley Authority, Mussolinis Kultivierung der Pontinischen Sümpfe und Hitlers Reichsautobahn mitsamt ihren propagandistischen Begleitmusiken ließ die Ambivalenz der bis dahin linearen Fortschrittserzählungen aufscheinen.

Abschied von der Dingwelt nahm Schivelbusch 2015 mit seiner Studie "Das verzehrende Leben der Dinge", in der er Marx' Primat der Produktion und des Gebrauchs von Gütern mit deren Verwandlung durch Konsumtion und Verbrauch zusammendenkt. Gegen die Kurzlebigkeit der industriellen Massenprodukte erinnert er an das Kreislaufdenken der griechischen Atomisten, die die Dinge physisch beim Wort nahmen und in steter Umformung durch menschliche Verwendung sahen. Doch im modernen Verschleiß-Konsum erkennt Schivelbusch auch etwas Gutes: dass er so viel Aggression und Zerstörungslust bindet, wie zur Aufrechterhaltung des historisch immer noch einzigartigen Friedenszustandes heute erforderlich ist.

Wolfgang Schivelbusch: Die andere Seite - Leben und Forschen zwischen New York und Berlin. Rowohlt, Hamburg 2021. 336 Seiten, 26 Euro.

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Claudia Ott - nur in Zusammenhang mit dem Interview von S. Brembeck!

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