Wolfgang Knöbl: "Die Soziologie vor der Geschichte":Fragwürdige Aufklärung

Lesezeit: 4 min

Wolfgang Knöbl: "Die Soziologie vor der Geschichte": Noch eine große Party oder schon die "Spaßgesellschaft"? Berliner Love Parade 1997.

Noch eine große Party oder schon die "Spaßgesellschaft"? Berliner Love Parade 1997.

(Foto: Wolfgang_Kumm/picture-alliance / dpa)

Klassengesellschaft, Industriegesellschaft, Spaßgesellschaft - sich über populäre soziologische Zeitdiagnosen lustig zu machen, ist leicht. Warum gibt es sie trotzdem?

Von Oliver Weber

Was wir nicht schon alles waren! Eine vormoderne Gesellschaft, eine Klassengesellschaft, eine Industriegesellschaft, eine postindustrielle Gesellschaft, die zuerst spät-, dann plötzlich auch postmodern war, bevor sie schlimmerweise flüchtig und regressiv, ganz sicher aber eine beschleunigte wurde. Alsbald werden wir vielleicht eine digitale Gesellschaft sein oder eine der Singularitäten, wenn nicht die Corona-Gesellschaft oder gar die im Ukraine-Krieg wieder postpostheroisch gewordene Gesellschaft dazwischenfunkt. Sich über dieses Potpourri soziologischer Zeitdiagnosen lustig zu machen, ist leicht. Sehr viel schwerer ist es aber, zu bestimmen, wo sie eigentlich ihre Überzeugungskraft hernehmen. Der Hamburger Soziologe Wolfgang Knöbl hat nun einen Beantwortungsversuch gewagt, der einer Kritik soziologischer Vernunft gleichkommt.

Sein Buch beginnt mit einer unterhaltsamen Anekdote, die schon das ganze Problem vor Augen stellt: Die Soziologen Talcott Parsons und Raymond Aron trafen sich 1973 anlässlich eine Kolloquiums zum Frühstück in Rom. Doch auch die schöne Umgebung konnte den darauffolgenden Streit nicht verhindern. Parsons warf seinem Gesprächspartner vor, eigentlich keine Soziologie, sondern Ideengeschichte zu betreiben. Aron, dem diese Unterscheidung kalt lies, beharrte darauf, dass auch eine gegenwartsorientierte Soziologie, die soziales Handeln zu ihrem Kernbegriff macht, an der geschichtlichen Gewordenheit und damit Variation dessen, was "soziales Handeln" eigentlich bedeutet, nicht vorbeigehen könne. Daraufhin stand Parsons auf und ging.

Die "Moderne" agiert nicht selbst in der Geschichte

In einer Art kontrafaktischen Theoriegeschichte fragt Knöbl anschließend, was gewesen wäre, hätte man nicht die Unterschiede obsiegen lassen, sondern das gemeinsame Problem dieses Streits wissenschaftlich ernstgenommen. Denn auch die gegenwartsorientierte Soziologie, wie sie mit Parsons das Fach seither dominiert, beschreibt ihren Gegenstand mit Begriffen, die ihre unklare Herkunft nicht verleugnen können.

Ein Beispiel hierfür ist das berühmt gewordene Postulat Niklas Luhmanns, wonach "Systeme" - immerhin ein Grundbegriff seiner Theorie - einfach existieren. Darf ein Wissenschaftler das einfach so voraussetzen? Und wenn ja, müsste sich Angemessenheit dieser Voraussetzung am empirischen Material nicht erst beweisen? Schließlich sind es dieselben Soziologen, die häufig mit riesengroßen Prozessbegriffen arbeiten, um so die Evolution des gegenwärtigen Zustands zu erklären: Rationalisierung, Individualisierung, Modernisierung, Differenzierung - um nur einige berühmte zu benennen. Unbeleuchtet bleibt dabei, so Knöbls Kritik, was das wirklich "Prozesshafte an all diesen Prozessen" ist, wie man sie beobachten könne, und woher eigentlich ihre Notwendigkeit komme.

Wolfgang Knöbl: "Die Soziologie vor der Geschichte": Wolfgang Knöbl: Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Soialtheorie. Suhrkamp, Berlin 2022. 316 Seiten, 22 Euro.

Wolfgang Knöbl: Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Soialtheorie. Suhrkamp, Berlin 2022. 316 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Suhrkamp)

Kurzum, die Soziologie steht vor einem doppelten Problem, auf dessen geschichtliche Dimension Aron seine Kollegen gerade hinweisen wollte: Woher nehmen wir eigentlich die Begriffe, mit denen wir uns die Gegenwart erklären? Und: woher wissen wir eigentlich, wie es historisch zu dieser Gegenwart kommen konnte? Knöbls Kritik an der "Soziologie vor der Geschichte" ist als Warnung zu verstehen, vor diesem Doppelproblem weiterhin auszuweichen. Andernfalls droht man mit anderen Mitteln fortzusetzen, was das 20. Jahrhundert an seinen beiden Vorgängern kritisierte und für wissenschaftlich überholt hielt: Geschichtsbetrachtung als Geschichtsphilosophie.

Ein Beispiel hierfür liefert der Modernebegriff selbst. Entgegen der üblichen Vorstellung avancierte dieser zur grundlegenden Epochenbestimmung erst nach dem zweiten Weltkrieg. Viele Soziologen griffen ihn auf, um verschiedene globale Entwicklungen auf einen Zustand zulaufen zu lassen, der von den "Gesellschaften des europäischen und nordamerikanischen Kulturraumes" quasi vorgegeben war, insofern sie "durch säkulare, individualistische, universalistische, leistungsbezogene und wissenschaftliche Werte charakterisiert" seien. Der Fixpunkt, der zur Erklärung des geschichtlichen und gegenwärtigen Geschehens hergenommen wurde - "die Moderne" - war nicht selbst dem empirischen Material entnommen, sondern merkwürdigerweise sowohl theoretisch als auch normativ vorausgesetzt.

Das Buch ist ein Verkomplizierungsversuch, aber in bestem Sinne

Doch nicht nur das. Viele Hauptwerke der Soziologie erzählten die Geschichte der "Moderne" als einen irgendwie automatisch ablaufenden Prozess der "Modernisierung". Das was erklärt werden soll, die Herkunft "moderner Gesellschaften", wurde also kurzerhand selbst als erklärender Faktor in die Geschichte hineinverlegt - als wäre es die Moderne selbst, die in der Geschichte agiert! Sie "handelt also, reagiert, lernt, vertraut, baut ein und so weiter, sodass man ob ihrer zahlreichen Fähigkeiten offensichtlich nicht anders kann als staunen", so Knöbls Karikatur modernisierungstheoretischen Sprachgebrauchs.

Wäre es da nicht besser gewesen, man hätte auf Aron gehört und "dieses Staunen der Sozialwissenschaftler über die Taten ihres eigenen begrifflichen Geschöpfes" der eigenen "Reflexion und Skepsis" ausgesetzt? Vielleicht hätte man sich dann weniger darüber wundern müssen, dass ökonomische "Modernisierung" mitunter auch mit politischer Regression einhergehen kann.

Knöbls Buch, das trotz mitunter scharfer Kritik an den eigenen Kollegen ihnen mit spürbar großer Sympathie begegnet, ist im besten Sinn des Wortes ein Verkomplizierungsversuch. Soziologische Zeitdiagnosen und große Prozessbegriffe haben durchaus ihre Berechtigung. Aber ihnen muss eine methodische Klärung dessen vorangehen, was das eigentlich bedeutet: ein Prozess, der auf diese Gegenwart zuläuft. Denn die Gegenwart kann unmöglich selbst schon das Vorantreibende gewesen sein. Gleichzeitig waren die Ereignisse, die der Prozess verkettet, im Moment ihres Auftretens noch offen - was hat sie also jeweils verschiedentlich in eine nachträglich einheitliche Richtung bewegt? Und wie ist zu verhindern, dass man die Geschichte dabei von Vornherein bloß auf das hin befragt, was auf den Endzustand hindeutet? Es musste ja doch nicht immer schon so kommen, wie es gekommen ist. Die Frage, warum es dennoch so kam, wird dadurch nur umso interessanter.

Die Halbwertszeit von Zeitdiagnosen verringert sich derzeit rapide

All diese Klärungen soziologischer Begrifflichkeiten dienen Knöbl nicht nur dazu, das Feld für noch zu findende, bessere Gesellschaftstheorien abzustecken. Sie ermöglichen zugleich, die Attraktivität heutiger Zeitdiagnosen auf dem Meinungsmarkt zu verstehen. Die Sozialwissenschaften "waren nie bereit anzuerkennen, dass in den von ihnen geprägten oder verwendeten großformatigen Prozessbegriffen fast immer auch eine gehörige Portion Geschichtsphilosophie steckte", so die Grundthese des Buches. Aber gerade dieser Umstand verhalf ihnen immer wieder, ihre theoretischen und empirischen Unklarheiten zu verdecken: Denn das massenmediale Publikum will nicht in erster Linie exakte Verläufe rekonstruieren, es will sich über seine Lage im Weltgeschehen aufklären. Dieser, auch normative Überschuss von Sinn ist nun genau das, was große Gesellschafts- und Prozessbegriffe, die auch noch einen unklaren theoretischen Status haben, anbieten können.

Natürlich ist auch jenes Publikum ein Adressat dieses elegant geschriebenen Buches. Denn auch diesem dämmert ja, dass sich "aktuell die Halbwertszeit von Zeitdiagnosen rapide verringert" - Wo sich die öffentlichen Deutungsversuche zu überbieten versuchen, da scheint auch die Lage der Dinge am Ende verworrener denn je. Auf die Sinnangebote der Großprozesse ohne deren genaue Prüfung einzugehen, macht den Umgang mit der eigenen Geschichte also nicht unbedingt aufgeklärter. Im Gegenteil: Gerade die eigene geschichtsphilosophische Vorliebe könnte Teil der geschichtlichen Verstrickung sein, in die man Klarheit zu bringen versuchte. Konsequenterweise steht am Ende von Knöbls gelungener "Historisierung der Sozialtheorie" deshalb auch kein eigenes Deutungsangebot, sondern nur die trockene Aufgabe, methodisch abgesicherte Perspektiven auf unsere Gesellschaft zu entwickeln, in denen sich mehr spiegelt als unsere eigenen Hoffnungen und Befürchtungen.

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