Wolfgang Hilbig und die DDR:"Unrecht meiner literarischen Existenz"

Wolfgang Hilbig

Der Autor Wolfgang Hilbig 2001 als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim.

(Foto: Boris_Roessler/picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die Briefe von Wolfgang Hilbig an DDR-Behörden zeugen vom ruinösen Leben und Schreiben unter der Zensur.

Von Marie Schmidt

Allein der vage Gedanke daran, dass heute von manchen behautet wird, wegen sprachpolitischer Debatten könne man in Deutschland als Schriftsteller nicht mehr frei schreiben, treibt einem die Schamesröte ins Gesicht, wenn man die Korrespondenzen von Wolfgang Hilbig mit den Kulturbehörden der DDR liest. Die hat jetzt der Fischer-Verlag in seiner Zeitschrift Neue Rundschau (2/2021) kommentiert herausgeben.

Sie vermitteln ein Bild der bürokratischen Winkelzüge der Zensur, die vor allem gezielte Schikanen einzelner Verantwortlicher gegen den Dichter sind. Dem stellt sich Wolfgang Hilbig souverän, zuerst ironisch, dann in existenzieller Not. Seine Briefe erzählen aber auch, was staatliche Zensur in einem Schriftstellerleben anrichtet.

Ende der Siebzigerjahre arbeitete Hilbig als Heizer und versuchte erfolglos, seine Gedichte in der DDR zu veröffentlichen. Ein Angebot des S.-Fischer-Verlages aus Frankfurt am Main, den Band "abwesenheit" zu bringen, hätte Hilbig ohne Zustimmung des "Büros für Urheberrechte" der DDR nicht annehmen dürfen. Nachdem ihm die Behörde unerfüllbare Bedingungen stellte und ihm die Erlaubnis dann doch verweigerte, unterschrieb Hilbig trotzdem bei Fischer und machte sich damit sogenannter Devisenvergehen schuldig.

"ich war meiner Tendenz zur Selbstauslöschung beinah vierzig Jahre unterlegen"

An den stellvertretenden Minister für Kultur der DDR Klaus Höpcke schrieb er im Oktober 1979, den amtlichen Stil karikierend: "Ich bitte Sie höflichst, zu Kenntnis zu nehmen, daß ich innerhalb dieses, ihres rein informativen Charakters wegen Ihre Erlaubnis voraussetzende Mitteilung erkläre, daß ich, da ich mich zum vorläufigen Unrecht meiner literarischen Existenz in der DDR bekenne, die über mich verfügte Strafe in dieser Höhe und in dieser Form für angemessen halte ..."

Zahlreiche Auseinandersetzungen mit Verlagen, Behörden und der Staatssicherheit der DDR, einige in der BRD veröffentlichte Bücher, drüben besuchte Lesungen, Preisverleihungen, dafür beantragte, genehmigte und verwehrte Reiseerlaubnisse später, befand sich Hilbig mit einem Jahresvisum und einem Stipendium des Deutschen Literaturfonds in der Bundesrepublik. Sie hatte ihm und seiner Arbeit kein Glück gebracht: "Ich habe mich während meines einjährigen Aufenthaltes in der BRD gezwungen gesehen, beinahe unausgesetzt über mich nachzudenken", schrieb er 1986 an denselben Höpcke mit der Bitte, das Visum zu verlängern, "ich war meiner Tendenz zur Selbstauslöschung beinah vierzig Jahre unterlegen, was mehr als genug ist, und ich habe meine Selbstauslöschung mit Unterstützung der Lebensbedingungen in der DDR betrieben, mit Unterstützung der DDR-Behörden, mit Unterstützung der Einordnungen, in die ich während meines Lebens geriet, mit Unterstützung auch meines reduzierten Daseinsrechts als Schriftsteller in der DDR."

Keine drei Jahre später brach die DDR zusammen. Wolfgang Hilbig starb früh, 2007 mit 65 Jahren. In den Nachrufen war zu lesen, seine Gedichte, Erzählungen und Romane seien das Kraftvollste gewesen, was die DDR hervorgebracht habe.

© SZ/fxs
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