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Wolf Wondratschek zum 70. Geburtstag:Lyrik wie Rockmusik

Wolf Wondratschek wird 70

Wolf Wondratschek erinnert mit "Mittwoch" an einen frühen Film von Richard Linklater mit dem Titel "Slacker".

(Foto: dpa)

In den Siebzigern war er Kult: Wolf Wondratscheks Texte hatten eine Intensität, die tatsächlich auch Musiker anlockte. Zu seinem 70. Geburtstag hat sich der Poet nun mit dem wunderbar leichten Buch "Mittwoch" selbst beschenkt.

Klappentexte haben ihren eigenen, selten sehr diskreten Charme. Sie erzählen entweder in dürren Worten den Inhalt eines Buches nach oder protzen mit Superlativen, die jedem Schriftsteller die Schamesröte ins Gesicht treiben dürften.

Der Umschlag des neuen Romans "Mittwoch" ( Jung und Jung, 243 Seiten, 22 Euro) von Wolf Wondratschek dokumentiert die Verweigerung eines solchen Werbeblocks: Der Verleger, bittet der Autor in einem dort zitierten Brief, möge auf das verzichten, was man einen Klappentext nennt. Es sei doch nur ein Notbehelf. "Allerdings", so Wondratschek weiter, "las ich gestern in den 1967/68 gehaltenen Harvard-Vorlesungen von Jorge Luis Borges einen Satz, der das, was ich versucht habe, genau beschreibt: 'Er ließ seinen Geist schweifen, und er gab diesem Geist die Gestalt vieler Personen.'"

Schöner und prägnanter lässt sich kaum fassen, was Wolf Wondratschek in seinem Roman eines Allerweltstages macht. "Es ist ein Mittwoch", damit beginnt dieses umherschweifende Buch.

Der erste Satz schubst den Text an wie ein Windhauch einen Dominostein, der wiederum Geschichte um Geschichte anstößt. Das Poetische entsteht hier daraus, dass die Dinge klar benannt und zugleich ganz luftig sind, ein Windhauch eben auch für den Leser. Geld hält dabei, wie so oft, zusammen, was gar nicht zusammengehört, in einem höheren Sinne aber eben doch miteinander zu tun hat.

An besagtem Mittwoch kommt ein Amerikaner in ein Hotel, hinterlegt einen Hundert-Euro-Schein an der Rezeption, um sich ein bereits reserviertes Zimmer auch wirklich zu sichern. Dieser Geldschein wandert weiter zu einem Mechaniker; von dem, mittels einer Pferdewette, zum Sohn des Gastwirts; der wiederum trägt ihn ins Bordell; die Hure bringt ihn ihrer Freundin, einer Friseuse; die händigt den Hunderter ihrem Chef aus, bis er schließlich in einem Tabakladen (ein Tabakladen wie in Ang Lees "Smoke") landet, in dem alte Männer eingehüllt in Qualm so beherzt übers Leben philosophieren, dass man sich sofort eine Zigarette anstecken und sich dazu gesellen will.

Auf jeder Seite ein zupackender Satz

Es kommt ein trauriger Boxer vor in diesem Buch, und eine jüdische Violinistin, die es sich mit den russischen Behörden in Prä-Perestroika-Zeiten verscherzt - lauter Leben, die leichthändig skizziert werden, in Umrissen nur, aber doch so, dass man die Menschen dahinter mit all ihren Falten und Narben erkennen kann.

Auf mindestens jeder Seite steht ein Satz, den man sich unterstreichen muss, weil er etwas Zupackendes und Wahrhaftiges hat und zuweilen auch so zupackend und wahrhaftig ist, dass man manchmal nicht recht weiß, ob man ihn nicht auch ein bisschen aufdringlich finden soll: "Niemand kann verlangen, dass Gott ein Heiliger ist. Er ist Biologe." Oder: "Der Friseur weiß natürlich um seine Wirkung. Wenn er die Kopfhaut seiner Kundinnen massiert, streichelt er ihre Seelen."

"Mittwoch" erinnert in seiner Form an einen frühen Film von Richard Linklater mit dem Titel "Slacker", der an einem einzigen Tag in Austin spielt. Darin folgt die Kamera einer Herumtreiber-Figur immer nur ein paar Minuten lang, bis sie eine andere interessanter findet und mit dieser weiterzieht.

So geht man auch bei Wondratschek immer einige wenige Seiten mit seinen Helden mit, lässt sich führen oder besser verführen, treibt ein bisschen haltlos und manchmal auch orientierungslos umher in diesem Buch, das zwar viele erinnerungswürdige Hauptsätze hat, aber wunderbarerweise aus lauter Nebensätzen zu bestehen scheint. Irgendwann ist dann auch nicht mehr so klar, ob diese ganzen Begegnungen, die man profan dem Zufall zuschreiben will, nicht doch etwas Schicksalhaftes haben.