Wole Soyinka: "Die glücklichsten Menschen der Welt":Ein tödliches Glück

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Wole Soyinka: "Die glücklichsten Menschen der Welt": Wole Soyinka beschreibt auch den Kontrast zwischen den Häusern und Treffpunkten der Eliten von Nigeria und dem Alltag in den Straßen etwa von Lagos, hier auf dem Balogun Market im Jahr 2017.

Wole Soyinka beschreibt auch den Kontrast zwischen den Häusern und Treffpunkten der Eliten von Nigeria und dem Alltag in den Straßen etwa von Lagos, hier auf dem Balogun Market im Jahr 2017.

(Foto: Sunday Alamba/AP)

Nach fast einem halben Jahrhundert hat der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka wieder einen Roman geschrieben. Er ist ein Ereignis.

Von Marie Schmidt

Möglich, dass Wole Soyinka die Tragödien seines Lebens jetzt noch einmal als Farce erzählt. Dass das alles eine Satire ist auf eine bestimmte nigerianische Gegenwart, auf selbstsüchtige Eliten, die Geschäftemacherei spiritueller Quacksalber, die Bigotterie ihrer Kunden, die Ehrpusseligkeit vielfältiger Würdenträger, die einander vorne herum mit ausgedachten Preisen behängen und in Hinterzimmern intrigieren: eine groteske Revue aus Korruption, Eitelkeit und Machtmissbrauch. Aber dann kommt es eben doch zu einem todernsten Wutausbruch.

Man konnte darauf hoffen. Seine politische Biografie und Leidensfähigkeit haben Soyinka mindestens so sehr zur Legende gemacht wie seine Theaterstücke, Gedichte, Essays und wenigen Romane. Zwischen dem neuen, "Die glücklichsten Menschen der Welt", und dem letzten, "Zeit der Gesetzlosigkeit" aus dem Jahr 1973, liegt fast ein halbes Jahrhundert, wenn man seine autobiografischen Bücher nicht mitzählt. Also eigentlich eine Sensation, dieses epische Alterswerk eines 87-jährigen Schriftstellers, der 1986 als erster Afrikaner den Literaturnobelpreis bekam und davor und danach zäh und aufopferungsvoll für die Demokratie in Nigeria stritt, sich mehrmals im Gefängnis wiederfand und im Exil. Aber auch in den USA, wo er lange Jahre an verschiedenen Universitäten lehrte, machte er nach der Trump-Wahl seinen Zorn öffentlich, zerschnitt seine Greencard und zog wieder nach Afrika.

"Soyinkas wortkarge Männlichkeit kommt mir fremd und faszinierend vor"

Vom Thron des auch durch den Erfolg auf dem amerikanischen Buchmarkt berühmtesten Schreibenden Nigerias ist Soyinka spätestens 2013 gestoßen worden, als Chimamanda Ngozi Adichies Roman "Americanah" erschien und ihr TED-Talk "We should all be feminists" gesampelt in einem Song von Beyoncé auftauchte. Dass Feminismus manchmal auch darin besteht, die großen, alten Männer gebührend zu ehren, kann man an der Liebeserklärung sehen, die Adichie 2021 in der britischen Times auf Soyinka schrieb. Er sei mit weit über achtzig eine eindrucksvolle Erscheinung, heißt es da, mit "weicher Haut, schlanker Energie, einem Sinn für dramatische Gesten und einer volltönenden Stimme, die sich ihres Klangs bewusst ist". Sein Stil wirke indessen manchmal wie ein Schutzschild, um Gefühle von sich fernzuhalten: "Soyinkas wortkarge Männlichkeit kommt mir fremd und faszinierend vor."

Wortkarg wäre nicht der Begriff, der einem einfiele bei den weitschweifig vorgestellten Szenerien und kreisenden Charakterisierungen von Soyinkas Roman. Eine uferlose Form, die schon Leser seines politischen Lebenslaufes "Brich auf in früher Dämmerung" von 2006 bemerkt haben. Merkwürdigerweise hält Adichies These trotzdem, weil so viele Kapitel von "Die glücklichsten Menschen der Welt" wie gewaltige, enorm aufwendige Expositionen zu Geschichten wirken, die dann nicht kommen.

Wole Soyinka: "Die glücklichsten Menschen der Welt": Wole Soyinka wurde 1934 in Abeokuta, Nigeria geboren. 1986 bekam er als erster Afrikaner den Literaturnobelpreis.

Wole Soyinka wurde 1934 in Abeokuta, Nigeria geboren. 1986 bekam er als erster Afrikaner den Literaturnobelpreis.

(Foto: THOMAS SAMSON/AFP)

In dem Moment, in dem es nach einer gewöhnlichen Dramaturgie bei den Konflikten schmerzhaft werden müsste, wechselt Soyinka häufig das Thema. Es geht um den komischen Heiligen einer sektiererischen Megachurch, nein, es geht um die PR-gefütterte Selbstfindung einer relativ jungen Nation, nein, um den Führungsstil des fiktiven Premierministers Godfrey Danfere, genannt Sir Goodie, der vor allem darin besteht, immer irgendwen warten zu lassen, um eine Elite, die sich in von den ehemaligen Kolonialherren übernommenen Privilegien aalt, nein, es ist ein Krimi über Mord und Organhandel.

Soyinka hat in Interviews gesagt, dass es ihm die Corona-Pandemie ermöglicht hat, so spät im Leben noch einmal einen Roman zu schreiben, er hatte Zeit. Womöglich plausibilisiert auch das Zeitregime der Lockdowns seine Dramaturgie: Immer wenn man denkt, man weiß, was passiert, ändern sich die Voraussetzungen. Alles zieht sich ganz schön hin, obwohl es ein Weltereignis ist. Leicht liest sich dieser Roman jedenfalls nicht. Zumal für ein internationales Publikum, dem es an Wissen fehlt, um die Anspielungen auf die nigerianische Politik und Geschichte entschlüsseln zu können. Soyinka befriedigt mit dem Roman auch nicht das Bedürfnis laufender Debatten des globalen Nordens, im postkolonialen Schuldverteilungskampf klare Zuteilungen zu treffen. Daran liegt es vermutlich, dass dieses Ereignis von einem Buch nicht mit Karacho in allen Bookclubs und Bestenlisten gelandet ist, obwohl es auf Englisch schon im Herbst herauskam.

An den Sinn der Unabhängigkeit erinnert sich kaum noch jemand

In den verschlungenen Weiten dieses Romans gibt es aber eben auch diesen konzentriert glühenden Moment, in dem eine der beiden Hauptfiguren, der Chirurg Kighare Menka, an einem Feierabend in seinem im Kolonialstil gebauten Gentlemens Club endgültig durchdreht. Den Tag über hat er die vor allem weiblichen Opfer eines Bombenanschlags auf einen Gemüsemarkt der Stadt Jos zusammengeflickt. Da liest ein anderer Gast die Zeitungsmeldung über einen von 13 Männern an einer Hausfrau begangenen Mord vor, und die lässige Indifferenz seiner Peers, besonders gegenüber der häuslichen Gewalt gegen Frauen und kleine Mädchen, deren Spuren und Wunden der Arzt selbst jeden Tag sieht, lässt ihn die an diesem Ort eisern überwachten Manieren vergessen: "Alle, die wir hier sind", wettert er, "wir quatschen uns hier in diesem Palast des Selbstbetrugs die Seelen aus dem Leib. Davon rede ich!" An der Stelle verliert auch die Erzählstimme ihre ironische Distanz.

Eine sinnlose, körperliche Gewalt, die den Alltag des Landes, von dem hier erzählt wird, perforiert, unterbricht das erzählerische Spiel mit der Verschiebung und der Ablenkung. Oder bringt es zumindest stark ins Schlingern. Die politische Botschaft des Romans entsteht aus dem Kontrast: So bitter ernst sie im Kern ist, nutzt Soyinka darum herum sich wie wild vermehrende Zeichen und Symbole genießerisch als Motiv und Quelle von Pointen.

Die Potentaten des Romans wechseln zum Beispiel ständig die Namen, machen sich pompöse Epitheta wie "Diener der Nation" oder "Kümmerer des Volkes" streitig. Die Feier der Unabhängigkeit Nigerias von den Briten, 1960 errungen, ersetzen sie durch ausgedachte Events. Wie das "Festival der Wahl des Volkes", das um so viele künstliche Rituale bereichert wird, dass es "das ganze Jahr umfasste, manchmal bis ins nächste hineinragte und dadurch mit seinen verschiedenen Festivitäten den Neuanfang ein- und überholte", während, wie Soyinka anfügt, "sich kaum noch jemand erinnerte, worum es sich bei der Unabhängigkeit handelte." "Branding" spielt eine große Rolle, zum Beispiel die Umwidmung des gewaltgeschüttelten Landes zu dem der "glücklichsten Menschen der Welt".

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Papa Davina, die Figur des schlitzohrigen Predigers, macht eine Entwicklungsreise durch, zu einer europäischen Universität, durch verschiedene nigerianische Provinzen, "ein Sammellager für illegale Einwanderer in Newark, New Jersey", Liberia, Gambia, Senegal, Sierra Leone und Ghana, wo er seine Epiphanie erlebt, zurück nach Nigeria. Das Kapitel liest sich wie ein langer, sehr informativer Scherz über den flottierenden Signifikanten "Afrika". Streckenweise erinnert der Roman überhaupt an das Humorlevel, das sich eine Gilles Deleuze lesende Postmoderne von den Großen der absurden Literatur abgeschaut hat, Lewis Carroll oder Samuel Beckett.

Ganz zum Schluss vernäht Soyinka die Episoden dann aber doch noch zu einem Plot, und dann müsste man von vorne zu lesen anfangen, um zu suchen, wo man die Spuren der Geschichte im Wust der Zeichen übersehen hat. Wann es anfing, dass der Chirurg Kighare Menka in ein kriminelles Geschäft mit Leichenteilen hineingezogen zu werden droht, die zu rituellen Zwecken überall im Land gehandelt werden. Er sucht Schutz und Hilfe bei seinem Studienfreund, dem Ingenieur Duyole Pitan-Payne und dessen Familie. Der steht allerdings kurz vor der Abreise, weil er als Spezialist für Energiefragen zu den Vereinten Nationen berufen worden ist. Ein Umstand, den die Regierung in Gestalt des eitlen Sir Goodie mit bedrohlichem Kontrollbedürfnis begleitet.

Die Clique der beiden in Würde alternden Freunde bestand ursprünglich aus vier Männern, von denen einer seine Seele unter der Folter verliert und der vierte verschwunden bleibt. Die Frage ist also, ob die Freunde wieder zusammenkommen, ob sie das Ziel ihrer jungen Jahre, ihrem Land etwas zurückzugeben, es zu prägen, noch erreichen. Und ob sie den Kriminalfall des Geschäfts mit zerstückelten Menschen lösen werden.

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