Literatur:Hilfe, wir sind nicht woke genug

Mario Adorf und Angela Winkler in dem Film "Die verlorene Ehre der Katharina Blum"

Heinrich Böll kassierte für seine 1974 veröffentlichte Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" einen analogen Shitstorm. Im Jahr darauf verfilmte Volker Schlöndorff die Geschichte mit Mario Adorf und Angela Winkler.

(Foto: Tele Bunk)

Darf man eine Erzählung, in der Gewalt beschrieben wird, noch drucken? Geht ein Roman, in dem ein Reaktionär reaktionäres Zeug redet, in Ordnung? In Verlagen greift die Angst um sich, zum Gegenstand aggressiver Identitätsdebatten zu werden.

Von Hilmar Klute

Mitunter lohnt es sich sogar, die schlechten Autoren zu lesen, besonders dann, wenn deren Bücher uns lehren, dass die Hypermoral keine Erfindung unserer Tage ist. Der kommunistische Schriftsteller Willi Bredel schrieb einmal eine kleine Geschichte auf, die sich in den 1920er-Jahren am Hamburger Ernst Drucker Theater, das später nach dem Stadtteil St. Pauli benannt wurde, zugetragen hatte: "Faust auf der Reeperbahn". Damals, erzählt Bredel schlecht, aber unterhaltsam, hatte das Ensemble lose Szenen aus Goethes Faust I aufgeführt, das Publikum bestand aus Seeleuten, Putzfrauen und Hafenarbeitern. Als die Darbietung bei der Kerkerszene angelangt war, in der Faust dem Gretchen zugunsten des Leibhaftigen den Laufpass gibt, warfen die Proletarier im Theater mit Flaschen um sich und verlangten von den Schauspielern, dass sie einen anderen Schluss spielten. Der Doktor soll das Mädchen heiraten, brüllte das woke Publikum, die verzweifelten Künstler mussten sich etwas ausdenken, um gegen den analogen Shitstorm steuern zu können.

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