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Wohnzimmer-Performances:Wir sind so frei

Gute Nachrichten aus der Pandemie: Die alten Rock-Millionäre aus England, wie David Gilmore und Robert Fripp, sitzen isoliert zu Hause und sind trotzdem bester Dinge.

Von Thomas Steinfeld

Zu den vielen Nebenwirkungen der Pandemie gehört die rasende Vermehrung der Konzerte, die im Internet dargeboten werden und in Form und Inhalt auf die gesellschaftlichen Folgen der Seuche reagieren. Wollte man eine Soziologie der Popmusik schreiben, fände man in ihnen nicht nur die jämmerlichen Reste des MTV-Videos, sondern auch den Stoff für ein ganz neues Kapitel. Dieses gälte der Bühne, also der Frage, was eigentlich von einem Popstar bleibt, wenn ihm das Lebenselement, die Performance, entzogen ist. Der jüngere Star, so sieht es aus, besteht meist darauf, immer weiter vor Publikum zu spielen, obwohl es kein leibhaftiges mehr gibt: Er lässt sich wie bei einem Auftritt filmen, im Wohnzimmer, im heimischen Studio, im Garten, er behält dabei alle Posen bei.

Der ältere Popstar kann offenbar mit der Beschränkung besser umgehen als der jüngere. Vor allem reflektiert er dabei den Zwang zur Performance. Guy Pratt zum Beispiel, der Bassist, der in diversen späten Inkarnationen der Gruppe Pink Floyd an die Stelle von Roger Waters getreten ist, trägt via Stream seine bekanntesten Riffs vor, er erzählt Anekdoten aus einem abenteuerlichen Leben mit den Prominenten. Darüber wird er zum "Stand-up-Comedian" (er hatte die Rolle zuvor schon auf echten Bühnen erprobt).

Robert Fripp, bekannt geworden als Gitarrist und Zentralgestalt der Gruppe "King Crimson", ist der kurzgeschorene Gentleman unter den Volkshelden des Rock. Er betreibt zusammen mit seiner Frau Toyah Willcox, einer ehemaligen Punk-Sängerin, die Youtube-Kolumne „Sunday Lunch“.

(Foto: Youtube)

Paul Stanley, der Gitarrist und Sänger der amerikanischen Rockband Kiss, entpuppte sich, ungeschminkt, schon im Frühjahr als charmanter und recht melancholischer Zeitgenosse mit einem Hang zur Morallehre. Diesen beiden und etlichen anderen ist gemein, dass ihre sonst monströsen Bühnen auf das Format je eines Schemels geschrumpft sind. Darauf sitzt jemand, den man für einen etwas älteren Privatmann mit Gitarre halten könnte.

Die Botschaft: Pop war immer das Spiel mit Masken, und da sind wir gerne weiter mit dabei

Der britische Popmusiker trägt, wenn er in die Jahre gekommen und reich geworden ist, häufiger die Züge eines Geadelten, der sein hoch verfeinertes Leben im Süden Englands nur gelegentlich für einen Aufenthalt in der vulgären Hauptstadt unterbricht: Pink Floyds Sänger und Gitarrist David Gilmour, 74, der mit seiner vielköpfigen Familie eine Art Kommune in Sussex zu betreiben scheint, einst Herrscher über stadiongroße Klangdystopien und Erfinder eines legendär verhallten Untergangs-Stakkatos ("Run like hell"), er ist heute sicherlich der Prototyp eines solchen späten Landedelmanns.

Auf einem ähnlichen, wenngleich vermutlich im Vergleich zu Gilmour deutlich kleineren "Estate" (in Worcestershire) wohnt Robert Fripp, bekannt geworden als Gitarrist und Zentralgestalt der Gruppe King Crimson, darüber hinaus aber stets in Dutzenden von anderen Projekten engagiert. Dem landläufigen Expressionismus des Popstars hat er, obwohl einer der großen Neuerer des "Prog Rock", schon seit Langem ein Leben im dreiteiligen Anzug mit Krawatte, in tadelloser Haltung und in strenger Disziplin entgegengesetzt: Seine Performance bestand in musikalischer Meisterschaft und persönlicher Zurückhaltung. Dieser kurzgeschorene Herr unter den Volkshelden des Rock betreibt nun zusammen mit seiner Frau Toyah Willcox, einer ehemaligen Punk-Sängerin ("I want to be free", 1981), eine Kolumne auf Youtube. Sie trägt den Titel "Sunday Lunch" und entwickelt die Nötigung zum Privatleben zu einer hoch ironischen Kunstform.

Aufgenommen sind die kurzen Filme mit einer starren Kamera, einem Mobiltelefon auf einem Stativ vermutlich. Ihr Schauplatz ist oft die Küche, einer der privatesten Räume des Hauses. Zwischen Spüle und Geschirrregal kommt dann zum Beispiel die Frage auf, wie die infolge der Pandemie verhängten Distanzregeln bei einem King-Crimson-Konzert zu verwirklichen seien. Robert Fripp spielt daraufhin eine seiner Kompositionen, auf einer stark verzerrten Gitarre, als ginge es um große Lautstärken, während Toyah Willcox ihren Nahraum mit zwei wirbelnden Handtaschen verteidigt. Zur Musik von "Schwanensee" wird im Garten getanzt, in schwarzen Kostümen und eher unbeholfen. Anlässlich von Halloween intoniert Robert Fripp, Gesicht und Arme mit aufgeklebten Tattoos verziert, einen alten Schlager: "Paranoid" von Black Sabbath. Er tut es mit äußerster Präzision. Unterdessen übt sich seine Frau hinter einem Kellergitter im Tanz der Dämonen. Jedem Clip liegt stets nur ein Einfall zugrunde. Meist ist er schlicht, oft ist er absurd, manchmal blöd. Immer aber wirkt er sehr britisch, was nicht zuletzt an der steinernen Mimik des Gitarristen liegt.

Privatleben heißt hier: Toyah Willcox mag im Kostüm einer Cheerleaderin auftreten, aber aus ihren steifen Gelenken macht sie keinen Hehl. Vielmehr sucht sie das Unpassende, gar Lächerliche, um es dann als etwas völlig Selbstverständliches darzubieten: Man ist alt, Popmusik ist ein Spiel mit Masken, und wir sind immer noch dabei. Privatleben heißt hier auch, zu offenbaren, wie gering die Mittel eines Bühnenmenschen werden, wenn er seine Kunst in kleinen Räumen ohne Publikum aufführen muss. Der Effekt ist dann komisch und traurig zugleich. Privatleben heißt hier aber zuletzt und vor allem: die Zuneigung zu demonstrieren, die den grauen Herrn im grauen Anzug und das alt gewordene Mädchen miteinander verbindet. Sie mögen sehr verschieden sein und entgegengesetzten musikalischen Genres zugehören. Aber sie scheinen einander sehr zu mögen. Darin liegt das Tröstliche dieser Filme. All dies ist aus dem Absurden gewonnen und übersteigt es zugleich.

'The Kindness' By Polly Samson Book Presentation In Rome

David Gilmour, Stimme und Gitarre von „Shine On You Crazy Diamond“, und seine Frau, die, natürlich erfolgreiche, Schriftstellerin Polly Samson.

(Foto: Ernesto Ruscio/Getty Images)

Im Starwesen, erklärte der Soziologe Andreas Reckwitz in einem Buch, das der "Erfindung der Kreativität" gewidmet ist, habe sich jüngst eine Tendenz durchgesetzt: die "Entkopplung der Aufmerksamkeit des Publikums von der öffentlich zertifizierten kreativen Leistung". Heißt: Manche werden zu Stars, obwohl sie nichts können. Auch mit dieser Idee spielen Toyah Willcox und Robert Fripp, wenn sie auf Youtube einen Blick durchs Schlüsselloch ihres Anwesens anbieten: Am Ende gibt es doch nur zwei Einhörner aus rosa Plüsch zu sehen, die von den beiden durchs Gartengemüse geschoben werden. An dieser herrlichen Ironie schließlich zeigt sich, wie reif, alt und weise der Pop mittlerweile geworden ist, weiser jedenfalls, als es die Allgegenwart der echten Auftritte in Hallen und Stadien bis zum letzten Jahr je hätte erahnen lassen.

© SZ vom 12.11.2020

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