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Wissenschaftsgeschichte:Wenn der Schnee schmilzt

Charles Darwins "On the Origin of Species" ist ein Grundbuch der modernen Welt. Eike Schönfelds Neuübersetzung zeigt, wie viel Literatur in der Wissenschaft steckt und wie viele Widersprüche durch Kanonisierung verdeckt wurden.

Von Thomas Steinfeld

Cover für die Literaturbeilage ET 27.11.2018

Charles Darwin: Der Ursprung der Arten durch natürliche Selektion oder Die Erhaltung begünstigter Rassen im Existenzkampf. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2018. 612 Seiten, 48 Euro.

Ein in einem besonderen Sinn einzigartiges Buch ist Charles Darwins "On the Origin of Species", zuerst erschienen im Jahr 1859. Kein wissenschaftliches Werk aus jener Zeit, keine wissenschaftliche Schrift überhaupt scheint heute in einem solchen Maße gesichertes, allgemeingültiges Wissen zu verbürgen, wie es dieses Werk seit Generationen tut. Dass es so etwas wie die "natürliche Zuchtwahl" gibt und diese Zuchtwahl das dynamische Prinzip bildet, das die Geschichte der Natur vorantreibt: Diese Erkenntnis gehört zu den wenigen Dingen, die der gemeine Mensch tatsächlich über Tiere, vermutlich auch über Pflanzen, möglicherweise sogar über die eigene Spezies zu wissen meint.

Der auktoriale Erzähler Darwin lässt die Natur vor dem inneren Auge des Lesers auf Wanderschaft gehen

Dieses Grundbuch der modernen Welt liegt nun in einer Neuübersetzung vor, verfasst von Eike Schönfeld, einem der bekanntesten Übersetzer aus dem Englischen. Er übertrug Charles Dickens und Jonathan Franzen ins Deutsche, Henry Fielding und Susan Sontag, Nicholson Baker und Joan Didion. Die Wahl eines so renommierten literarischen Übersetzers könnte man für eine Reverenz gegenüber Charles Darwin halten, einem Wissenschaftler, der seinen Gegenstand auf angenehme, verständliche und sprachlich anspruchsvolle Weise darzulegen verstand.

Die Behandlung von "Origin of Species" als zumindest "auch" literarisches Werk könnte jedoch ebenso gut Zweifel wecken. Denn es gibt keine literarische Übersetzung, die nicht zugleich Deutung des ihr zugrundeliegenden Textes wäre. Wie kann es aber sein, dass ein wissenschaftlicher Text einen derartigen Spielraum zulässt? Widerspricht nicht allein die Tatsache einer Neuübersetzung den Ansprüchen an Exaktheit und Beständigkeit, die man an ein solches Werk zu stellen hat?

Drei deutsche Übersetzungen des "Origin of Species" gab es bisher. Die erste stammt von Heinrich Georg Bronn, einem Heidelberger Paläontologen, dem Darwin unmittelbar nach Erscheinen der ersten Ausgabe ein Exemplar geschickt hatte. Bronn übertrug das Buch offenbar sofort, sodass es schon im folgenden Jahr auf Deutsch erschien. Doch hatte er, Fachgenosse, der er war, gelegentlich in das Werk eingegriffen und darüber hinaus einen eigenen Kommentar ans Ende gesetzt. Einen der berühmten Sätze des Werks - "Licht wird fallen auf die Entstehung des Menschen und seine Geschichte" - hatte er einfach verschwinden lassen. Die zweite Übersetzung wurde notwendig, weil Darwin den originalen Text mit jeder Auflage (es gab bis 1872 insgesamt sechs) verändert hatte. Ihr Autor war der Leipziger Zoologe Julius Victor Carus. Sie gilt bis heute als die maßgebliche Fassung, wenngleich in den vergangenen Jahrzehnten die im Reclam-Verlag erstmals 1963 erschienene, deutlich moderner klingende Übersetzung Carl W. Neumanns daneben trat.

Übersetzungen lassen sich nicht anders als in Beispielen vergleichen, was ein gewisses Maß an Ungerechtigkeit einschließt. Deswegen sei eine beliebige Stelle genommen, eine Passage, die irgendwo zu Beginn des letzten Viertels steht. Im Original lautet sie: "And as the snow melted from the bases of the mountains, the arctic forms would seize on the cleared and thawed ground, always ascending higher and higher, as the warmth increased, whilst their brethren were pursuing their northern journey" - unter "forms" sind hier Pflanzen und Tiere zu verstehen. Die Passage offenbart nicht nur, in welchem Maße dieses Buch als Erzählung auftritt, sondern auch, dass Charles Darwin in bedeutendem Umfang literarische Mittel einsetzt, angefangen bei einem sorgfältigen Periodenbau (man spreche den Satz einmal laut vor sich hin, um seine langen, ausgeglichenen Rhythmen zu spüren) bis hin zur Allegorie der "Brüder", die auf Reisen sind. Charles Darwin, ein auktorialer Erzähler des 19. Jahrhunderts, lässt die Natur vor dem inneren Auge des Lesers auf Wanderschaft gehen - was er übrigens so oft und so erfolgreich tat, dass die britische Literaturwissenschaftlerin Gillian Beer der Übernahme seiner Erzählstrukturen in den viktorianischen Roman eine große Studie ("Darwin's Plots", 1983) widmete.

Julius Victor Carus nimmt dem Satz nicht nur den Rhythmus, sondern auch, bis auf das Wort "entblößt", die Poesie: "Wenn der Schnee am Fuße der Gebirge schmilzt, werden die arktischen Formen von dem entblößten und aufgethauten Boden Besitz nehmen; sie werden immer höher und höher hinansteigen, wie die Wärme zunimmt, während ihre Brüder in der Ebene den Rückzug nach Norden hin fortsetzen." Carl W. Neumann macht ihn nicht nur prosaisch, sondern versucht auch, ihn zu verdeutlichen: "Und als der Schnee am Fuße der Gebirge schmolz, nahmen die arktischen Formen von dem eisfreien, aufgetauten Boden Besitz und stiegen mit der zunehmenden Wärme und der fortschreitenden Schneeschmelze immer höher, während ihre Brüder in der Ebene den Zug nach Norden fortsetzten."

Eike Schönfeld sucht die schwebende Prosodie zu reproduzieren und verstärkt das Motiv der Bewegung: "Und als der Schnee im Gebirge vom Tal her schmolz, nahmen arktische Formen den freigelegten und aufgetauten Boden in Besitz, immer weiter hinauf, solange die Wärme zunahm, während ihre Artgenossen ihre Wanderung nach Norden fortsetzten." Solche Proben lassen sich überall entnehmen. In den meisten Fällen werden sie zum selben Ergebnis führen: In der Übersetzung Eike Schönfelds kehrt ein hoher Grad an literarischer Qualität in den Text zurück.

Der poetische Duktus ist, obwohl ihm "On the Origin of Species" vermutlich zumindest einen Teil seiner Popularität zu verdanken hat, schon zur Entstehungszeit des Werkes keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Physiologe Emil du Bois-Reymond verschärfte wenige Jahre später den Satz Immanuel Kants, "dass in jeder besonderen Naturlehre nur so viel Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen sei", dahingehend, dass er für alle Erscheinungen zwischen Himmel und Erde gelten sollte, und die Wandlung der Naturforschung zu experimentellen, also im Wesentlichen in Laboratorien stattfindenden Wissenschaften arbeitete einer solchen Forderung entgegen. Charles Darwin steht erst auf der Schwelle zu einer solchen Wissenschaft, weil er bislang kaum erschlossenes Terrain vor sich hat und dieses Terrain geschichtlich ist, sich in unablässiger Bewegung befindet.

Immer hat er drei Dinge zugleich zu tun: Zunächst muss er sein Material finden und sistieren, also für die empirischen Grundlagen seiner Wissenschaft sorgen. Dann muss er dieses Material organisieren, und endlich hat er Schlüsse zu ziehen. Und man merkt seinem Buch an, nicht anders als manchen Teilen des "Kapitals" von Karl Marx, dass er Schluss und Urteil so lange wie möglich hinauszögern will. Die vielen Wendungen im Sinne von "ich nehme an", die Bekenntnisse zu möglichen "Irrtümern" sind nicht nur Rhetorik. In ihnen drückt Darwin aus, dass er sich dessen bewusst ist, den festen Boden der Empirie verlassen und den wolkigen Grund der Spekulation betreten zu haben. Der literarische Duktus Eike Schönfelds lässt dieses Zögern vor der Hypothese deutlicher hervortreten. Hier kann der Leser spüren, dass Charles Darwin die "Brüder", wie sie die allmählich vom Eis befreiten Landschaften hinaufziehen, gern noch ein wenig länger begleitet hätte.

Für das Zaudern gibt es indessen noch einen anderen Grund. Auch er hängt damit zusammen, dass die Naturlehre, so wie sie von Charles Darwin konzipiert wird, eine historische Disziplin ist. Zwar glaubt dieser Naturforscher, und mit ihm das gebildete Publikum um die Mitte des 19. Jahrhunderts, fest an eine universale Wissenschaft, die eine bunte Welt der Erscheinungen in einfache, einander stets gleich bleibende Elemente zu zerlegen vermag - und damit an die grundlegende Differenz zwischen oberflächlichen Ereignissen, die man beobachten kann, und tieferen Gründen oder "Gesetzen", die als solche nicht wahrzunehmen sind. Doch während sich diese Teilung in der Physik oder in der Astronomie mit durchschlagendem Erfolg vollziehen ließ, sperrten sich andere Wissenschaften dagegen, und zwar im selben Maß, wie sie von toten zu lebendigen Gegenständen übergingen. In der Geschichtsschreibung gibt es keine "Gesetze" - allenfalls aus Erfahrung gewonnene "Regeln", aus denen sich aber keine Voraussagen ableiten lassen. Und Charles Darwins Wissenschaft ist eine Geschichte und will eine Geschichte sein.

"Wie bereits im letzten Kapitel bemerkt wurde, gibt es keinen Beleg für die Existenz eines Gesetzes der notwendigen Entwicklung."

So kommt es, dass sich in "On the Origin of Species" immer zwei Bewegungen gleichzeitig vollziehen. Die eine drängt zur Wissenschaft, in der strengen Bedeutung, die das 19. Jahrhundert diesem Wort gab, also zum Gesetz. Die andere zögert und will Geschichte sein, womöglich sogar in einer erzählten Form. In der Übersetzung wird diese Differenz verstärkt. "Der Ursprung der Arten" lautet der Titel des Buches bei Eike Schönfeld, "Die Entstehung der Arten" bei Carl W. Neumann. Das Wort "origin" in der englischen Fassung lässt beide Übersetzungen zu, auch wenn zwischen beiden ein erheblicher Unterschied besteht: "Ursprung" bezeichnet einen nicht zu hintergehenden Anfang, "Entstehung" steht für einen Prozess, bei dem es weder Beginn noch Ende geben muss.

Ähnliche Schwierigkeiten ziehen sich, in mannigfachen Variationen, durch das gesamte Werk. Wenn Charles Darwin schreibt: "I believe, as was remarked in the last chapter, in no law of necessary development", übersetzt Julius Victor Carus, ganz Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts: "Wie schon im letzten Capitel bemerkt wurde, glaube ich an kein Gesetz nothwendiger Vervollkommnung." Und Eike Schönfeld, der Literat, schreibt: "Wie bereits im letzten Kapitel bemerkt wurde, gibt es keinen Beleg für die Existenz eines Gesetzes der notwendigen Entwicklung." Beide Wendungen sind denkbar, obwohl sie etwas Verschiedenes bedeuten - wobei die Zweideutigkeiten durch die Übersetzungen allenfalls hervortreten, nicht aber in ihnen begründet sind. Für ein Werk, das für das Verständnis der Natur von grundlegender Bedeutung sein soll, ist ein solcher Befund indessen bedenklich. Man muss daher dankbar sein, dass es diese neue Übersetzung gibt, nicht nur, weil sie dem Original womöglich näher kommt als alle früheren Übertragungen. Sondern vor allem, weil sie offenlegt, in welchem Maße hier einige wahrlich fundamentale Unklarheiten durch Kanonisierung entsorgt wurden.

© SZ vom 27.11.2018

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