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Wissenschaft und Kunst:Hall aus dem All

Einmal Mond und zurück: die Musik- und Videokünstlerin Martine-Nicole Rojina (hier mit dem Musikproduzenten und DJ Tim Palm).

(Foto: Andrea Cerrato)

Die Medienkünstlerin Martine-Nicole Rojina nutzt das Echo des Mondes für ihre Arbeit

Der Himmel ist nah. Du fühlst die magischen Klänge in deinem Ohr", sang Martine-Nicole Rojina - wenngleich in englischer Sprache - auf dem 2006 erschienenem Album "Minx" von Roberto Di Gioias Projekt "Marsmobil". Mittlerweile bezieht die studierte Tontechnikerin solche magischen Klänge tatsächlich aus dem Himmel respektive aus dem Weltall. Ganz genau nämlich schickt sie Sounds in Radiowellen moduliert zum Mond, wo sie von der Mondoberfläche reflektiert werden. Dieses Echo, das Rojina wieder in Klänge wandelt, nutzt die Medienkünstlerin für eine neue, stratosphärisch bereicherte Musik. Jedes Echo darf je nach Position des Mondes maximal 2,7 Sekunden lang sein. So lange brauchen die verwendeten Amateurfunksignale für die 770 000 Kilometer von der Erde zum Mond und zurück. Jedes Signal, das länger dauert, würde dementsprechend vom eigenen Echo überlagert werden. Also stückelt Rojina längere Klänge, die sie zum Mond schickt.

Diese Funkverbindung, bei der der Mond als passiver Reflektor genutzt wird, heißt "Moonbounce". Um den Effekt zu erzielen, nutzt Rojina ein Radioteleskop, das in der Nähe des niederländischen Dorfes Dwingeloo steht. Mit seinen 25 Metern Durchmesser galt dieses 1956 von Königin Juliana in Betrieb genommene Rundteleskop damals als das größte der Welt. Seit 1998 wird es nicht mehr für die Wissenschaft genutzt. Erst 2013 wurde es von Amateurastronomen wieder betriebsfähig gemacht. Seitdem wird die Antenne, wie Rojina das gewaltige Konstrukt nennt, auch von Künstlern genutzt. So eben auch von der Münchnerin Rojina, die im Februar 2018 zum ersten Mal nach Dwingeloo reiste. Zusammen mit dem Künstler Peter Friess von STARTS (Science, Technology And The Arts), einer Initiative der Europäischen Kommission, die Synergien zwischen Kunst und Industrie mithilfe der Inkludierung von Künstlern fördert.

Weil Künstler schon immer interdisziplinär gearbeitet hätten, wie sie sagt, hält Rojina viel von dieser Art von Inklusion. Maler wären zum Beispiel immer schon auch Chemiker, um ihre eigenen Farben anzumischen, sagt sie. Zudem sei es oft die Kunst, die Wissenschaftler inspiriert. Und andererseits seien es oft Künstler, die zwischen den Wissenschaften und der Gesellschaft vermitteln würden.

Vor allem aber wollte Rojina schon als Kind Astronautin werden. Alles, was mit Weltall zu tun hat, faszinierte die gebürtige Starnbergerin, die viele Jahre später also vor der riesigen Antenne in Holland stand. Auf einem kleinen Haus ist sie positioniert, das wiederum auf Schienen rollend im Kreis gedreht werden kann. Mit großer Ehrfurcht berührte Rojina die Antenne, die sie noch tiefer zu beeindrucken wusste. Vier Jahre hatte sie damals gerade in Brüssel gelebt und unter anderem auch die EU-Kommission in Sachen Inklusion der Kunst in die Wissenschaft und Technologie beraten. Nun erlebte sie selbst das Zusammenwirken der Disziplinen in dieser wunderschönen Antenne als einen einzigen magischen Augenblick.

Begleitet von mitgereisten Musikern, versuchte Rojina, diesen Augenblick musikalisch festzuhalten. Mit den ersten Signalen, die sie zum Mond schickte, und deren Echos sie in einen Song als Mondorchester einfließen ließ. Unterstützt wurde sie dabei von den holländischen Radio-Astronomen Harry Keizer und Jan van Muijlwijk, die als Mitarbeiter des Vereins C.A. Muller Radio Astronomy Station (CAMRAS) Besucher durch das Innere der Antenne führen. Hinein in das kleine Häuschen, wo die technischen Apparate bedient werden, mit denen die Parabolantenne zum Mond ausgerichtet wird.

Tatsächlich sind es diese beiden Mitarbeiter, die Martine-Nicole Rojina auch künftig unterstützen, wenn sie Signale zum Mond und zurück schickt. Nur, dass die Künstlerin dafür nicht mehr nach Holland fährt. Stattdessen nutzt sie das Internet, um Töne von anderen Orten nach Dwingeloo zu schicken. Dort sitzen dann Jan van Muijlwijk und Harry Keizer und leiten die Klänge als Radiowellen moduliert zum Mond weiter. Was den Prozess für alle Beteiligten nur noch spannender macht. So durfte Martine-Nicole Rojina schon die legendären Abbey-Road-Studios in London für ihre "Moonbounces" nutzen. Genau da, wo der "Star Wars"-Soundtrack aufgenommen wurde und wo die Bandmitglieder von Pink Floyd angeblich mal Fußball gespielt haben, schickte vergangenes Jahr etwa der Pförtner der Studios hörbar aufgeregt ein Liebesbekenntnis ins Weltall. Leicht verzerrt mit dem stratosphärischen Knistern, das solchen Funksprüchen aus dem Weltall immer anhaftet, tönte es nach zweieinhalb Sekunden zurück: "I love you, Monica". Wahnsinn, jubelte der Pförtner, und zweifelte für einen Augenblick sogar daran, dass die Techniker, die ihm dabei halfen, das Echo zu empfangen, in den Niederlanden saßen und nicht, wie er sagte, "direkt um die Ecke in London". Dank Martine-Nicole Rojina, die die "Moonbounces", oder auch EME für Erde-Mond-Erde respektive Earth-Moon-Earth, auf ihrer Internetseite sistermoon.space dokumentiert, durften schon Menschen in Stockholm, Karlsruhe, London und München kleine Botschaften zum Mond schicken. Auf dem nächsten Festival "South by Southwest" in Texas wird die Münchnerin im German House ihren nächsten öffentlichen "Moonbounce" veranstalten. Bis zu zwei Sekunden lange Aufnahmen kann man der Künstlerin über ihre Website auch außerhalb solcher Veranstaltungen schicken.