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Wirtschaftsgeschichte:Der Wert, den alle akzeptieren

Bernd-Stefan Grewe: Gold. Eine Weltgeschichte. C.H. Beck, München 2019 (C.H. Beck Wissen). 128 Seiten, 9,95 Euro.

Es ist war Grabbeigabe und Spekulations­objekt. Wer es besitzt, hat in der Hand, was bislang noch keine Autorität für kraftlos erklären konnte: Bernd-Stefan Grewe skizziert eine Welt­geschichte des Goldes.

Als Stefan Zweig sich im Exil an "die Welt von Gestern" erinnerte, da erschien sie ihm als das "goldene Zeitalter der Sicherheit". Dessen Ausdruck war die Währung, sie "lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit". Es war die bürgerliche Welt vor 1914, aber das Vertrauen in Gold war nicht auf diese Situation beschränkt.

Die Bedeutung des Goldes ist offenbar universell. Die archäologischen Befunde sind eindeutig: Wer mit Gold bestattet wurde, war reich und mächtig; dass jemand über Gold und sonst nichts verfügte, das gab es nicht. Die Anziehungskraft des Goldes ist eine merkwürdige Sache, denn es hat wenig praktischen Wert. Im Jahre 2018 wurden rund 4500 Tonnen Gold erzeugt, von denen nur 391 Tonnen, nicht einmal neun Prozent, für technische und medizinische Zwecke gebraucht wurden. Die große Masse wird zu Schmuck verarbeitet oder als Barren und Münzen gehortet. Doch wenn der Gebrauchswert so bescheiden ist, was gibt dem Material einen solch hohen Marktwert, zu allen Zeiten, an allen Orten? Dass alle Kulturen in einem Punkt übereinstimmen, der nicht durch Notwendigkeit bestimmt ist, das ist merkwürdig. Gold ist selten, sehr schwer, kommt in der Regel gediegen vor, ist reaktionsträge. Diesem Material Beständigkeit, ja Ewigkeit zuzusprechen, liegt immerhin nahe. Gold ist weich, das meint man ihm anzusehen, sein Farbton hat etwas Warmes. Es zeigt Herrschaft von der verbindlichen Seite. Gold ist ein Gegenstand reiner Schönheit, der im Menschen das Schlimmste weckt.

In der Reihe Beck Wissen hat Bernd-Stefan Grewe, Professor in Tübingen für Didaktik der Geschichte, eine "Weltgeschichte" des Goldes auf knapp 120 Seiten verfasst. Das ist eine fast tollkühne Unternehmung, denn wer davon sprechen will, muss von Währungssystemen, Finanz- und Wirtschaftspolitik sprechen, verwickelten Gegenständen. Dass dies Grewe zuletzt so gut gelingt, das liegt auch daran, dass er sich gerade darauf konzentriert und kulturelle Aspekte wenig berücksichtigt. Und ganz so global, wie es der Untertitel ankündigt, ist das Buch auch nicht angelegt. Im Vordergrund stehen Europa und Nordamerika. Wo von Südamerika und Afrika, Australien oder Indien die Rede ist, geht es vor allem um die Wirkungen auf Europa. Ein großes Beispiel gibt die Eroberung Mittel- und Südamerikas. Gewaltige Edelmetallmengen (allerdings weit mehr Silber als Gold) kommen über den Atlantik. Doch was die Herrscher Spaniens und Portugals so sehnsüchtig erwarten, hilft ihren Ländern wenig. Die Mittel dienen vor allem der Kriegsführung und dem Import von Luxusgütern, die heimische Wirtschaft wird kaum gefördert. Die zufließenden Edelmetalle (im 16. Jahrhundert verfünffacht sich ihre Menge in Europa!) setzen anhaltende Preissteigerungen in Gang, bis nach Indien und China. Möglicherweise wurde diese "Preisrevolution" auch durch das Bevölkerungswachstum seit dem Ende der Pest ausgelöst.

Die schrecklichen Umstände des Silber- und später Goldbergbaus werden von Grewe nicht verschwiegen, treten gegenüber den europäischen Belangen aber zurück. Globalgeschichtlich höchst bemerkenswert, dass die Gold-Silber-Relation sich in Nordafrika und Indien anders darstellte als in Europa. Europa hatte viel Silber; so wurden hier für eine Unze Gold bis zu 15 Unzen Silber gezahlt, während es in Indien die Unze Gold schon für zehn Unzen Silber gab. Noch waren die Märkte nicht gründlich globalisiert. Das lud Arbitrageure ein, sich die unterschiedlichen Preise an unterschiedlichen Orten zunutze zu machen. Diese Geschäfte aber machten zunächst nur Europäer, sie waren die Globalisten. Wohl versuchte man in England wie später in Indien, den Abfluss von Silber und Gold zu stoppen, aber die Marktkräfte erwiesen sich als unbezähmbar.

Das so schwer und beständig wirkende Material erlebte wilde Preissprünge

Im 19. Jahrhundert waren es die Goldräusche in Kalifornien, Australien, Südafrika, die so viel Gold zutage förderten, dass sich in Europa und den USA der Goldstandard durchsetzen ließ. Die damit erreichte Solidität hatte wirtschaftspolitisch allerdings einen Haken. Geriet ein Land in wirtschaftliche Schwierigkeiten, kam eine Abwertung nicht infrage, die Zentralbanken hatten die Goldreserven zu verteidigen. Die nötigen Anpassungen mussten durch Ausgabenkürzungen, zu denen auch Lohnkürzungen zählten, erreicht werden. Das ließ sich unter demokratischen Verhältnissen kaum durchhalten, das schuf auch in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 große Schwierigkeiten. Trotzdem blieb Gold eine währungspolitische Größe ersten Ranges.

In Bretton Woods hatte sich die (vor allem westliche) Welt 1944 noch einmal auf ein System geeinigt, das auf dem Gold beruhte. Der Dollar als Leitwährung funktionierte als ein "Scheck auf das Gold von Fort Knox". Schon Ende der Fünfzigerjahre beschrieb der Ökonom Robert Triffin das nach ihm benannte Dilemma: In einer sich dynamisch entwickelnden Weltwirtschaft mussten die Geldmengen wachsen, ohne dass in gleichlaufendem Maße die Goldreserven gesteigert werden konnten. In den Sechzigern mehrten sich die Zeichen, dass das System nicht mehr lange halten würde; 1971 verkündete Nixon, dass die Konvertierbarkeit des Dollars in Gold ausgesetzt sei. Damit wurde Gold zu einem Gegenstand der Spekulation. Das so schwer und beständig wirkende Material erlebte wilde Preissprünge.

Derzeit wird der größte Teil des Goldes nach Indien und China verkauft, worin sich vermutlich auch Misstrauen gegenüber dem eigenen Staat spiegelt. Immer noch wird Gold überall und von allen als ein Wert akzeptiert, der besteht, ohne dass Autoritäten ihn bestätigen müssten. Wer Gold besitzt, hat in der Hand, was bislang noch keine Autorität für kraftlos erklären konnte.