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Wirtschaftlicher Erfolg durch Vererbung Das Kapitalisten-Gen

Tüchtigkeit sei vererbbar: Der Historiker Gregory Clark verbreitet kontroverse Thesen über die industrielle Revolution. In Amerika ist ein Streit über die möglichen Konsequenzen entbrannt.
Interview: Hubertus Breuer

Der Wirtschaftshistoriker Gregory Clark hat in Amerika einen Streit über den Ursprung der industriellen Revolution entfacht - nicht zuletzt wegen der provozierenden Folgerungen für die moderne Gesellschaft. Clark, der an der University of California in Davis lehrt, hatte jahrelang in englischen Archiven nach den Ursachen der industriellen Revolution in England gesucht.

Der Historiker Gregory Clark stellt gewagte Thesen auf: Seiner Vermutung nach sind reiche Menschen genetisch anders als arme.

(Foto: Foto: dpa)
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In seinem Sachbuch "A Farewell to Alms" ("Abschied von den Almosen. Eine kurze ökonomische Geschichte der Welt", Princeton University Press) gibt er eine schlichte Erklärung: Von 1200 vermehrten sich in England bei kaum wachsender Bevölkerung die Reichen mehr als alle anderen - bis um 1800 nahezu jeder von dieser Oberschicht abstammte. So verbreiteten sich ihre Werte auf biologischem Wege und, mutmaßt Clark, womöglich ihre "kapitalistischen Gene".

SZ: Der Beginn der industriellen Revolution ist ein Wendepunkt der Menschheit. Sie glauben, dass es auf dem Weg dorthin nicht stetig bergauf ging.

Gregory Clark: Ich meine es in dem Sinne, dass sich der Lebensstandard von der Zeit der Höhlenbewohner bis zu den reichsten Gesellschaften um 1800 nicht verbesserte.

SZ: Aber Ackerbau, das Rad, Steinhäuser - das alles half der Menschheit doch.

Clark: Der Menschheit vielleicht, aber dem Einzelnen nicht unbedingt. Dank des stetigen, wenn auch langsamen technischen Fortschritts wuchs die Menschheit von geschätzt 10 000 um das Jahr 100 000 vor Christus auf 700 Millionen um 1800 an. Diese zusätzlichen Erdenbürger verbrauchten den Zugewinn, den Erfindungen an Produktionsgewinn beschert hatten. Die materiellen Lebensbedingungen der Engländer unter George III. waren deshalb nicht besser als die der Jäger in der Steinzeit.

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SZ: Aber Leben im England des 18. Jahrhunderts war doch besser als in der Steinzeit.

Clark: Täuschen Sie sich nicht. Wir können errechnen, dass Menschen um 1800 durchschnittlich 2300 Kalorien zu sich nahmen. Jäger und Sammler verzehrten dieselbe Menge. Die Lebenserwartung war auch gleich hoch. In England um 1800 arbeitete aber jede Person außerdem im Schnitt acht bis neun Stunden täglich, unsere altsteinzeitlichen Vorfahren dagegen viel weniger.

SZ: Das Wechselspiel zwischen Wirtschaftswachstum und Bevölkerungswachstum entstammt der Theorie des britischen Ökonomen Thomas Malthus vom Ende des 18. Jahrhunderts.

Clark: Eine überraschende Konsequenz von Malthus' Erkenntnis besteht darin, dass sich der Lebensstandard nur bessert, wenn mehr Menschen sterben als geboren werden. So ging es den Europäern während der Pestepidemie um 1450 erstaunlich gut, weil sich weniger Menschen die vorhandenen Ressourcen teilen mussten.

SZ: Das mittelalterliche England beschreiben Sie recht bukolisch.

Clark: Sie dürfen sich nicht an Filme wie "Braveheart" oder Monty Pythons "Ritter der Kokosnuss" halten, die England als eine verwahrloste, vom Adel ausgebeutete Gesellschaft inklusive Hexenverbrennungen, Plünderungen und Vergewaltigungen darstellen. Im Gegenteil: Das Land war ein leuchtendes Beispiel für das, was die Weltbank heute am liebsten in den Entwicklungsländern kreieren würde. Keine öffentlichen Schulden, kaum Inflation oder Steuern... Nach gängiger ökonomischer Theorie hätte eigentlich schon damals ein Wirtschaftswunder ausbrechen müssen.

SZ: Aber für die industrielle Revolution brauchte es die technische Neuerungen wie die Dampfmaschine, den Untertagebau, die großen Baumwollspinnereien.

Clark: Missverstehen Sie mich nicht - das sind notwendige Bedingungen. Aber auf welcher Grundlage bauen Sie das auf? Sie verdanken sich einer seit dem Mittelalter in England und Schottland gewachsenen Wirtschaftskultur, in der sich veränderte ökonomische Vorlieben der Menschen spiegeln.

SZ: Sie behaupten, dass die industrielle Revolution auf der Verbreitung kultureller Werte der Mittelschicht auf evolutionärem Wege seit 1200 beruht. Sie ziehen sogar in Erwägung, dass sich "bürgerliche Gene" vererbten.

Clark: Das mag Ihnen nicht gefallen, aber Sie müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Wir wissen, dass die englische Bevölkerung seit 1200 kaum anstieg. Deshalb konnte jede Familie im Schnitt kaum mehr als zwei Kinder haben. Der Mittelstand aber - Händler, große Bauern, wohlhabende Handwerker - hatte im Schnitt vier oder fünf Kinder, die überlebten. Die Armen hatten weniger als zwei Nachkommen.

Der Adel konnte mit dem wohlhabenden Mittelstand auch nicht mithalten, wie ich in langjährigen Archivstudien feststellen konnte. Die zahlreichen Kinder dieser Reichen konnten aber nicht in ihrer Schicht bleiben, weil die Ressourcen nicht ausreichten - also stiegen sie sozial ab und verdrängten dort die Armen. Und mit ihnen breiteten sich die bürgerlichen Werte aus - etwa Geduld, Tüchtigkeit, geringe Gewaltbereitschaft, harte Arbeit, Sparsamkeit statt Konsum. Und erst die ermöglichten die industrielle Revolution.

Das Kapitalisten-Gen

SZ: Aber von bürgerlichen oder gar kapitalistischen Genen zu sprechen, ist doch starker Tobak.

Clark: Es ist nicht ausgeschlossen! Und es hat doch durchaus Sinn: Wir unterscheiden uns genetisch sicherlich von den Jäger- und Sammler-Völkern unserer Vorzeit. Unter ihnen gab es genetisch-kulturelle Variabilität, und die besser Angepassten setzten sich durch. Warum sollte das nicht auch seit 1200 geschehen sein? Immerhin gibt es Tierstudien, die belegen, dass bestimmte Verhaltensweisen innerhalb von nur acht Generationen selektiert werden können.

SZ: Aber warum gerade England? Auch in anderen Ländern erstarkte doch das Bürgertum.

Clark: Wenn es nicht in England passiert wäre, dann früher oder später in einem anderen Land. England hatte aber einen Vorteil - es gab seit 1200 kaum größere Krisen. Das erlaubte es der Mittelschicht, die Gesellschaft im Laufe der Jahrhunderte zu dominieren. Um 1800 kam dann der technologische Fortschritt als Wachstumsfaktor hinzu - und damit brach das Land aus der Malthus'schen Bevölkerungsfalle aus. Es wurde weit mehr produziert, als die wachsende Nation bisher konsumiert hatte.

SZ: Mit Ihren Thesen fordern Sie Ökonomen heraus, die behaupten, dass erst die politischen Institutionen die Voraussetzungen für die industrielle Revolution geschaffen haben.

Clark: Dann hätte es auch im Indien des 19. Jahrhunderts passieren müssen. Dort gab es eine Freihandelszone mit England, stabile Löhne, die fünfmal niedriger als in England waren. Unternehmer kamen problemlos über die Grenzen. Marx prognostizierte damals, Indien würde die nächste große Wirtschaftsmacht, aber die Wirtschaft stagnierte.

SZ: In Ihren Augen spielte also der Mensch die wichtigste Rolle...

Clark: Genau. Wie er sich verändert hat, wie er auf die Institutionen und die wirtschaftlichen Anreize reagierte, das ist und war der entscheidende Faktor. Wer ökonomisch erfolgreich war, setzte sich durch seine Nachkommenschaft über Generationen durch - und das verdankt sich nicht nur der Erziehung, sondern den Anlagen. Die Ökonomie tut gerne so, als wären die Menschen überall gleich, aber das stimmt nicht. Im Laufe der Jahrtausende haben sich ihre Präferenzen geändert - und mit ihnen die Kultur. Und womöglich hat das tatsächlich eine genetische Grundlage.

SZ: Aber die bloße Möglichkeit, dass Gene eine Rolle spielen könnten, ist doch ein recht schwaches Argument.

Clark: Ein Verhalten, das zweifellos genetisch beeinflusst ist, ist beispielsweise die Geduld. In der Ökonomie spielt sie als "Zeitpräferenz" eine Rolle für die Zinsen. Wer eine hohe Zeitpräferenz hat, will alles sofort, wer dagegen eine niedrige hat, ist bereit, zu warten. Wer keine Geduld hat, den muss man daher mit einem hohen Zinssatz locken, um Kapital zu investieren. Das Überraschende ist - im Laufe der Menschheitsgeschichte sinkt der Zinssatz stetig!

Selbst während einer stabilen Phase im Reich der Sumerer im dritten Jahrtausend vor Christus mussten die Menschen 20 bis 25 Prozent Zins auf ein Silberdarlehen zahlen. Im mittelalterlichen England, einer stabilen Gesellschaft, lag der Zinssatz immer noch bei zehn bis zwölf Prozent. Darüber könnten wir heute nur frohlocken! Erst nach 1800 fallen die Zinsen auf unser heutiges Niveau. Der einzige plausible Grund dafür ist, dass Menschen auf den Gewinnanreiz mit unterschiedlicher Zeitpräferenz reagieren.

SZ: Ihre Argumentation hat haarsträubende Konsequenzen für die Dritte Welt. Im Grunde läuft sie darauf hinaus, dass Armut und Not hausgemacht sind.

Clark: Ja, damit ein Land wirtschaftlich erfolgreich sein kann, muss es die Kultur und damit die Menschen ändern; das braucht Zeit. Sehen Sie sich die Republik Malawi an - politisch stabil, aber völlig verarmt. Oder die Aborigines in Australien, die nicht auf Tausende Jahre Agrarwirtschaft zurückblicken können. Aber die meisten Ökonomen wollen das nicht wahrhaben. Ihr Fach gleicht einer Kultdisziplin wie die Medizin des Mittelalters. Sie verschreibt ständig Aderlass. Wenn das nicht hilft, gibt's einfach mehr vom selben Rezept.

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