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Wirtschaft:Überdruss, Weltschmerz, Endzeitstimmung

Hunger im Südsudan

Die dunkle Seite der Globalisierung: die "Vernachlässigung oder gar Ignoranz gegenüber den Verlierern": eine Frau in der Region Leer County (Südsudan).

(Foto: dpa)
  • Das Buch "Die erschöpfte Globalisierung" stellt die Globalisierungskritik in einen historischen Zusammenhang.
  • Der Wirtschaftsforscher Michael Hüther und seine Kollegen kritisieren den Verrat westlicher Unternehmen an demokratischen Werten.
  • Sie fordern eine wirtschaftliche Integration benachteiligter Volkswirtschaften.

"Wie kann etwas, von dem unsere Politiker und viele Ökonomen behaupten, es stelle alle besser, so verabscheut werden?" Diesen Satz des Ökonomen und Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz stellt Michael Hüther an den Beginn seines Buches über die "erschöpfte" Globalisierung. Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, stellt mit seiner Analyse - Mitautoren sind die IW-Forscher Matthias Diermeier und Henry Goecke - den gegenwärtigen Krisenzustand der Welt in einen großen historischen Zusammenhang. Das unterscheidet "Die erschöpfte Globalisierung" wohltuend von anderen vergleichbaren Büchern.

Hüther und seine IW-Kollegen versuchen, der Frage von Stiglitz auf den Grund zu gehen: Warum wird der Hass auf die Globalisierung immer stärker, wo doch die ökonomischen Vorteile der vertieften internationalen Arbeitsteilung außer Frage stehen. Die Antwort lautet: Die Globalisierung hat eine dunkle Seite, ein nicht eingehaltenes Versprechen, und das ist ihre mangelnde Inklusivität, die "Vernachlässigung oder gar Ignoranz gegenüber den Verlierern der Globalisierung". Vielleicht wichtiger noch ist die "westliche Inkonsistenz in der Würdigung der eigenen Wertebasis". Als Beispiel nennen die Autoren Unternehmer, die sich freuen, dass man in autoritären Regimen so schnell eine Genehmigung bekommt, dabei aber vergessen, dass Demokratie eben Zeit braucht. Und für den wirtschaftlichen Erfolg drückt man bei den Menschenrechten schon mal ein Auge zu.

Ehe die Globalisierung im Krieg unterging, verbreitete sich in Europa eine Fin-de-Siècle-Stimmung

Parallelen gibt es zur ersten großen Globalisierungswelle in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hüther und seine Kollegen lassen sie 1870 beginnen und am 7. Mai 1915 enden, als ein U-Boot der kaiserlichen Marine das britische Passagierschiff MS Lusitania torpedierte und damit den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg vorbereitete. Die Globalisierung brachte ungeheure Fortschritte für die meisten Menschen in Europa und Nordamerika, aber auch sie hatte Verlierer. Vor allem hatte sie eine dunkle Seite, und das war der europäische Kolonialismus. Wie sehr der in Konflikt mit den eigenen Werten stand, ist offenkundig.

Lange ehe die Globalisierung im Krieg unterging, verbreitete sich in Europa eine Fin-de-Siècle-Stimmung, als, wie es im Buch heißt, eine größere Anzahl von Gesellschaften "nachdenklich bis zur depressiven Selbstaufgabe" wurde. Bei den Eliten sei eine "zuvor nicht gekannte Erwartungsoffenheit" entstanden, die "zur Verunsicherung führte und die Gegenwart als Gang über dünnes Eis erscheinen ließ".

Überdruss, Weltschmerz und Endzeitstimmung, die "Bereitschaft zur depressiven Selbstaufgabe" diagnostizieren Hüther und seine Co-Autoren auch für die Gegenwart. Auslöser unserer Fin-de-Siècle-Stimmung war die Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009, die als "gesellschaftliche Katastrophe und Überdehnung der politischen Möglichkeiten" gedeutet wurde. Dazu kommt die ökonomische Seite: "Es scheint so, als sei das Potenzial der zweiten Globalisierung erschöpft", schreiben die Autoren. Sie begründen ihre These mit der Beobachtung, dass die Zahl der Länder mit einem Wirtschaftswachstum von mehr als vier Prozent sinkt. Und schließlich die Geopolitik, der Aufstieg der Volksrepublik China als Globalisierungsgewinner, der aber die Werte nicht teilt, die hinter der vom Westen dominierten "transatlantischen Globalisierung" stehen.

Als Quintessenz denken die Autoren darüber nach, wie eine "dritte Globalisierung" aussehen könnte, eine wirtschaftliche Integration, die nun wirklich inklusiv ist. Sie müsste unter anderem den Kapitalfluss in die Entwicklungsländer erleichtern, die Zivilgesellschaft miteinbeziehen und das Verhältnis von Nationalstaaten und multilateralen Regeln neu definieren. Entscheidend für den Erfolg dieser Globalisierung wäre zum Beispiel der Aufbau einer kapitalgedeckten Altersversorgung in den armen Ländern Afrikas, damit diese einen eigenen Kapitalmarkt aufbauen können.

Ein sehr lesenswertes, wenn auch nicht unbedingt leicht lesbares Buch zur richtigen Zeit.

Michael Hüther, Matthias Diermeier, Henry Goecke: Die erschöpfte Globalisierung. Zwischen transatlantischer Orientierung und chinesischem Weg. Springer, Berlin 2018. 421 Seiten, 19,99 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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