bedeckt München 26°

Wirkung von Hitlers "Mein Kampf":Privileg des Insiders

Die eigentliche Propaganda, daran lässt Hitler keinen Zweifel, findet nicht im Medium der Schrift statt, sondern in der agitatorischen Rede. Nur der Redner habe die Reaktionen seines Publikums unmittelbar vor Augen und könne seine Rhetorik entsprechend anpassen, "bis endlich selbst die letzte Gruppe einer Opposition schon durch ihre Haltung und ihr Mienenspiel ihn die Kapitulation vor seiner Beweisführung erkennen läßt"; nur durch Rede, nicht durch schriftliche Belehrung ließen sich "Widerstände des Gefühls" überwinden.

Mit seinen Bemerkungen über die ihrem kollektiven Charakter nach weibliche, durch geringe "Aufnahmefähigkeit" gekennzeichnete, notorisch vergessliche Masse zieht Hitler diejenigen "Mein Kampf"-Leser, die über die autobiografischen Anekdoten der Anfangskapitel hinaus weiterlesen, in ein exklusives Einverständnis unter Männern, die sich einer politischen Avantgarde zurechnen, hinein.

Sein Angebot besteht in dem Reiz, hinter die Kulissen des Herrschaftswissens zu treten und mit dem Privileg des Insiders den Prozess der schöpferischen Verfertigung einer Ideologie mitzuverfolgen.

Hitlers Text spielt diesen Reiz mit der finsteren Härte des Dezisionisten aus. Alles kommt auf die Entschiedenheit an, mit der man seinen Glauben verficht, und das macht diesen selbst zu einer Angelegenheit der Entscheidung.

Sich entschlossen und unbeirrbar zu zeigen hat zwei Seiten, eine abschreckende und eine einschwörende. Dass sein Radikalismus polarisierend wirkt, dass er - aus seiner Sicht - die Spreu vom Weizen trennt, war Hitler vollkommen bewusst und Teil seines Kalküls. Dies heißt jedoch nicht, dass der Kern der Anhängerschaft ihrem Führer rein aus Überzeugung treu wäre.

Für den internen Gebrauch

Überzeugungsgründe stellen eher die Modelliermasse dar, während die zugrunde liegende organisatorische Matrix sich am Grad des Willens zur Entschiedenheit ordnet. Es ist weniger ein blinder Fanatismus als die Lust am Machtwort, an der Hitler den inneren Kreis seiner Parteigänger teilhaben lässt: an einer Ermächtigung im rhetorischen wie im politischen Register, die sich zwar aller herkömmlichen Legitimationsmittel bedient, aber ihre heimlichste, tiefste Freude an ihrer puren sprachlichen Gewaltsamkeit hat.

Seinem Tenor nach scheint Hitlers Buch von seinen Münchner Saalreden kaum abzuweichen. Aber die Masse derjenigen, die in straff geführten Parteiversammlungen samt Schlägereien ein Gemeinschaftserlebnis und eine weltanschauliche Heimat suchen, spricht "Mein Kampf" gar nicht unmittelbar an; sie kommen nur als Objekt der Propaganda vor.

Stattdessen werden Strategien der Inszenierung verhandelt, kombiniert mit oft kleinteiligen organisatorischen Anweisungen, die erkennbar für den internen Gebrauch bestimmt sind. Der eigentliche Appeal dieser Passagen aber ergibt sich aus dem unverhohlenen Triumphgefühl darüber, wie sehr man andere - Rote, Bürgerliche - durch rücksichtslose Anwendung von Gewalt beeindrucken kann.

Lustvoll-sadistisches "Na warte"

Die Wir-Gruppe, die Hitlers Schilderungen erzeugen, schließt all jene ein, auf die es erhebend wirkt, durch die Verhöhnung blutig geschlagener Gegner Widerspruch gleich welcher Art ein für allemal zu unterbinden. Der Kitzel, den "Mein Kampf" den kühleren unter seinen Lesern darbietet, besteht nicht in der Sache einer bestimmten Überzeugung, sondern in der rabiaten Aufkündigung des Dialogs.

Es ist dann gleichgültig, ob man dem Inhalt von Hitlers Tiraden im Innersten zustimmt oder nicht. Man konnte sich sogar, wie manche intellektuellere Köpfe unter den Nazi-Eliten, über Hitlers primitiven Judenhass mokieren oder hinter vorgehaltener Hand seinen gepressten Redestil belächeln und doch den Reflex empfinden, jede respektlose Äußerung Dritter unnachsichtig zu verfolgen.

Von "Mein Kampf" geht eine Sogkraft der Drohung aus, auf Widerspruch mit einem lustvoll-sadistischen "Na warte" zu reagieren, dessen vergemeinschaftende Kraft auf einer anderen Ebene wirkt als ideologische Gefolgschaft im engeren Sinn.

Eindruck eines geschlossenen Gedankengebäudes

Damit soll nicht in Abrede gestellt sein, dass Hitlers "Mein Kampf" ein in extremer Weise ideologisches Pamphlet ist. Im Kapitel 'Volk und Rasse' ist nicht nur das ganze Arsenal der Hetze gegen die Juden enthalten, sondern das Programm ihrer Elimination schon angelegt.

Da Hitler seinen Judenhass eng mit der Frontstellung gegen den Marxismus verknüpft und diese beiden Kernbereiche seines Programms in ein Panorama mit welthistorischen Dimensionen einfügt, entsteht der Eindruck eines geschlossenen Gedankengebäudes, das im Brustton tiefster Überzeugung dargestellt wird.

Aber neben all den propagandistischen Behauptungen läuft ein zweites Signalement mit, das auch jene "innerste Schicht der totalitären Hierarchie" erreicht haben könnte, die nach den Worten von Hannah Arendt durch "Freiheit vom Inhalt der eigenen Ideologie" gekennzeichnet ist.

Versprechen wiedererrungener Ehre

Die jungen Juristen, Sozialingenieure und Großraumplaner, die im späteren NS-System an die Schalthebel der Macht gelangten, haben nicht zu den begeisterten Lesern von "Mein Kampf" gehört. Sie fanden aber im Rahmen des von Hitler entworfenen Programms großen Spielraum für ihre eigenen radikalen Visionen - mit der Konsequenz, dass ihnen das NS-System zu steilen Karrieren verhalf. Für diese Gruppe war der Nationalsozialismus ein Instrument, keine Religion.

"Mein Kampf" versorgt eine durch Krieg und Niederlage traumatisierte Nation mit dem Versprechen wiedererrungener Ehre und neuer Größe; es erlaubt, Ambivalenzen zu vereindeutigen und als ungehemmten Hass auszuagieren. Dies alles befriedigt den Wunsch nach "Stimmigkeit einer fiktiven Welt" (Hannah Arendt).

Aber in seinen mitklingenden Obertönen kommuniziert "Mein Kampf" noch eine andere Lust, die den leeren Aktionswert von Worten genießt: die Faszination einer Macht, die ihren einzigen Grund in ihrer Ermächtigung hat und sich aus dem Nichts selbst erschafft.

Man hat diese Nachbarschaft mit dem Nichts als Nihilismus gedeutet und aus philosophischen Einflüssen erklärt. Aber sie ist doch eher auf eine Art des Wortgebrauchs zurückzuführen als auf ein Ideensystem: eines Wortgebrauchs, der sich darin gefällt, kraft seines puren sprachlichen Vollzugs über Sein und Nichtsein, Leben und Tod zu entscheiden.

Albrecht Koschorke ist Literaturwissenschaftler an der Universität Konstanz. Eine längere Version dieses Textes wird demnächst als E-Book bei Matthes & Seitz erscheinen.

© SZ vom 13.12.2013/pak

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite