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Wirbel um Lesereise von Sarrazin:Zirkus Sarrazino

Nach einer Buchhandlung in Hildesheim zum Auftakt seiner Lesereise wolle nun auch das Literaturhaus in München Thilo Sarrazin wieder ausladen, hieß es. Stimmt nicht. Dort möchte man die Veranstaltung sogar erweitern.

Dass sich Thilo Sarrazin mit seinem neuesten Buch nicht nur Freunde machen würde, dürfte allen Beteiligten jederzeit klar gewesen sein - auch den Buchhändlern und Inistitutionen, die ihn bei seiner Lesereise beherbergen wollten. Dass die Aufregung aber so groß sein würde, hat offenbar alle überrascht.

Viel Aufregung um Sarrazin: Ein Mann demonstriert in Berlin gegen sein neues Buch "Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Auch die Kanzlerin distanzierte sich bereits von Sarrazins Thesen - und erwartet eine Reaktion der Bundesbank.

(Foto: AP)

Der Auftakt zu seiner Lesereise - für diesen Donnerstag geplant - musste abgesagt werden, weil die Buchhandlung Decius in Hildesheim um ihre Sicherheit fürchtete. Auch im Haus der Kulturen in Berlin hat man Sarrazin wieder ausgeladen, weil "die Sicherheit der Besucher und der Mitarbeiter während der Veranstaltung" nicht gewährleistet sei.

Stimmen die Begründungen - oder wird den Veranstaltern das Thema zu heiß? Nimmt man nun lieber Abstand von einem, der in Ungnade gefallen ist - auch, weil es in der Debatte längst um mehr geht als um ein Buch und die darin enthaltenen strittig-provokanten Thesen?

Auch das Münchner Literaturhaus, wo der Bundesbank-Vorstand und frühere Berliner Finanzsenator Sarrazin am 29. September aus seinem Buch lesen sollte, habe ihn wieder ausgeladen, hieß es nun.

Auf Anfrage von sueddeutsche.de erklärt Sprecherin Marion Bösker: "Das stimmt nicht." Es werde lediglich an diesem Mittwoch besprochen, wie man das Podium erweitern könne, aufgrund der aktuellen Diskussion, hieß es am Vormittag.

Mittlerweile ist klar: Die Veranstaltung am 29. September soll stattfinden - aber in größerem Rahmen als bisher geplant. "Wir mussten die neue Situation erst besprechen. Als wir diese Veranstaltung planten, haben wir das eher als ein Thema verstanden, das den Bereich Wirtschaft betrifft", so Bösker.

Da sich nun so viele neue Themen rund um die Rezeption darstellten und die Gemüter so erhitzt seien, wolle man das Podium nun erweitern. Man versuche, einen Spezialisten zum Thema Einwanderung und womöglich einen Hirnforscher mit ins Boot zu holen. Auch mit Gabor Steingart, dem Chefredakteur des Handelsblatts, der ursprünglich als einziger Gesprächsteilnehmer neben Sarrazin geplant war, müsse man nun sprechen. Zurzeit seien aber weder Steingart noch Sarrazin zu erreichen.

Es sei jedenfalls "vollkommener Quatsch", sich nun den Protesten zu beugen und die Veranstaltung abzusagen. Die Thesen, die zum Teil "wahnsinnig zweifelhaft" seien, stünden nun im Raum, und man müsse sie konstruktiv diskutieren. "Wir wollen ein gutes Streitgespräch", so Bösker, eventuell auch in einem größeren Veranstaltungsraum.

Dass man zu manchen Themen Personenschutz beantragen müsse, kennt man dort schon: "Frau Knobloch zum Beispiel hat immer Personenschutz." Dass kleinere Buchhandlungen hingegen absagen würde, kann man im Literaturhaus verstehen, weil die Debatte noch so frisch sei. "Halbherzigen Drohgebärden" hingegen wolle man sich in München nicht beugen. Proteste gegen die Veranstaltung angekündigt hatte zum Beispiel eine Antifa-Gruppierung.

Thilo Sarrazin hatte mit der Veröffentlichung seines Buches und weiteren Aussagen über die Integrationsfähigkeit von Muslimen und Gene von Juden starke Proteste auf sich gezogen. Der SPD-Vorstand beschloss am Montag, ein Parteiordnungsverfahren gegen Sarrazin einzuleiten. Auch die Bundesbank hat sich von seinen Aussagen distanziert.

Eine Sprecherin der Deutschen Verlags-Anstalt betonte, alle weiteren Stationen der Lesereise fänden wie geplant statt. Die erste Station sei nun Potsdam am 9. September.

Währenddessen erhält Sarrazin - erwartungsgemäß - viel Zuspruch von rechter Seite. So darf sich etwa ein bislang wenig in der Öffentlichkeit in Erscheinung getretener kleiner Buchverlag namens Antaios über erstaunlich viel Aufmerksamkeit freuen - er hatte gerade ein Buch über "Den Fall Sarrazin" veröffentlicht.