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Wir Kunst-Touristen:Ode aufs Anthropozän

May 18 2019 Venice Venice Italy The performance work Sun & Sea Marina by the Lithuanian art

Der goldene Löwe ging dieses Jahr an das Werk eines jungen litauischen Frauen-Trios: die Theater- und Filmregisseurin Rugilė Barzdžiukaitė, die Autorin Vaiva Grainytė und die Komponistin und Performancekünstlerin Lina Lapelytė.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Der preisgekrönte litauische Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig ist eine Opern-Performance am Strand.

Dass er so schwer zu finden ist, gehört irgendwie dazu, handelt es sich doch um einen Geheimtipp-Badestrand, noch dazu in einem Militärgebiet. Um auf der Kunstbiennale in Venedig zum gefeierten litauischen Pavillon zu gelangen, muss man sich von der Bootsanlegestelle Arsenale aus durch verwinkelte kleine Gassen Richtung Campo de la Celestia schlängeln. Man sollte dabei einige Irrwege einkalkulieren und im Auge behalten, dass der Pavillon um 18 Uhr schließt. Bespielt wird er nur mittwochs und samstags, auch das sollte man wissen, wenn man "Sun & Sea (Marina)" - so der Titel des litauischen Länderbeitrags, ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen der 58. Kunstbiennale Venedig - komplett erleben will.

"Sun & Sea (Marina)" ist, anders als die mit (Video-)Kunst belebten Länderpavillons in den Giardini, eine theatrale Installation auf einem künstlichen Sandstrand abseits vom Biennale-Trubel. Eine Opernperformance, dargeboten in einem alten Holzschuppen, der tatsächlich in der städtischen Militärzone liegt. Geschaffen hat sie ein litauisches Frauen-Trio: die Theater- und Filmregisseurin Rugilė Barzdžiukaitė, die Autorin Vaiva Grainytė und die Komponistin und Performancekünstlerin Lina Lapelytė, alle drei Mitte 30 und Ex-Stipendiatinnen der Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart, wo 2016 eine erste Version ihrer "Sun & Sea"-Oper entstand.

Das Stück ist das sarkastische Hohelied des Anthropozäns, kurz bevor die Erde kippt

Der zum Biennale-Pavillon umfunktionierte "Sun & Sea"-Stadel, kuratiert von Lucia Pietroiusti, liegt in einem verwachsenen Hinterhof neben einem Wasserbecken; gegenüber sind weitere Marinehallen zu sehen, und ein schwarzes U-Boot, das aussieht wie eine riesige Fliegerbombe. Ein bisschen mulmig kann es einem da schon werden. Die Besucher steigen auf den lichtdurchfluteten Dachboden des Gebäudes und blicken dort von einer begehbaren Galerie hinab auf eine bunte Strandszenerie. Die Anmutung ist lässig-fröhlich. Die eines strahlenden Urlaubstages. Ein Wimmelbild: spielende Kinder, dösende Menschen, sonnenhelles Licht. Die Handtücher im Sand bilden farbige Kleckse, Eimerchen liegen herum, Flossen, Badezeug. Nur das Wasser fehlt. Die Indoor-Sonnenanbeter sind Menschen aller Couleur, Männer und Frauen, junge und alte, schöne und weniger schöne. Sie faulenzen, lesen, cremen sich ein - und einige von ihnen singen. Mal vereinzelt, mal grüppchenweise. Singen und summen allerschönst im Chor.

Während die anderen Statisten sind (man kann sich auf eine Liste setzen lassen und selber als Beach-goer mitmachen), gehören die Sänger-Performer zum festen Cast der Strandoper. Ihre teils lustigen, teils wehmütigen, melozarten Lieder, Arien und Choräle handeln - auf Englisch - von Alltag, Stress und Urlaubswonnen, Sonnenbrand und Hundekot, von Plastikmüll und Klimawandel (Ausschnitte gibt es auf Youtube).

"Sun & Sea" ist so etwas wie der Sonnengesang der Freizeit- und Billigfliegergesellschaft, das sarkastische Hohelied des Anthropozäns, kurz bevor die Erde kippt. Das geht vom "Sunscreen Bossa Nova" für überempfindliche Haut über den mehrfach einsetzenden "Vacationers' Chorus" bis hin zum "Wealthy Mommy's Song", in dem eine reiche Mutter damit angibt, wo auf der Welt und den Weltmeeren sie mit ihren Söhnen samt Nanny schon überall war. Der Mensch als Tourist und Konsumist in einer verrücktspielenden, absterbenden Natur. Tauchen am Great Barrier Reef, die Piña Coladas im Preis inklusive. Verblichene Korallenriffe, Frost im Mai, die Badeanzüge made in China. "Dieses Jahr ist das Meer so grün wie der Wald", singen die Strandtouristen mehrstimmig und bleiben in der "Volcano Story" genervt in der Abflughalle am Airport hängen, weil völlig unvorhergesagt ein Vulkan ausbricht.

Das Strandbild passt auf eine Welt, die im Wohlstandsmodus ihrem Untergang entgegendämmert

Es ist eine Zivilisationskritik, die ohne Alarmsirene und mahnenden Öko-Zeigefinger daherkommt, eher wie nebenbei, summend und schläfrig, eingebettet in eine Atmosphäre des Nichtstuns, des Faulseins und der Langeweile. Was als theatrales Strand-Standbild perfide gut passt auf eine Welt, die im Wohlstands- und Wellnessmodus ihrem allmählichen Untergang entgegendämmert. Gerade die heitere Nonchalance der Strandsänger ist entlarvend, ihre genussvolle Passivität, ihr Nörglertum. Wir alle, die auf diese Nichtstuer hinabblicken, sind Touristen, in diesem Fall: Kunst-Touristen. Es wird sich der eine oder die andere ertappt fühlen (dürfen).

Aber auch wer den Pavillon an einem Tag ohne Live-Perfomance aufsucht, nimmt einen starken Eindruck mit. Einen in seiner Menetekelhaltigkeit sogar unheimlichen: Die Badetücher, die Spielsachen, die Sonnencremes und Bücher liegen da wie gottverlassen. Als seien sie gerade noch benutzt, gerade erst zurückgelassen worden. Das Fahrrad, hingeschmissen in den Sand. Der Strohhut, die Schwimmnudel, die Badmintonschläger - ohne ihre Besitzer liegen sie da wie Relikte der menschlichen Zivilisation. Man meint, noch die Stimmen der Kinder und das Treiben am Strand zu hören, das Glucksen und Juchzen, die Überhitztheit des Sommers. Aber es ist da nichts. Keine Musik, kein Geräusch. Alles wie ausgelöscht. Als sei etwas passiert. Die ökologische Katastrophe - sie scheint sich bereits ereignet zu haben. Nicht mit einem Bang, nicht mit chaotischer Verwüstung. Sondern wie eine laue Brise an einem Sommerbadetag.

Dass der Hauptpreis der Venedig-Biennale, die noch bis zum 24. November läuft, nicht an einen der großen, mit viel Geld finanzierten Pavillons ging, sondern an diese theatrale Inszenierung dreier junger litauischer Künstlerinnen, ist erfreulich. Es zeigt auch, wie die bildende Kunst sich vom Theater inspirieren lässt. Schon bei der letzten Biennale 2017 ging der Goldene Löwe an einen performativen Beitrag, Anne Imhofs "Faust" im deutschen Pavillon.

Die Litauerinnen Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė arbeiteten bereits 2014 bei "Have a Good Day!" zusammen, einer Minikonsumoper für zehn Kassiererinnen, Supermarktgeräusche und Klavier. 2015 erhielten sie dafür am Staatstheater Braunschweig den Jurypreis von "Fast Forward", dem europäischen Festival für junge Regie. Auch "Sun & Sea" ist eigentlich ein Theaterformat; die deutschsprachige Erstaufführung war im März 2018 am Staatsschauspiel Dresden. Nach Venedig gibt es hoffentlich weitere Bühnengastspiele.