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"Wir gehören dem Land":Schrecken des Eises und der Finsternis

Der "zeichnende Journalist" Joe Sacco erzählt von der Zerstörung der indigenen Nomaden-Kultur der Dene im Norden Kanadas.

Von Thomas von Steinaecker

Joe Sacco: Wir gehören dem Land. Aus dem Englischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, Zürich 2020. 256 Seiten, 25 Euro.

(Foto: Edition Moderne)

Ein kleines Wasserflugzeug fliegt über die dunklen Wälder einer endlosen Wildnis und landet auf einem See. Eltern mit ihren Kindern umringen die Maschine. Nur wenige haben bisher ein Flugzeug gesehen. Weinend werden die Kinder der Crew übergeben. Sie kommen an einen fernen Ort, in eine vermeintlich bessere Welt. In ein katholisches Internat. Der Alltag dort stellt sich aber schnell als Albtraum heraus. Jeder Verstoß gegen die Hausordnung wird drakonisch geahndet. Nachts vergewaltigen die älteren Schüler die jüngeren. Im Unterricht spricht man Englisch. Die eigene Sprache zu sprechen, ist verboten. Als das Flugzeug die Kinder im Sommer für ein paar wenige Monate wieder zurück zu ihren Familien bringt, können sie sich kaum noch mit ihren Eltern und Geschwistern verständigen.

Man könnte diese Episode für eine Science-Fiction-Geschichte halten. Doch sie hat sich wirklich zugetragen, in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg im Norden Kanadas, als die Regierung beschloss, den Indigenen die Vorzüge westlicher Bildung zukommen zu lassen. Die Folge ist eine innere Verheerung, die bis heute, lange nach Ende des Programms, andauert: Die Anzahl der Missbrauchsfälle innerhalb der Stammesfamilien ist hoch, häusliche Gewalt an der Tagesordnung.

Es ist eine Reise in die Schrecken des Eises und der Finsternis, die der Comic-Journalist Joe Sacco in seinem neuen Band unternommen hat. Die Nordwest-Territorien Kanadas sind eines der drei Territorien, die wegen ihrer geringen Bevölkerungsdichte nicht dieselben Befugnisse besitzen wie die zehn Provinzen des Landes. Hier, auf einem Gebiet, das bei insgesamt 45 000 Einwohnern so groß ist wie Frankreich und Spanien zusammen, wohnen die Dene, eine indigene Gruppe der First Nations - ein aus administrativen Gründen geschaffener Ausdruck, der allerdings darüber hinwegtäuscht, dass es nie so etwas wie eine einzige indigene Nation gab. Denn die Dene, was so viel wie "Volk" bedeutet, unterteilen sich wiederum in fünf Stammesgruppen, die im Alltag nichts miteinander zu tun haben, allein schon deshalb, weil sie unterschiedliche Dialekte sprechen. So kompliziert diese Systematisierung ist, so einfach ist doch die Lebensweise der Dene: Als Nomaden ziehen sie auf der Jagd nach Bibern und Elchen durch das Land, manchmal bei minus 40 Grad.

Doch als Sacco in die Siedlungen kommt, ist von den einstigen Traditionen nur mehr wenig übrig. Und je mehr Dene er befragt, desto deutlicher wird das Bild einer Lose-Lose-Situation: Um an die gewaltigen Erdölvorkommnisse zu kommen, wurde für lachhafte symbolische Beträge den indigenen Einwohnern das Land abgekauft, die keine Ahnung hatten, wovon die Weißen da eigentlich sprachen. Schließlich basierte die ganze Philosophie der Dene auf dem Grundsatz, dass nicht das Land ihnen, sondern sie dem Land gehörten. Bis einige wenige Dene das westliche System verstanden und sich in den Siebzigerjahren als Abgeordnete für die Interessen ihres Volkes einsetzten, war es zu spät. Immer mehr Stammesmitglieder ziehen heute Sesshaftigkeit und Lohnarbeit bei einer Fracking-Gesellschaft dem früheren harten Nomadenleben vor, ohne jedoch wirklich mit dem Geld etwas anfangen zu können. Die Folge: Bei über 90 Prozent der Todesfälle in der Region ist Alkohol im Spiel.

Portrait de l artiste Joe Sacco lors de l inauguration d une fresque a la station de metro Montparna

Joe Sacco, Jahrgang 1960, ist ein amerikanischer Comiczeichner. Er selbst nennt sich einen zeichnenden Journalisten. Zu seinen Arbeiten zählen „Palästina“ und „Bosnien“.

(Foto: imago/Leemage)

Fast ein Vierteljahrhundert schon veröffentlicht Joe Sacco Comic-Reportagen. Sein Ansatz ist zwar klar journalistisch: Er führt Interviews, sammelt Fakten und zeichnet so realistisch, dass man manchmal meint, ein Foto vor sich zu haben; aber bereits auf der ersten Seite gibt er stets zu verstehen, dass es sich hier um den eigenen subjektiven Blick handelt. Das beginnt schon bei der Themenwahl. Immer geht es Sacco um unterdrückte Minderheiten. Und auch, wenn die Motivation für seine Reisen und Bücher eine auffallende Leerstelle bildet, gelang ihm doch mit vielen seiner gezeichneten Reportagen eine Art Quadratur des Kreises: Komplexe politische Situationen wurden anschaulich gemacht, seine Bücher waren differenziert und zugleich emotional, noch dazu für eine moralisch gute Sache. Kein Wunder also, dass Sacco als einer der Großen der Neunten Kunst gilt.

Bislang widmete er sich allerdings Regionen, die so etwas wie Blockbuster des Krisengebietsjournalismus waren: Palästina zum Beispiel, Bosnien oder Tschetschenien. Mit "Wir gehören dem Land" hat Sacco zum ersten Mal eine hierzulande vollkommen unbekannte Bevölkerungsgruppe gewählt. Und eigentlich ist auf den ersten Blick alles vorhanden, was die Faszination seiner Bücher ausmacht. Ja, noch nie war seine Seitenarchitektur so virtuos, noch nie verschmolzen so mühelos die Talking-Heads der Interviewpartner mit der Bebilderung ihrer Erzählungen. Und egal ob Menschen oder die Weiten der kanadischen Wildnis: Die feinstrichigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen sind voller brillanter Details, ohne dass dadurch der Lesefluss eingeschränkt würde. Trotzdem macht sich nach einer Weile bei der Lektüre Ratlosigkeit breit. Saccos bisherige Bücher zeichneten einen historischen Ablauf nach. Vor dieser Linearität spielte sich die kleine Geschichte ab, individuelle Erzählungen, die Abstraktes versinnlichten. Hier aber zerfällt der Comic nicht nur in sehr kurze Episoden ohne Hauptfiguren, sodass man bei der ohnehin komplizierten Situation Mühe hat, den Überblick zu behalten; wieder und wieder wird das letztlich unlösbare Dilemma der Dene umkreist: Hier eine Zukunft, in der sie ihre Identität verlieren werden, dort eine Tradition, die nicht mit der Gegenwart vereinbar ist.

Keine der Geschichten erreicht jedoch die Intensität der eingangs zitierten Erzählung vom Kinderraub im Namen des Humanismus. Zudem läuft Sacco manchmal Gefahr, das einstige Leben der kanadischen Indigenen allzu sehr zu idealisieren, das er dann auch noch mittels einer typisch westlichen Ikonizität darstellt, ohne auf die eigene Bildsprache der Dene einzugehen. Man muss Joe Sacco dankbar dafür sein, dass er diesen Stoff in den Blick gerückt hat; eine überzeugende Form dafür hat er allerdings nicht gefunden.

Joe Sacco: Wir gehören dem Land. Aus dem Englischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, Zürich 2020. 256 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 29.07.2020

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