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Winter-Tollwood:Hochseilerotik

Tollwood RECIRQUEL Paris de Nuit

Als wäre es nicht schwierig genug, mit einem Bein auf dem Seil zu balancieren - diese Artistin trägt dabei auch noch Pumps. Trotzdem erweist sie sich als standfest bei "Paris de Nuit" im Spiegelzelt.

(Foto: Zoltan Babak)

Die Varieté-Show "Paris de Nuit" entführt hinreißend in das Nachtleben der Dreißigerjahre

Von Barbara Hordych

Der Trapezkünstler steckt in knappen Shorts, über die definierten Muskeln seines nackten Oberkörpers spannen sich schwarze Lederriemen. Der Blick auf seine Füße, mit denen er jetzt auf die nackten Fußsohlen seines Partners steigt, der kopfüber von der Trapezstange nach unten hängt, lässt die Zuschauer unwillkürlich die Luft einziehen: denn die stecken in hohen schwarzen Lacklederpumps.

Die umgekehrte Fakir-Übung mit Stilettos statt mit Nägeln ist sicher einer der Höhepunkte der Varieté-Show "Paris de Nuit", die vergangenen Dienstag im Spiegelzelt auf Tollwood Premiere hatte. Der zärtliche Kuss, den die Akrobaten sich auf die geschminkten Lippen hauchen, ist dann nur noch das i-Tüpfelchen einer Darbietung, die wie die ganze Show auf artistisch und stilistisch hohem Niveau mit Rollenbildern und Geschlechterzuweisungen jongliert. Dazu passt der von einer Sängerin vorgetragene Chanson von Charles Aznavour, "What Makes a Man a Man" selbstverständlich hervorragend.

Bence Vági, Gründer und Leiter der Company "Recirquel" aus Ungarn, hat die an erotischen Glanzpunkten reiche Show inszeniert. Der Regisseur und Choreograf ist sicherlich einer der ungewöhnlichsten Schöpfer von zeitgenössischer Zirkus-Kunst, in der er Artistik, Tanz, Musik und Theater verbindet. Die Münchner Krone-Familie holte ihn und sein Kreativ-Team für ihre Jubiläumsshow "Mandana", mit der sie in diesem Frühjahr erst auf der Theresienwiese gastierte und dann durch Deutschland tourte. Nun ist auf Münchens Winter-Wiesn erneut eine von ihm kreierte Produktion als Deutschlandpremiere zu sehen. So wie er sich seinerzeit mehrere Monate mit der Geschichte und Arbeitsweise des neuen Direktorenpaars Lacey-Krone beschäftigte, hat er sich auch für "Paris de Nuit" über Monate hinweg mit dem Sujet, dem Pariser Nachtleben der Dreißigerjahre vertraut gemacht.

Als Inspiration dienten ihm die Fotos, die Brassaï, der berühmte französische Fotograf ungarischer Herkunft, auf seinen nächtlichen Streifzügen in den Straßen, in Varietés, Bordellen und Bars der französischen Hauptstadt machte. Anfang der Dreißigerjahre erschienen sie in dem Fotobuch "Paris de Nuit", brachten ihm von seinem Freund Henry Miller den Spitznamen "das Auge von Paris" ein. "Toll an dem Buch ist, dass er zu seinen Bildern auch die Geschichten festhielt", sagte Bence Vági vor Showbeginn.

Geschichten von schillernden Figuren und ihren erotischen Verstrickungen, begleitet von Gesang und einem Orchester, hat denn auch Vagi in Szene gesetzt. Der Akrobat in High Heels sieht kurze Zeit später mit an, wie sein Trapez-Partner den Reizen der Seiltänzerin erliegt, die in Mieder und Strapsen über das Seil stolziert, dort elegante Spagatsprünge zeigt und Salti schlägt. Da hilft es wenig, dass er sein Hinterteil ähnlich aufreizend kokett wie seine leichtfüßige Konkurrentin in Pose setzt. Die Seiltänzerin indes wird später ostentativ eng umschlungen mit einer Handstandakrobatin auf der runden Bühne agieren. Blitzlicht friert zwischendurch für Sekundenbruchteile die Akteure in Tableaus ein, hält Brassaïs historische Aufnahmen (die man als Zuschauer gar zu gerne zum Vergleich heranziehen würde), präsent. Eingestreut in das so faszinierende wie kurzweilige Programm sind Interaktionen mit dem Publikum. Mal dürfen Zuschauer Pralinés von den netzbestrumpften Beinen einer Tänzerin erhaschen, mal wird ein junger Mann von einem täppisch herumtollenden Schimpansenmädchen im weißen Tutu zum gemeinsamen Ritt auf die Schaukel gebeten. Im Affenkostüm steckt, wie sollte es bei diesem ständigen Wechselspiel der Rollen und Begierden auch anders sein, am Ende ein junger Akrobat.

Die Show im Look der Pariser Momentaufnahmen aus der Zwischenkriegszeit erweist sich seit 2014 als äußerst erfolgreich, tourte von Europa bis nach Chile. Die größte Herausforderung war freilich der Auftritt in der französischen Hauptstadt selbst. "Den Parisern das Pariser Nachtleben zu zeigen, war schon ein Wagnis", erinnert sich Vági . Unter den Premierengästen war seinerzeit auch der Modedesigner Jean Paul Gaultier. Der war dann so begeistert, dass er danach noch drei Mal die Show besuchte. Die Münchner haben dafür noch bis 31. Dezember Zeit.

Company Recirquel: Paris de Nuit, bis zum 31. Dezember, Tollwood, Theresienwiese

© SZ vom 28.11.2019

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