Wim Wenders im Interview "Wer hätte gedacht, dass sich das Kino selbst verabschiedet"

Wenders: Alle meine Filme werden als DVDs durch die Kinowelt vertrieben. Natürlich bin ich über die gemeinsame Geschichte ideell mit dem Filmverlag verbunden. Dass Kinowelt jetzt diese Reihe anbietet, finde ich deswegen so gut, weil es lange Zeit praktisch nicht mehr möglich war, Retrospektiven im Kino zu zeigen. Erst jetzt entsteht das wieder mit der Neuen Vision als Verleih.

SZ: Das deutsche Kino scheint sich neu zu definieren. Das Leben der Anderen, Erstling des 32-jährigen Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck, gewann beim Deutschen Filmpreis nahezu alles. Man spricht von einer neuen Generation, die in internationaler Regiesprache deutsche Themen aufgreife.

Wenders: Interessant daran ist, dass in dem Augenblick, in dem die Deutsche Filmakademie als eigenständige Organisation gegründet wurde und keine Jury, sondern die Mitglieder selber - die Filmschaffenden- abgestimmt haben, sofort das Phänomen der amerikanischen Academy zum Zuge kam, dass nämlich en bloc abgestimmt wird.

SZ: Dass also ein Film, der herausragt, auch der große Sieger des Jahres wird?

Wenders: Genau. Ich bedauere es ein bisschen, dass dabei die Differenzierung verloren geht, die vorher eher da war. Schon im Jahr voher war Der Untergang komplett leer ausgegangen! Da sind alle Preise an einen kleinen, sehr guten Fernsehfilm gegangen: Alles auf Zucker von Dani Levy. Der war zunächst als Fernsehproduktion geplant, bis man merkte, das ist was fürs Kino.

SZ: Früher wurden Jury-Preise, die nach dem Gießkannenprinzip vergeben werden, stark kritisiert.

Wenders: Die Akademie ist wirklich unabhängig, da stimmen Menschen ab. Man kann denen nicht sagen, was sie wählen sollen. Doch die paar anderen Filme, die in Einzelkategorien Aufmerksamkeit verdient hätten, gehen leider unter. Dazu zähle ich zum Beispiel meinen Film Don't Come Knocking. Ich finde nicht, dass irgendein anderer Film den Preis für die Beste Kamera verdient hätte, weil niemand im vorigen Jahr so eine Arbeit vorgelegt hat wie der Franz Lustig eben mit Don't Come Knocking. Er hat ja auch den Europäischen Filmpreis dafür gewonnen. Die Akademie muss noch lernen, differenzierter draufzugucken.

SZ: Dem Untergang wurde möglicherweise die enorme Marketingkraft von Bernd Eichingers Constantin Film sowie der kommerzielle Erfolg zum Verhängnis. Preisverleihungen wollen gerne die deutschen Arthouse-Produktionen als künstlerisch wertvoll belohnen.

Wenders: Genau, und das ist ein bisschen paradox. Denn auf der anderen Seite wollen sie auch, dass die Filme erfolgreich sind und was gelten in der Welt. Eines muss man allerdings sehen: Die Akademie ist fernsehlastig - ästhetisch, dramaturgisch, in der Bildsprache, bei der Schauspielerei. Das Kino ist das Stiefkind des Fernsehens in Deutschland.

SZ: Die Sender, vor allem die öffentlich-rechtlichen, fühlen sich als der wichtigste Koproduzent des Kinofilms.

Wenders: Deswegen mochte ich zum Beispiel Requiem, den Film von Hans Christian Schmid, so gerne. Der hat sich nicht an die Fernsehästhetik gehalten, sondern ans Kino gedacht, zumindest von seiner Bildsprache her.

SZ: Hat Sie Das Leben der Anderen, die präzise, beklemmende Geschichte eines Stasioffiziers und eines Schriftstellers, den er überwacht, nicht überzeugt?

Wenders: Ich finde den Film sympathisch und war froh, dass es den gab. Ich war aber auch ein bisschen überrascht, wie der abgeräumt hat. Ich fand, dass er das im Nachhinein nicht ganz halten konnte. Er hat einen unglaublichen Bonus durch die Berlinale bekommen, dadurch, dass er dort nicht lief. Das hat ihn in den Augen vieler Leute zum Underdog gemacht, und das ist immer gut.

SZ: Wurde das Thema Stasi nicht sehr gut umgesetzt?

Wenders: Wenn man so will, klar. Aber keineswegs erschöpfend. Traurig bin ich ein bisschen darüber, dass das nun als der ultimative Film zu diesem Thema behandelt wird. Als ob es jetzt nichts mehr zu erzählen gäbe über die DDR. Das gleiche Gefühl hatte man nach dem Untergang: Damit war das Dritte Reich für lange Zeit abgegessen. Volker Schlöndorff hat das schmerzlich erfahren, seinen guten und wichtigen Neunten Tag wollte keiner mehr sehen. Das Leben der Anderen hätte ein Jahr früher, ein Jahr später herauskommen können, und keiner hätte ihn bemerkt. Er hat gerade einen Nerv getroffen.

SZ: Würde es Sie nicht reizen, mit den Möglichkeiten, die das Fernsehen zu bieten hat - solide Finanzierung, guter Sendeplatz, Millionenpublikum - einen Film fürs Fernsehen zu drehen?

Wenders: Ich habe oft darüber nachgedacht, in den Achtzigern oder Neunzigern. Aber letztlich ist das nicht mein Beruf. Solange ich etwas machen kann, das zuerst im Kino läuft, bleibe ich dabei.

SZ: Sie sind seit eineinhalb Jahren wieder in Deutschland, in Berlin: Wird Ihr nächstes Projekt ein deutscher Film?

Wenders: Ja, und weil ich seit zehn Jahren in Amerika lebe und Deutschland weniger kenne als Montana oder Nevada, reise ich im Moment viel rum. Da gibt es noch einige weiße Landstriche auf meiner eigenen Deutschlandkarte.

SZ: Welchen Stoff bereiten Sie vor?

Wenders: Bei mir ist es so, dass sich erst etwas kreuzen muss zwischen einem Ort oder einer Landschaft und einer Idee. Seit einiger Zeit schreibt der Peter Handke eine Geschichte für mich, oder mit mir. Wir haben über die Jahre ja ein paar mal gut miteinander gearbeitet, und an dieser Kontinuität und an unserer Freundschaft liegt mir sehr, sehr viel.

SZ: Wird das Ihr nächster Film?

Wenders: Vielleicht. Aber wer weiß, manchmal kommt auch ein Dokumentarfilm schneller, als man denkt. Buena Vista Social Club ist von einer Woche auf die andere entstanden. Aber auf jeden Fall möchte ich in Deutschland drehen! Und dann habe ich mit dem Peter Schwartzkopff (Wenders' Partner in der Produktionsfirma Reverse Angle; die Red.) ein Faust-Projekt - aber das wird sicher seine Zeit brauchen.