Wim Wenders "Man kann mit 3D Menschen viel genauer sehen"

Ihr Film wurde in der deutschen Presse überwiegend positiv besprochen, während die Kritiken in der englischsprachigen Presse eher schlecht waren.

Man könnte es auch deutlicher sagen: verheerend. Aber Rezensionen gab es nur in den Trade Papers (Fachzeitschriften wie Variety, Hollywood Reporter und ScreenDaily, SZ.de). Und die haben sich als das erwiesen, was sie de facto sind: Vertreter ihrer Industrie. Die haben gnadenlos gesagt: Unsere Branche braucht diese Form von 3D gar nicht und schon gar nicht in solchen Geschichten. Da ging es gar nicht um Filmkritik, sondern um das Vertreten von industriellen Interessen.

Europäisches Autorenkino ist den Amerikanern ja oft zu bedächtig. War Ihr Film für deren Geschmack zu langsam?

"Eine andere Art von Ding, als es im Kino bislang bekannt ist." Wim Wenders bei der Weltpremiere von "Every thing will be fine" auf der Berlinale 2015.

(Foto: Paul Katzenberger)

Ich glaube, es war für die noch schlimmer. Die sind völlig unvorbereitet reingegangen und haben vorher nicht mal in die Pressehefte reingeschaut. Dass die sich 3D-Brillen aufsetzen sollten, für ein intimes Familiendrama? Die haben die Welt nicht mehr verstanden. 'Was erzählt der eigentlich, und warum macht er das in 3D?'

Die Frage nach 3D ist Ihnen aber auch von der europäischen Presse gestellt worden. Der Film ist ja in weiten Teilen ein Kammerspiel und da halten viele 3D für unnötig. Normalerweise kommt das Format bei Phantasy- oder Actionfilmen zur Anwendung, warum bei Ihnen nun in diesem Film?

Dass das unnötig sei, hat in Deutschland keine Kritik behauptet. Wird auch niemand tun, der sich auf den Film einlässt. Soll ich das auf der erzählerischen Ebene erklären oder auf einer ontologischen oder philosophischen Ebene? Ich habe das in 3D gemacht, weil ich sicher bin, dass man einem Menschen, der vor der Kamera steht und der so auf der Leinwand erscheint, viel näher kommt. Das war meine Grunderfahrung aus "Pina": eine enorm gesteigerte Präsenz der Darsteller.

Ihr Dokumentarfilm "Pina" handelt allerdings vom Tanztheater, bei dem es um den Raum, also per se um die dritte Dimension geht.

Klar, das war auch erst mal der Ansatz. Aber dann hab ich gemerkt: Diese 3D-Kameras konnten noch viel mehr, die sehen so viel genauer! Und das muss man auch fürs Geschichtenerzählen benutzen! Ich hatte das Gefühl, die haben einen Röntgenblick und sehen richtiggehend in die Menschen hinein, auf ihren Grund. Oder wirken wie eine Lupe: Alles ist vergrößert. Das ist natürlich die gegenteilige Anwendung von dem, wie 3D in Actionfilmen gezeigt wird, wo man nämlich überhaupt keine Menschen sieht - selbst ein Johnny Depp in den Piratenfilmen in der Karibik ist ja eine reine Comicfigur. Dabei kann man mit 3D Menschen so viel genauer sehen...

Warum?

Man kann die Aura um einen Menschen herum erfassen, sein Geheimnis mitschauen. Und ich denke, das leistet "Every Thing Will Be Fine" auch, aber es ist eine Erfahrung, auf die man sich einlassen muss, und die im Kino ziemlich neu ist. Die Wahrnehmung, dass da jemand präsenter ist als Schauspieler vorher auf der flachen Leinwand, die muss man ins Bewusstsein eindringen lassen.

Ihr verstorbener Kollege Michael Glawogger, mit dem Sie neben anderen im vergangenen Jahr den Dokumentarfilm "Kathedralen der Kultur" realisiert haben, hat bei dieser Doku ebenfalls 3D für sich entdeckt. Sein Argument dafür klang recht ähnlich wie Ihres, aber mit dem Blick auf Gegenstände. Er bezog sich dabei insbesondere auf historische Folianten aus der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg, deren Innenleben er meinte, in 3D viel genauer zeigen zu können.

In seinem Fall waren es eben die Bücher. Ich glaube, Glawogger hätte das mit unterschrieben, dass alle Dinge in 3D anders erscheinen, eben präsenter sind, mehr "da"! Das ist auch ein Grund für den Titel meines Films, dass jedes einzelne Ding gut wird - wenn man die Dinge anders sieht, mit einer anderen Einstellung. 3D kann da richtig hilfreich sein, so eine Seh-Haltung zu ändern.