Amerikanische Literatur Schafe und Boxer

Der Held hat es in diesem Roman voller Country-Blues schwer, aber der Autor Willy Vlautin ist in "Ein feiner Typ" in Bestform.

Von Andrian Kreye

Weil die Kritiker in Amerika gerade mal wieder darüber streiten, ob das neue Springsteen-Album eine "working class hero"-Travestie, ein Spiegel der amerikanischen Seele oder doch nur ein Kommentar auf die Ära Trump geworden ist, passt das neue Buch von Willy Vlautin gut in diese Tage. "Ein feiner Typ" ist sein fünfter und bisher bester Roman. Wobei die ersten vier schon sehr gut waren. Zwei wurden verfilmt ("Motel Life" und "Lean On Pete"). Von respektablen Regisseuren (den Polsky-Brüdern beziehungsweise von Andrew Haigh) mit respektablen Stars (Stephen Dorff, Dakota Fanning, Steve Buscemi). Auch wenn die Filme so melancholisch waren wie die Vorlagen, weswegen ihnen nur ein kurzes Filmkunstkinoleben und ein langes Streamingdienstlimbo beschert war.

Vlautins Bücher jedenfalls handeln von genau solchen verlorenen Seelen im Südwesten der USA, wie sie Bruce Springsteens diesmal kalifornisch geprägtes Album "Western Stars" bevölkern. Interessiert man sich für amerikanische Kulturkritik, landet man da in einer ganz interessanten Feedback-Schleife. Denn Willy Vlautin hat das Leben ja gelebt, über das er schreibt und als Songwriter auch singt. Er wuchs als Sohn einer alleinerziehenden Sekretärin in Reno auf, der schäbigen Kasinostadt im Norden Nevadas. Er arbeitete als Lastwagenfahrer und Anstreicher, bevor er von seinen Gagen und Tantiemen als Countryrockmusiker mit seiner Band Richmond Fontaine leben und auf eine Pferdefarm in der Nähe von Portland ziehen konnte. Zuvor finanzierte er seine finanziell mäßig erfolgreiche Karriere als Indie-Rockstar mit seinen Büchern.

Mit großem großem Gespür beschreibt Willy Vautrin die Tristesse der amerikanischen Provinz, die in Filmen oft so romantisch wirkt.

(Foto: Unsplash)

Springsteen, so viel ist bekannt, hat noch nie richtig gearbeitet und war den größten Teil seines Lebens Multimillionär. Was seine Texte nicht weniger authentisch macht, weil er als begnadeter Beobachter sehr wohl einen Sinn für die Nöte der sogenannten "regular folks" und "real Americans" hat. Es sei denn, man lässt sich auf die sehr amerikanische Debatte um die kulturelle Aneignung ein, die oft darauf hinausläuft, dass man nur beschreiben darf, was man selbst erlitten und erlebt hat. Diese Gleichmacherformel von Kunst und Leben geht hier nicht auf. Vlautins Bücher und Songtexte sind, wie er sagt, ebenso wie von Springsteen von seinen literarischen Vorbildern John Steinbeck und Raymond Carver beeinflusst, die auch keine "working class heroes" waren, sondern begnadete Absolventen der Creative-Writing-Studiengänge amerikanischer Universitäten und Colleges.

Das zutiefst amerikanische Verlorenheitsgefühl zieht sich durch alle Romane Vlautins

Auch wer sich nicht so sehr für amerikanische Kulturkritik interessiert, wird zu schätzen wissen, dass Willy Vlautin als Songschreiber von Vorbildern wie Springsteen gelernt hat, Geschichten mit sehr wenigen Worten und in einem mitreißenden Sprachrhythmus zu erzählen, den Nikolaus Hansen erstaunlich kongenial ins Deutsche übertragen hat. In wenigen Sätzen bringt Vlautin in "Ein feiner Typ" die Tragik gleich dreier Generationen auf den Punkt, wenn er den Wendepunkt in der Kindheit seiner Hauptfigur Horace Hopper beschreibt, den seine Mutter in der Tiefe der Provinz im Norden von Nevada im Stich lässt. Das liest sich dann ein wenig wie die Strophe eines Countrysongs: "Er erinnerte bloß noch, dass er, als sie schließlich in Tonopah ankamen, im Stage Stop Café bestellen durfte, was er wollte. Milchshakes waren sonst tabu, aber diesmal bestellte sie ihm einen und er bekam French Toast und Speck zu Mittag. Tränen über Tränen, während sie seine Sachen ausluden und in ein kleines Zimmer hinter der Küche in Großmutters Haus brachten, Tränen, als sie im Senior Thrift Shop eine Matratze und ein Boxspringbett kauften, und noch mehr Tränen, als sie ihn in den Arm nahm und küsste und bei einer Großmutter ließ, die ab elf Uhr morgens ununterbrochen Coors Light mit Eis trank, bis sie abends um neun auf dem Sofa einschlief, die Kette rauchte, die nur Tiefkühlgerichte aß und die Angst vor Indianern, Schwarzen und Mexikanern hatte."

Dieses zutiefst amerikanische Verlorenheitsgefühl, das kein Urvertrauen kennt, zieht sich wie ein roter Faden durch Vlautins Romane und Songs und macht seine Figuren zu Archetypen weit jenseits der Tagespolitik . Wie Horace Hopper. Seine Mutter ist eine verarmte Weiße, sein Vater ein Paiute, Angehöriger eines Ureinwohnerstammes aus Arizona, den die Nachbarstämme abfällig "Schlangenvolk" oder "Fliegenlarven-Fresser" nannten.

Die Siege fordern Tribut: Gebrochene Rippen und Nasen, Tränen unter der Dusche

"Ein feiner Typ" spielt in Horaces 21. Lebensjahr. Zu Beginn des Romans arbeitet er noch in Nevada auf der Ranch von Eldon Reese und seiner Frau, die ihn als Pflegeeltern zu sich holten und ihm eigentlich ihr karges Anwesen vermachen wollen. Horace hat andere Pläne. Preisboxer will er werden, Weltmeister. Und weil es in diesem Sport keine Indianer gibt, denen er nacheifern könnte, er aber mit seinen pechschwarzen Haaren und der bronzefarbenen Haut auch als Mexikaner durchgehen könnte, zieht er als "Hector Hidalgo" nach Tucson, Arizona. Dort kommt er bei einer Tante unter, zieht sich wie eine Mexikaner an, zwingt sich, scharfes mexikanisches Essen zu essen, das ihm nicht schmeckt, und nimmt sich einen mexikanischen Trainer, den er von seinem Lohn für einen Job in einer Reifenwerkstatt bezahlt.

Es läuft dann gar nicht so schlecht (man kann nicht alles von diesem Buch verraten, aber einiges, weil die Stimmungen und Begegnungen seine Stärke sind, nicht unbedingt der Plot). Horace gewinnt einige jener berüchtigten Vorkämpfe, in denen die zweite und dritte Riege des Boxgeschäfts verheizt wird. Es sind trostlose Kämpfe, die zu einer Tageszeit beginnen, zu der ein Großteil des Publikums gerade erst ankommt oder draußen noch Bier trinkt. Mit großem Gespür für die Tristesse der amerikanische Provinz, die in Filmen oft so romantisch wirkt, beschreibt Vlautin die Mehrzweckhallen in Arizona, in denen es nach Reinigungsmittel und Fast Food riecht, ebenso präzise wie zu Beginn des Romans die Schafweiden im Gebirge Nevadas.

Horace gewinnt sogar eine regionale Meisterschaft. Sein Kampfstil allerdings ist Tragik und Metapher zugleich. Er kann nämlich einstecken wie nur wenige. Das muss er auch, um seine Gegner so zu ermüden, bis er die Lücken findet, durch die er mit seinen harten, zerstörerischen Schlägen den K. o. erzwingen kann, weil er als Außenseiter bei den Ringrichtern nach Punkten keine Chance hätte. Ein paar Hundert Dollar bekommt er dann, oder auch mal ein paar Tausend. Hungerpreisgelder. Und die Siege fordern Tribut. Gebrochene Rippen und Nasen, Leib- und Kopfschmerzen, Tränen unter der Dusche nach dem Kampf. Da will keine Siegerstimmung aufkommen, aber so eindrücklich hat selten einer vom Leben als Preisboxer erzählt.

Auch die Randfiguren, denen Horace begegnet, sind solche Geschlagenen. Die junge Mutter, die auf der Busfahrt nach Tucson an einem Truck Stop strandet, der obdachlose Paiute, der von seinem bürgerlichen Vorleben mit Familie und Dienstwagen erzählt, die Gegner, die so siegesgewiss in den Ring steigen wie er selbst, weil man sonst kein Boxer sein kann. Es sind flüchtige Bekanntschaften, und doch Mitbewohner eines Südwestens, in dem der majestätische Himmel und das goldene Licht nicht über die Verzweiflung in den kargen Landschaften und vermeintlichen Traumstädten hinwegtäuschen können. Ähnlich wie die Songs von Bruce Springsteen ist "Ein feiner Typ" viel zu zeitlos, um sich als Kommentar auf irgendeine politische Gegenwart lesen zu lassen. Mal davon abgesehen, dass Vlautins Figuren Welten entfernt von politischen Realitäten existieren. Sie haben selten richtige Wohnsitze, keine Existenzen, die sie verteidigen könnten. Sie leben in größtmöglichen Entfernungen zu Washington oder New York, selbst Los Angeles und Las Vegas sind allenfalls Durchreisestationen. Doch genau das macht Willy Vlautins Romane zur großen Gegenwartsliteratur aus einem Amerika, das exotisch und fremd wirkt und doch eine Wirklichkeit beschreibt, die sehr viel mehr Menschen dort leben, als es Filme, Romane und politische Debatten oft zu erkennen geben. Man muss diese Wirklichkeit nicht mit der vollen Wucht erlitten und erlebt haben, um sie mit solcher Kraft zu beschreiben.