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William Gibson: "Agency":Spiel mit Zeitstummeln

In William Gibsons dystopischem Science-Fiction-Roman übernehmen die künstlichen Intelligenzen. Er erfindet nicht Zukunft, sondern schreibt Gegenwart weiter.

Von Andrian Kreye

Cover für das Literatur Spezial

William Gibson: Agency. Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Holfelder-von der Tann und Benjamin Mildner. Tropen Verlag, Stuttgart, 2020. 498 Seiten, 25 Euro.

Ursprünglich sollte William Gibsons dystopischer Science-Fiction-Roman "Agency" schon vor zwei Jahren erscheinen. Aber dann überholte ihn die Wirklichkeit. Im Dezember 2017 beantwortete er eine Interview-Anfrage der Zeitschrift New Yorker: "Trump fing an, sich mit Nordkorea anzulegen. Wie beängstigend kann mein Szenario da noch sein? Er übertrifft mich immer wieder, aber ich glaube, dass ich das beim Umschreiben in den Griff kriege. Und wenn es einen Atomkrieg gibt, muss ich wenigstens kein Manuskript abgeben."

Auf die nächste Anfrage im Sommer 2018 mailte er: "Cambridge Analytica erfordert ein gewaltiges Umdenken und weitreichende Überarbeitungen. Das ist irgendwie komisch. Aber auch ein gewaltiges Problem." Vor allem für den Rest der Welt, denn William Gibson gehört zu den Autoren, die die Sorte Denken beherrschen, die sie im Silicon Valley, wo die Wissenschaftszukunft schon lange angefangen hat, "next level thinking" nennen.

Gibson erfindet keine Zukunft, sondern denkt die Gegenwart weiter. Er beschrieb diesen Prozess mal mit den Worten "deep reading of the fuckedness quotient of the day" was man etwas ungelenk mit einer Tiefenstudie des Gefickt-sein-Quotienten des Tages beschreiben könnte. Das zwang ihn immer mal wieder zum Überarbeiten.

Gleich zu Anfang passierte ihm das sogar. Als er 1982 mitten in der Arbeit an seinem Debütroman "Neuromancer" steckte zum Beispiel. Das hatte zwar nicht mit dem "fuckedness quotient" zu tun, aber damals sah er die ersten zwanzig Minuten von Ridley Scotts "Blade Runner". Weil er befürchtete, man könne ihm vorwerfen, Scotts Cyberpunk-Ästhetik zu kopieren, machte er sich ans Umschreiben. Zwölf Neufassungen soll er verfasst haben. Dafür war das Buch 1984 sein Durchbruch, verankerte seine Wortschöpfungen "Cyberspace", "Matrix" und "Cyberpunk" im Vokabular der Welt, und etablierte ihn als den prophetischen Science-Fiction-Autor der Gegenwart. Es war für ihn also schon ein literarischer Reflex, angesichts der Zustände nach einem knappen Jahr Trump seine laufende Arbeit zu verwerfen.

Im Januar dieses Jahres erschien "Agency" dann kurz vor dem Ausbruch der Pandemie im englischen Original. Und weil William Gibson gerne Trilogien schreibt, ist dies der zweite Band seines vierten Dreiteilers, den er "Jackpot Trilogy" genannt hatte und 2014 mit dem Roman "Peripherie" begann. Der Streamingdienst von Amazon verfilmt den schon als Serie. Der titelgebende "Jackpot" (Hauptgewinn) ist dabei eine schleichende Apokalypse, die Mitte des 21. Jahrhunderts beginnt und bis zum Beginn des nächsten Jahrhunderts rund achtzig Prozent der Menschheit ausgelöscht hat. Das ist die Zeit in der ein Erzählstrang spielt, der sich durch beide Bücher zieht.

Auch unter einer Präsidentin Hillary Clinton kommt die Katastrophe immer näher

Seine Hauptfigur der Zukunft heißt Wilf Netherton, der in einem London lebt, in dem sich eine Oberschicht der Überlebenden in einer Cyberpunk-Idylle aus Nano-Design, High Tech und neo-viktorianischer Plüschigkeit eingerichtet hat. Einige vergnügen sich auf Zeitreisen, auf denen sie dem Lauf der Dinge aus Spaß neue Richtungen geben. "Stubs" nennen sie die (auch in der deutschen Übersetzung). Gemeinsam mit der Zeitreisenpolizeibeamtin Ainsley Lowbeer versucht Netherton, allzu groben weltgeschichtlichen Schindluder zu verhindern. So haben sie beispielsweise einen "Höllenwelt-Bastler" namens Vespasian töten lassen, der sich einen Spaß daraus gemacht hatte, in der Vergangenheit immer neue Kriege anzuzetteln.

In "Agency" versuchen Netherton und Lowbeer, einen Atomkrieg im beginnenden 21. Jahrhundert zu verhindern. Dort spielt der zweite Erzählstrang im Jahr 2017. Präsidentin der USA ist Hillary Clinton. Das hindert die Zeitläufte aber nicht daran, geradewegs in Weltkatastrophen zu steuern. Hauptfigur dieses Strangs ist Verity Jane, Computerspezialistin und "App-Flüsterin" in San Francisco, die bei einem Start-up-Unternehmen anheuert, für das sie eine künstliche Intelligenz testen soll. Diese KI mit dem Namen Eunice entwickelt schon bald einen eigenen Willen und findet vor allem Wege, zu handeln.

Das Motiv der autarken künstlichen Intelligenz ist schon seit "Neuromancer" eines der Leitmotive Gibsons. Es ist auch dieses Mal ein großer Spaß, zu verfolgen, wie sich die KI Eunice gleich nach dem Auspacken in der weltumspannenden Cloud Geld und menschliche Helfer sucht, um Verity in ein zunächst rätselhaftes Vorhaben zu stupsen.

Der titelgebende Begriff "Agency" meint dabei im Englischen einerseits die Geheimdienste, die schon bald mitmischen. Andererseits ist "Agency" auch ein Modewort der KI-Debatten, das ursprünglich aus der Philosophie kommt und die Möglichkeiten des selbstständigen Handelns meint. Die pessimistischen Vertreter des KI-Diskurses sehen das als Nullsummenspiel, das mit jeder Erweiterung der "Agency" künstlicher Intelligenzen eine Beschneidung der menschlichen Möglichkeiten sieht. Das funktioniert in einem dystopischen Science-Fiction-Roman hervorragend als Motiv. Und so entwickelt Eunice auch schon bald einen Handlungsspielraum, der so weit reicht, dass die Möglichkeiten von Verity und ihren menschlichen Weggefährten immer weniger werden. Weswegen eben die Zeitreisenden aus dem post-apokalyptischen London eingreifen müssen.

Die Apokalypse ist eher ein Zustand als ein Ereignis, die Welt schlittert da so allmählich rein

Im Wechselspiel harmonieren die beiden Zeit- und Realitätsebenen im Erzählfluss nicht sofort. Vor allem zu Beginn zwingt Gibson einen im zukünftigen London die Fremdheit einer Welt zu akzeptieren, in der vieles ganz anders funktioniert, als heute, in der es Produkte, Technologien und eben das Spiel mit den Zeitstummeln gibt, die er als selbstverständlich voraussetzt. Das funktioniert besser, wenn man "Peripherie" gelesen hat. Wenn man sich aber darauf einlässt, hat der desorientierende Effekt sogar seinen Reiz. Vor allem, weil sich die Handlung in der Gegenwart des Jahres 2017 mit der Schubkraft eines klassischen Agententhrillers beschleunigt und fesselt. Es hilft auch, dass kein Kapitel länger als drei, vier Seiten ist, was den Londoner Strang automatisch auf Level bringt.

Es wäre Spielverderberei, mehr über Handlung oder gar Wendungen zu verraten. Gibson ist jedoch ein so erfahrener Erzähler, dass er in den fremden Welten nicht nur glaubwürdige Figuren schafft. Er konstruiert mit Eunice auch eine künstliche Intelligenz mit einer Maschinenpersönlichkeit, die überzeugen kann, weil sie mit einer Konsequenz ihre Ziele verfolgt, die nur wenige Menschen aufbringen. Das ist in sich stimmig, gerade weil Gibson Eunice nicht vermenschlicht. Und wenn sie doch humane Züge zeigt, lässt er sie das algorithmische Hexenwerk selbst entlarven, wie an jener Stelle, an der sie behauptet, etwas riechen zu können, um dann gleich zuzugeben, dass sie sich den Gestank zusammengegoogelt hat.

Wie so viele Dystopien hinterlässt auch "Agency" derzeit einen mentalen Nachgeschmack. So enthüllt Wilf, dass der titelgebende Jackpot in der Mitte des 21. Jahrhunderts vor der ersten Welle der Pandemien als eine Kombination aus Klimawandel und anderen Ursachen beginnt, gefolgt von einer Reihe von Dürren, Hungersnöten, Pandemien, politischem Chaos und Anarchie.

An anderer Stelle sagte Gibson selbst: "Jackpot ist mehr ein Gesamtzustand, als ein Ereignis. Die Welt schlittert da so allmählich rein, da all die schlimmen Dinge, die uns Sorgen machen hier und da, in unterschiedlichem Ausmaß, über den größten Teil des 21. Jahrhunderts hinweg passieren und sich zu androgener, systemischer, multipler, ernsthaft schlimmer Scheiße summieren, die schließlich achtzig Prozent der Menschheit tötet." Da kann jeder informierte Bewohner der Gegenwart den "fuckedeness quotient" ganz gut selbst herauslesen.

© SZ vom 13.10.2020
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