William Boyds Roman "Trio":Alle machen das so

Pinewood Studio

Kann viel passieren an so einem Filmset - ideal für den Schauplatz eines Romans. Hier die Londoner Pinewood Studios im Jahr 1970.

(Foto: Keystone/Getty Images)

Die Geschichte wiederholt sich zweimal, das eine Mal als Komödie, das andere Mal als Porno: Das fabelhaft souveräne Alterswerk "Trio" des britischen Romanciers William Boyd.

Von Martin Ebel

Gefragt, was den Politikerberuf so schwierig mache, antwortete der englische Premier Clement Atlee seufzend: "Ereignisse". Ähnliches könnte Angela Merkel über ihre gesamten 16 Regierungsjahre sagen: eine Krise nach der anderen, und keine war voraussehbar. Talbot Kydd muss in William Boyds Roman "Trio" immerhin kein Land führen, sondern nur einen Film produzieren, aber das Unternehmen stellt sich ähnlich schwierig dar.

"Ereignisse" gibt es genug: Filmmaterial wird gestohlen. Geldgeber verlangen einen Song für den Hauptdarsteller. Eine neue Drehbuchautorin verändert das Skript. Ein Has-been drängt sich in eine Nebenrolle. Ein amerikanischer Bombenleger taucht auf und seine Verfolger vom FBI. Und schließlich verschwindet Anny Viklund, der junge Star. Talbot umschifft jede Klippe, der Film - offenbar ein Machwerk jenseits jeden Kunstanspruchs, dafür steht schon der Titel "Emily Bracegirdles außerordentlich hilfreiche Leiter zum Mond" - wird fertig und sogar zur Berlinale eingeladen.

Dass der Krisenmanager, immer freundlich und kompromissbereit, ein kompliziertes Innenleben hat, bleibt der Filmcrew, aber auch Freunden und seiner Frau verborgen. Talbot versteckt seine Homosexualität und fasst erst gegen Ende des Romans zaghaft ins Auge, seine Neigung zu leben. Wir Leser haben längst begriffen, wie es um ihn steht, schon als Talbot auf den ersten Seiten von einem schönen nackten Mann träumt. Überhaupt lässt uns William Boyd in erlebter Rede tief in die Köpfe der drei Hauptfiguren blicken - das titelgebende Trio komplettiert neben Talbot und Anny die Schriftstellerin Elfrida Wing. Tief heißt: unter deren eigene Bewusstseinsschwelle.

Das Lebensgestolper der drei Figuren ordnet sich zum kunstvollen Puzzle

Während Talbot fast traumwandlerisch Hindernisse umkurvt, türmen sie sich vor den beiden Frauen zu unüberwindlichen Bergen auf. Anny, das "kleine Mädchen aus Minnesota", das sie in ihrem Innern noch ist, verkraftet die Karriere und das hektische Filmbusiness nicht, betäubt sich mit zwei Liebhabern und Unmengen an Beruhigungs-, Aufputsch- und Schlafmitteln. Elfridas Droge der Wahl ist flüssig; ihre üppige Wodka-Ration bunkert und versteckt sie in "Sarson's Weißweinessig"-Flaschen. Nach spektakulärem Start leidet sie unter einer Schreibblockade, verursacht durch das Etikett "die neue Virginia Woolf", das ihr die einfallslosen Kritiker anheften. Dabei findet sie Woolfs Bücher "schrullig und überspannt".

Fassade und heimliches Leben, Kunst und die materiellen und psychischen Bedingungen ihrer Produktion, Betrug und Selbstbetrug: Das sind die Themen des 16. Romans von William Boyd, einem der besten, fruchtbarsten und vielseitigsten Autoren Großbritanniens, der von der fiktiven Künstlerbiografie ("Nat Tate") bis zum Spionagethriller ("Ruhelos") die Möglichkeiten der verschiedenen Genres virtuos ausgereizt hat. Im Filmgeschäft kennt er sich als erfahrener Drehbuchautor aus, und das Romanhandwerk beherrscht er sowieso: Günstige Voraussetzungen für ein Buch, das man erst atemlos wie einen Schmöker verschlingt - um dann über seine psychologische Weisheit und die künstlerische Raffinesse zu staunen.

Das Lebensgestolper der drei Figuren ordnet sich in der Vogelschau des Roman-Organisators zum kunstvollen Puzzle aus Motiven und Verweisen, Spiegelfiguren, Doppelungen, Symbolen und "mises en abymes". Mit dem geklauten Filmmaterial wird parallel eine Porno-Variante der "Leiter zum Mond" gedreht ("alle machen das so"). Die Aufwachszene des Beginns kehrt in den immer neuen Romananfängen wieder, mit denen Elfrida ihre Virginia-Woolf-Obsession endlich bannen will. Richard Harris' Song "MacArthur Park", der Sommerhit des Jahres 1968, plagt Talbot als Ohrwurm - gibt ihm aber auch eine schöne Metapher dafür ein, wie er seinen ungetreuen Geschäftspartner letztlich doch austricksen könnte. So entdecken aufmerksame Leser eine Konstruktionsraffinesse nach der anderen.

William Boyds Roman "Trio": William Boyd: Trio. Roman. Aus dem Englischen von Patricia Klobosiczky und Ulrike Tiesmeyer. Kampa, Zürich 2021. 424 Seiten, 22 Euro.

William Boyd: Trio. Roman. Aus dem Englischen von Patricia Klobosiczky und Ulrike Tiesmeyer. Kampa, Zürich 2021. 424 Seiten, 22 Euro.

Ein Sommerhit von 1968 - ja, der Roman spielt in der Tat in jenem Jahr, da in Paris Barrikaden brannten, Martin Luther King ermordet und die Tschechoslowakei besetzt wurde. Die Dreharbeiten im südenglischen Brighton berührt das nicht. Das ist kein Einwand gegen den Roman, sondern ein Statement: Was wir in der historischen Rückschau als prägend ansehen, wurde seinerzeit anders empfunden, anders gelebt. "Trio" ist nicht Vintage, sondern eine kluge, leichte Reflexion über Innen- und Außenwahrnehmung, Ignoranz und Selbsterkenntnis.

Talbot, sagt der ertappte Pornoproduzent, sei "blind vor lauter Privilegien" und wisse nichts über das "wirkliche Leben". Was man vielleicht sogar als gezielten Verweis Boyds auf das aktuelle "Alte weiße Männer"-Lamento lesen kann. Das wirkliche Leben, lesen wir später, ahmt die Kunst nach - und diese wiederum das Leben. In "Trio" hat William Boyd aus dem Hin und Her von beiden ein formidables literarisches Altmeisterstück geschaffen.

© SZ/masc
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