Nachruf:Mach's gut, Willi Wiberg

Willi Wiberg
Illustration von Gunnila Bergström; Willi Wiberg

Der alleinerziehende Vater ist oft zerstreut: Szene aus "Nur Mut, Willi Wiberg"!

(Foto: Gunilla Bergström/Oetinger)

Die schwedische Illustratorin und Autorin Gunilla Bergström ist gestorben. Ihr Geschöpf hat Millionen Kinder begleitet.

Von Thomas Steinfeld

Der kleine Junge hat einen runden Kopf, in dem Augen, Nase und Mund sehr weit oben sitzen. Seine Haare bestehen aus kurzen Stacheln, anstatt Ohren hat er zwei kleine Kugeln, und der Hals steckt direkt im Rumpf. Er trägt einen grünen oder einen braunen Pullover, der ihm zu groß ist, sowie eine geflickte Hose, die ihm knapp über die Knie reicht, unabhängig von der Jahreszeit. "Willi Wiberg" heißt der Knabe auf Deutsch, "Alfons Åberg" im schwedischen Original.

Doch gleichgültig unter welchem Namen: Dieser Willi hat, über die vergangenen fünf Jahrzehnte hinweg, etliche Millionen Jungen und Mädchen auf der halben Welt vom Kleinkindalter bis zum ersten Schuljahr begleitet. Er hat ihre Freuden, ihren Kummer und ihren Trotz geteilt, weil er genauso empfand wie sie, und sie empfanden genauso wie er. Er hat ihnen beim Heranwachsen geholfen, als Spiegel ihrer selbst, und er tat es mit einer fundamentalen Gutmütigkeit. Gestaltet wurden alle Willi-Wiberg-Geschichten von Gunilla Bergström, einer schwedischen Journalistin, die ihren eigentlichen Beruf schon in den frühen Siebzigern aufgab, um ihre Arbeit nahezu ausschließlich dieser Figur zu widmen.

Eine Mutter gibt es nicht, und sie scheint auch nicht zu fehlen

Die Kinderbuchkinder des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wuchsen im Freien auf. Pippi Langstrumpf gehörte zu den Letzten dieser Art. Willi Wiberg trat im Herbst 1972 in die Welt, als Bewohner eines Hochhauses in einer anonymen Vorstadt, wenige Jahre nachdem in Schweden als erstem Land der Welt die körperliche Bestrafung von Kindern verboten wurde. Er lebt allein mit seinem Vater und trägt einen Schlüssel an einer Kette um den Hals. Der Vater ist oft zerstreut, trägt ein Loch in der Socke, raucht Pfeife und liest die Zeitung. Eine Mutter gibt es nicht, und sie scheint auch nicht zu fehlen. Immerhin gehören Tanten, eine Großmutter, Cousinen, der Spielkamerad Viktor sowie ein unsichtbarer Freund zur Umgebung.

Das Halbwaisentum hat nicht nur zur Folge, dass Willi in hohem Maße über sich selbst verfügen kann, sondern auch, dass die Erziehung, in ihren unendlich vielen kleinen Schritten, zum Verhandlungsgegenstand wird zwischen dem Kind und dem Erwachsenen. Nicht immer verliert dabei das Kind, im Gegenteil. Gunilla Bergström arbeitete mit festem Strich und mit geschlossenen Strukturen, ohne Schattierungen und mit einem Minimum an szenischer Ausgestaltung. Ihr Bilder wirken daher oft wie Collagen. In ihrer Mitte steht ein beinahe autonomes Kind.

Gunilla Bergström

Gunilla Bergström - im Jahr 1972 ließ sie erstmals Willi Wiberg in die Welt treten, den Jungen, der in einer Hochhaussiedlung lebt und im schwedischen Original Alfons Åberg heißt.

(Foto: Rolf Adlercreutz)

Mehr als zwei Dutzend Bücher gibt es, die Geschichten von Willi Wiberg erzählen. Vermutlich werden die meisten von ihnen so häufig vorgelesen, dass sie irgendwann ins intellektuelle Gemeingut einer Familie übergehen und auswendig vorgetragen werden können.

Wie geht die Geschichte, in der Willi nicht einschlafen kann? Zuerst will er erst noch etwas trinken, doch das Wasser wird verschüttet, so dass ein Handtuch geholt werden muss. Dann muss Willi Pipi machen, dann fürchtet er sich vor dem Löwen in der Garderobe, so dass der Vater mit der Taschenlampe losziehen muss. Endlich muss der Vater den Teddy holen. Doch von diesem Auftrag kehrt er nicht zurück. Willi findet ihn schließlich, in tiefem Schlaf auf dem Boden liegend, umgeben vom Handtuch, Topf, Teddy und Taschenlampe. Das Bild, das diese Szene zeigt, ist aus der Zentralperspektive gezeichnet, als einziges in diesem Buch, Bergströms erstem, das den Titel "Gute Nacht, Willi Wiberg" trägt. Willi muss lachen, als er den schlafenden Vater sieht, und der Blickwinkel ermöglicht es, dass dieses Lachen gleichsam aus der Kulisse kommt, als erlösendes Moment.

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(Foto: Oetinger)

Am Mittwoch dieser Woche ist Gunilla Bergström in Stockholm gestorben. Sie wurde 79 Jahre alt.

© SZ/jsl
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