Zum Tod von Wilhelm Genazino Der Psychohistoriker der alten Bundesrepublik

Büchnerpreisträger und Psychohistoriker der Bundesrepublik: Wilhelm Genazino.

(Foto: Regina Schmeken)

Je auswegloser der Schriftsteller Wilhelm Genazino den Aberwitz unserer Zivilisation beschrieb, desto größeren Erfolg hatte er. Nun ist er im Alter von 75 Jahre gestorben.

Von Helmut Böttiger

Wilhelm Genazino war der Seismograf für die Seelenlandschaften der alten Bundesrepublik. Und es fiel in den letzten Jahren auf, mit welcher Konsequenz die Figuren in seinen Romanen immer einsamer wurden. In "Das Glück in glücksfernen Zeiten" (2009) landete der Held in der Psychiatrie, in "Wenn wir Tiere wären" (2011) fand er sich im Gefängnis wieder. Es kam hin und wieder zu Beischlafszenen, die die Realität der bundesdeutschen Schlafzimmer schonungslos abzubilden schienen - überall machte sich eine "allgemeine Zerfetztheit" bemerkbar, oder, wie eine andere Stelle mahnte, eine "innere Bodenlosigkeit".

Genazino hat im Lauf der Zeit viele Bücher veröffentlicht, immer recht handliche mit ungefähr 150 Seiten, immer ungefähr alle zwei Jahre, und diese Bücher waren wunderschön, leicht und schwebend. Aber ihre Helden hatten jedes Mal etwas Irritierendes. Das fing mit einem Herrn namens "Abschaffel" an, mit dem der 1943 geborene Genazino in den Siebzigerjahren bekannt wurde. Abschaffel hatte keinen Vornamen, er hatte eigentlich auch sonst nichts und war in einer Speditionsfirma beschäftigt. Er war so durch und durch Angestellter, dass man ihn kaum noch erkennen konnte. Ziemlich am Anfang fiel der Satz: "Abschaffel schaltete eine kleine Lampe ein, weil er das Gefühl vermeiden wollte, mit dem langsamen Dunklerwerden des Abends selbst zu verschwinden." Dieser Satz ließ nicht unbedingt darauf schließen, dass ihm ein ganzer Roman und dann noch einmal zwei folgen würden, aber das machte das Geheimnis Genazinos aus.

Interessant sind die Frauennamen, die sich im Werk Genazinos immer deutlicher als geheime Losungen zu erkennen gaben. Abschaffel etwa verbindet mit Namen wie Margot oder Dagmar gewisse Hoffnungen, die letztlich natürlich vergeblich sind. In "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" aus dem Jahr 2003 heißt die Jugendfreundin dann Gudrun - auch dies ein Klang aus verlorener Zeit.

Er hat die Jahre, in denen das Land etwas lockerer wurde, mythisch gemacht

In derlei Namen schwingt unabweisbar die Sehnsucht nach einer entlegenen und nicht mehr fassbaren Jugend mit. Margot, Dagmar, Gudrun - das entspringt einer Zeit, die etwas von Unschuld hat, einer Zeit, in der etwas beginnt und in der es langsam aufwärts geht: die Zeit der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre, als die Bundesrepublik zögernd ein bisschen lockerer wurde. Es ist die Zeit, die Wilhelm Genazino zu einer mythischen gemacht hat. Hier sind Sehnsüchte zu Hause, die nicht mehr viel mit Ort, Handlung und Geschichte zu tun haben. Die Frauenfiguren bei Genazino sind dem geschuldet, sie tragen Namen der Reinheit.

Die zentralen Figuren in Genazinos Romanen sind natürlich Männer, aber sie sind alle in dieser Atmosphäre groß geworden. Sie kaufen sich unter erheblichen Mühen ihre ersten Anzüge aus Diolen oder Trevira. Es geht um Blusen, ums Bügeln und um Hoffmanns Stärkepuder. Danach riecht es ziemlich oft, vor allem an den etwas schlüpfrigen Stellen. Der Held ohne Vornamen in "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" darf Gudrun "von oben in die Bluse und in den Büstenhalter" fassen, aber, so heißt es: "Es war nicht erlaubt, während des Knutschens seitlich auf die Couch umzukippen und trotzdem weiterzuknutschen."

Unter diesen Umständen hat die frühe Bundesrepublik angefangen, ihre Identität auszubilden. Genazinos Figuren sind die glaubwürdigsten Zeugen für die seelische Entwicklung in diesem Staatsgefüge, er schrieb ihre Psychogeschichte. Seine Romane sind von Anfang an dem Unbewussten auf der Spur, das dieser Gesellschaft zugrunde liegt. Sie ziehen kleine, immer enger werdende Kreise. Sie kriechen in die Eingeweide der Republik.

Im Buch mit dem "Fleck" im Titel taucht zum ersten Mal jene Figur ausführlicher auf, die immer wieder vorkommen wird: Franz Kafka. Er ist der Kronzeuge für das unermessliche, aber heillose Wissen der Literatur. Bereits Abschaffel kauft in der Bahnhofsbuchhandlung, bevor er mit dem Eilzug zu den Eltern fährt, ein Buch von Kafka. Im Zug fällt dann der Satz: "Während des Lesens vereinsamte Abschaffel rasch." Und im Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" hält der jugendliche Held seiner Freundin einmal eine feurige Rede über Kafka. Dann erfahren wir: "Erst kurz vor der Haustür der Souterrainwohnung endete mein heutiger Vortrag. Ich ging mit Gudrun in den Hausflur und küsste sie mit einer Erregung, von der wir glaubten, sie sei ein Zeichen unserer Liebe und unserer Zukunft. In Wahrheit ahnte ich, dass ich durch Gudrun hindurchküsste und im Hintergrund Franz Kafka dafür dankte, dass er mich wieder so lebendig gemacht hatte."

Je auswegloser er den Aberwitz des Daseins beschrieb, desto größer sein Erfolg

Auf diese Weise ist Wilhelm Genazino langsam zum heimlichen Protokollanten des gesellschaftlichen Bewusstseins geworden. Das ließ ihn 2004 bis zum Büchnerpreisträger aufsteigen. Dabei musste er jedoch eine merkwürdige Erfahrung machen. Je dringlicher er die Erkenntnis umkreiste, dass diese Welt nicht auszuhalten ist, desto stärker jubelte ihm das Publikum zu. Je auswegloser er die Peinlichkeit des Daseins, den Aberwitz unserer Zivilisation beschrieb, desto größeren Erfolg hatte er. Seine Beschwörung der Leere in den Fußgängerzonen und Satellitenstädten wurde immer intensiver, und alle Beteiligten wollten sich nach der Lesung seine Bücher signieren lassen. Da trat Wilhelm Genazino die Flucht nach vorne an. In seinem Roman "Die Liebesblödigkeit" aus dem Jahr 2005 war der Held von Beruf "freischaffender Apokalyptiker". Als Experte für das Ausweglose hält er Wochenendseminare, es geht um die Katastrophe, auf die wir alle zusteuern, und das Interesse ist übermächtig. Im ganzen Buch begegnete man Berufsbildern wie "Panikberatern", "Ekelreferenten", "Schockforscherinnen" oder "Empörten-Beauftragten". Und es entstand ein Kaleidoskop des postindustriellen Seelenlebens, wie es in des Autors früher Tätigkeit für das Satiremagazin Pardon vielleicht schon angelegt war, aber so noch nicht ausdifferenziert werden konnte.

Alle, die da Seminarteilnehmer sind und Teil des Problems, seien es nun pensionierte Chemiker wie Dr. Gerberich oder Studienleiterinnen aus Bad Segeberg wie Frau Dr. Kuch, Wirtschaftsanwältinnen aus Düsseldorf wie Frau Dr. Krüger oder namenlose Investmentexpertinnen aus Stuttgart - sie und wir alle waren in Wilhelm Genazinos Romanen gemeint und fanden uns in ihnen wieder. An diesem Mittwoch ist er nach längerer Krankheit im Alter von 75 Jahren gestorben.

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