Wilhelm-Busch-Bilder aufgetaucht Ein spät aufgegangener Kuchenteig

Sensationsfund in der Provinz: In Sulzbach-Rosenberg wurde eine bisher unveröffentlichte Bildergeschichte von Wilhelm Busch entdeckt: "Der Kuchenteig" erinnert stark an "Max und Moritz". Die Süddeutsche Zeitung zeigt die zehn Bilder erstmals und exklusiv - vier von ihnen auch hier bei sueddeutsche.de.

Von Lothar Müller

Also lautet ein Beschluss: dass man alles prüfen muss. Denn natürlich macht die Pünktlichkeit stutzen, wenn just im Jubiläumsjahr von Wilhelm Busch, dessen hundertster Todestag am 8. Januar begangen wurde, in einem Provinzarchiv eine ungedruckte, bisher unbekannte Folge von zehn Busch-Zeichnungen auftaucht, eine vollständige Bildergeschichte, die ihre Verwandtschaft mit dem sechsten Streich der bösen Buben Max und Moritz schon auf den ersten Blick nicht verleugnet.

Sehen Sie hier vier ausgewählte Zeichnungen aus Wilhelm Buschs Bildergeschichte "Der Kuchenteig". Weitere Bilder finden Sie in der "Süddeutschen Zeitung" vom 14./15.6.2008.

(Foto: Bild: Verlagsarchiv J. E. von Seidel/dpa)

Der Sulzbach-Rosenberger Stadtarchivar Johannes Hartmann hat die Zeichnungen in den Beständen zur Geschichte des örtlichen Verlags- und Druckereihauses Seidel gefunden, zusammen mit dem kleinen Umschlag, auf dem Busch handschriftlich den Titel der Bilderfolge vermerkte: "Der Kuchenteig".

Experten bürgen für Echtheit

Am gestrigen Freitag wurde der Fund in Sulzbach-Rosenberg präsentiert, und natürlich war, bevor dies geschah ausführlich geprüft worden. Auf dem Podium der Pressekonferenz bürgte die Kunsthistorikerin Ruth Brunngraber-Malottke vom Wilhelm-Busch-Museum in Hannover für die Echtheit der Zeichnungen.

Der Direktor ihres Hauses und Herausgeber der erst 2007 erweitert aufgelegten kritischen Wilhelm Busch-Gesamtausgabe, Hans-Joachim Neyer, ist im Gespräch mit dieser Zeitung nicht weniger deutlich: "Wir legen unsere Hand dafür ins Feuer, dass die Zeichnungen echt sind."

Dass er nun die Gesamtausgabe noch einmal vervollständigen muss, macht ihn nicht unglücklich. Er hofft, die Bilderfolge im Rahmen seiner für den Herbst geplanten Ausstellung über Carl Spitzweg und Wilhelm Busch zeigen zu dürfen.

Und natürlich hofft er auch, dass sie am Ende dauerhaft den Weg in sein Haus nehmen. Andreas Strobl, Fachmann für die Bestände aus dem 19. Jahrhundert an der Staatlichen Graphischen Sammlung in München, hat den "Kuchenteig" mit zahlreichen in München befindlichen Entwurfszeichnungen von Busch verglichen. Und auch er ist mit den Mitteln der Stilanalyse zu dem Schluss gelangt, die Bilder seien echt.

Verlagshaus Seidel spielt Schlüsselrolle

Eigentümer des "Kuchenteigs" sind die Erben des Verlagshauses Seidel, das in dieser Geschichte einer Bildergeschichte die Schlüsselrolle spielt. Denn nur, weil der Begründer des Verlages, Johann Esaias von Seidel (1758-1827), wie Wilhelm Busch in diesem Jahr in der Oberpfalz mit Ausstellungen und Publikationen als Jubilar gefeiert wird, ist das Verlagsarchiv gründlich durchsucht worden.

Kurz, es hat bei diesem Fund der lokale Gedenktagskalender dem nationalen zugearbeitet, und das ist nicht nur deshalb eine charmante Pointe, weil so viele Anekdoten zur Geschichte der Deutschen als Kulturnation in der Provinz beginnen oder enden. Sondern auch, weil die Produktion - und der durchaus überregionale Vertrieb - von Kalendern zu den Spezialitäten des Seidelschen Verlagshauses im 19. Jahrhundert gehörte.

Der Verlagsgründer Johann Esaias von Seidel, evangelisch, aus Sulzbach gebürtig, war ein rühriger Mann und hatte den Grundstein für die überregionale Ausstrahlung des Hauses gelegt.

Künstlerkollege Buschs war Mittelsmann

In Amberg hat er im Sommer 1800 die erste Buchhandlung der Stadt eröffnet, die örtliche Leih- und Lesebibliothek übernommen. 1807 zog er nach Sulzbach um, wo er das Schloss gekauft hatte, und er unterstrich seine Ambitionen dadurch, dass er darin Druckerei, Verlag und Buchhandlung zu einer Geschäftseinheit verschmolz, deren Filialen über Nürnberg hinaus bis München reichten.

Der Wilhelm Busch-Forscher Hans Ries rekonstruiert in der in Kürze erscheinenden, vom Stadtheimatpfleger Markus Lommer herausgegebenen Festschrift für Seidel (Johann Esaias von Seidel. Zum 250. Geburtstag eines Bayerischen Verlegers, Sulzbach-Rosenberg 2008), wie der Zeichner und der Sulzbacher Verlag zusammenkamen, der sich zwischen 1854 und 1877 im Besitz des Regensburger Druckers Friedrich Pustet befand.

Mittelsmann war demzufolge Buschs Künstlerkollege Ernst Küster (1834-1907), der dem Verlag 1863 die Zeichnungen anbot und ein Honorar von insgesamt 50 Gulden, also fünf Gulden pro Bild verlangte.

Busch hatte es auf Abdruck in Kalender abgesehen

Bei Seidel in Sulzbach erschienen nicht nur der "Volks-Kalender" und der "Kalender für den Bürger und Landmann", sondern auch der "Münchener Hauskalender", und auf einen Abdruck in diesem ausdrücklich auf das Publikum der bayerischen Metropole zielenden Organ scheint es Küster im Auftrag von Busch abgesehen zu haben.