Wikipedia-Fälschungen Im Daunenfederngestöber

Die schiere Masse ist freilich auch das Hauptproblem von Wikipedia. Das zentrale Thema der Jahresversammlung im vergangenen August in Harvard brachte Jimmy Wales, der Mitbegründer und die oberste Instanz der Wikipedia in seinem Vortrag auf den Punkt: "Wir sollten mehr auf die Qualität als auf das Wachstum unserer Beiträge achten."

Nun ist Deutschland in Sachen Qualität Vorreiter. Die deutschen Artikel ragen im internationalen Vergleich heraus. Nirgends ist die Wiki-Gemeinde so nah am objektiven Enzyklopädie-Leitbild, früh schon einigte man sich darauf, dass "Fan-Artikel" (etwa Beiträge zu jeder Nebenfigur des Star-Wars-Universum) aus der Enzyklopädie herausgehalten werden sollen.

Wuchernde Wissenswülste

Trotzdem ähnelt auch die deutsche Wikipedia diesen deformierten Weltkarten, bei denen unterschiedliche Reichtums- oder Niederschlagsverteilung durch geographisch analoge Ländergrößen angegeben werden: In der Wikiwelt wuchern in abseitigen Gebieten riesige Wissenswülste. Es gibt 39 Artikel zur Kategorie Computerspielfigur.

Was wie eine charmante Schrulle wirkt, ist für den IT-Experten Ulrich Fuchs eines der Hauptprobleme des Systems: "Inhalte und Autoren verstärken einander gegenseitig. Wo viel über esoterische Themen zu finden ist, tummeln sich auch viele Esoteriker. Und die schleppen oft Fehler in die Enzyklopädie ein."

Fuchs hat zwei Jahre lang bei Wikipedia mitgearbeitet, Neueinträge geschrieben, Fremdeinträge verbessert, und später, als "Administrator", Artikel gelöscht und Auseinandersetzungen zwischen Leuten, die sich in "Edit-Wars", also endlosen Begriffsstreitigkeiten ineinander verbissen haben, geschlichtet.

Randale, Vandale, Wundaale

Viele kontinuierliche Mitarbeiter setzen Begriffe auf sogenannte Beobachtungslisten: Sobald an dem Eintrag etwas geändert wird, werden sie verständigt und schauen sich die Änderung an. Was ja oft gut ist.

Andererseits glauben dadurch oftmals einzelne Autoren eine Art Lufthoheit über die Einträge zu haben. Viele Experten gaben ihre Mitarbeiter entnervt auf, weil sie die Streitereien mit anderen, hartnäckigeren Wikingern schnell leid waren.

Larry Sanger, der Mitbegründer der Wikipedia, verließ aus diesem Grund schon 2001 das Unternehmen. Er habe es "nicht mehr ertragen, dass Laien alles mit Hohngelächter kommentieren dürfen, was ein Experte sagt", schrieb er im Rückblick. Für ihn ist die Anonymität der Wikipedia ihr größtes Problem, ziehe sie doch Leute an, die "Randale machen wollen".