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Wikileaks und die Sprache der Diplomaten:So nicht! Aber wie dann?

"Wir hatten einen offenen Meinungsaustausch" heißt in Diplomatensprache nichts anderes als: Es gab furchtbaren Streit. Die Veröffentlichung von Wikileaks wirft auch ein Licht auf die Frage, wie sich Diplomaten ausdrücken sollten.

Die Veröffentlichung von Wikileaks wirft auch ein Licht auf die Frage, wie denn Diplomaten sprechen oder sprechen sollten. So nicht! Aber wie dann?

A combination photo shows world leaders mentioned in cables released by whistle-blowing website WikiLeaks

Ob Muammar Gaddafi, Nicolas Sarkozy, Angela Merkel oder Kim Jong-il, ob Hamid Karzai, Vladimir Putin, King Abdullah, oder Hugo Chavez,  ob Mahmoud Ahmadinejad, Wen Jiabao, Silvio Berlusconi oder David Cameron (von oben links nach unten rechts): Sie alle zittern nun vor Wikileaks. Aber wie sollten ihre Diplomaten sprechen, wenn nicht so?

(Foto: Reuters)

Diplomatische Sprache ist dadurch gekennzeichnet, dass Vieles nicht und Manches nicht deutlich gesagt wird. "Wir hatten einen offenen und fruchtbaren Meinungsaustausch" heißt im Klartext "Wir haben uns furchtbar gestritten und konnten uns nicht einigen".

Diese diplomatische Semantik hat Gründe, gute und weniger gute. Dazu ein paar Beispiele.

Nützlich bis problematisch

Im Zuge der Entspannungspolitik wollten die vier Besatzungsmächte 1970/71 den Zugang nach West-Berlin und die dortige Präsenz von Einrichtungen der Bundesrepublik auf eine einvernehmliche Grundlage stellen. Man wollte nicht mehr jede Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten in Berlin zum Gegenstand west-östlichen Imponiergehabes machen. Dass die Besatzungsmächte das regeln konnten, war unstreitig. Aber worauf bezog sich die Regelungsbefugnis? Auf Groß-Berlin (so die Westmächte) oder auf Westberlin (so die Sowjetunion). Das wollte man an dieser Stelle nicht entscheiden. So wird der Anwendungsbereich des Abkommens umschrieben als "das betreffende Gebiet". Ein klassischer Formelkompromiss, der es erlaubt, um einer praktischen Regelung willen eine Grundsatzfrage auszuklammern, ein Beispiel für nützliche Zweideutigkeit.

So klar liegt der Nutzen nicht immer auf der Hand. Nachdem Israel 1967 die Westbank und den Gaza-Streifen besetzt hatte, erließ der UN-Sicherheitsrat die Resolution 242, in der er als Grundsatz der zu treffenden Regelung unter anderem festlegte: "Abzug israelischer Streitkräfte aus Gebieten, die im jüngsten Konflikt besetzt wurden". Nicht aus allen besetzten Gebieten? Im englischen Text wurde der bestimmte Artikel vor "Gebieten", der das klar gemacht hätte, weggelassen. Im Französischen ist nicht klar, ob es sich um den bestimmten oder den unbestimmten Artikel handelt, im Russischen gibt es den Unterschied nicht und der spanische Text gebraucht den bestimmten Artikel.

Israel beruft sich darauf, dass Gegenstand der Verhandlungen der englische Text war und dass dort das Weglassen des bestimmten Artikels bewusst erfolgte, um eben keine Pflicht zum Abzug aus allen besetzten Gebieten festzulegen. Diese Auslegung wird von arabischer Seite bestritten. Damit war der Streit um die Grenzen des zukünftigen palästinensischen Staates begonnen. Eine klare Regelung der Frage wäre, je nachdem in welcher Richtung sie gegangen wäre, am Widerstand der USA oder der Sowjetunion gescheitert. Die internationale Gemeinschaft schiebt das Problem bis heute vor sich her - keine nützliche Zweideutigkeit.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, welche schwammigen Begriffe inzwischen zum Standardrepertoire gehören.

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