Zum Tod von Wiglaf Droste Patriotismusverächter und Sprachliebhaber

Nicht nur ein Witzbold und Wortspielmetz: Der Satiriker Wiglaf Droste.

(Foto: dpa)

Man musste keine einzige von Wiglaf Drostes Ansichten teilen, um gebannt zu sein von Sprachklang und Witz dieses perfekten Handwerkers. Aber meistens hatte er ja recht.

Nachruf von Gustav Seibt

In einem seiner letzten Bände rühmte er ein belgisches Bier, das "Mort subite" heißt, plötzlicher Tod. Nein, wir werden hier keine Bezüglichkeiten herstellen, das läge unter dem Niveau eines Droste-Bewunderers. Allerdings regte Wiglaf Droste mehr der Name als der Geschmack des Bieres an, schließlich war er zu Besuch in Lüttich, wo der von ihm verehrte Kriminalschriftsteller Georges Simenon aufwuchs. Und gleich diesem vermochte Droste es, mit drei Sinneseindrücken, drei Tasten im Klavier der Sprache eine Welt erstehen zu lassen. Ein schöner Hymnus auf Belgien wird daraus, auf Moules Frites, die tausend Biere und die 500 Tage währenden Regierungskrisen - ein Land an der Grenze, recht nach dem Herzen des Patriotismus-Verächters und Sprachliebhabers Droste.

Eine kleine Odyssee durch die Stadt, in der "das Klima wattig und schwadig klamm sich zeigt" führt erst über den Markt und dann durch mehrere Kneipen bis zum besagten Bier, dem plötzlichen Tod: "Könnte das nicht der Anfang einer Kriminalgeschichte sein?", fragt Droste, aber da ist der Text nach drei Seiten schon zu Ende.

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Satiriker Wiglaf Droste ist tot

Er galt als scharfzüngiger Kritiker deutscher Zustände. Nun ist Wiglaf Droste im Alter von 57 Jahren gestorben.

Viel länger hat Droste selten geschrieben und trotzdem als noch nicht einmal 60-Jähriger ein umfangreiches Lebenswerk hinterlassen. Er gehörte zu den in der deutschsprachigen Literatur gar nicht so seltenen Meistern der kleinen Form, die man besser als kurze bezeichnet. Was er schrieb, erschien meist zuerst in Zeitungen wie der taz oder der jungen Welt, wo er mit unerhörtem Fleiß jahrelang präsent war und zwar mit stilistisch meisterhaft durchgeformten Stücken.

Sein Metier dabei war weniger die Welt- als die Sprachbeobachtung. Sprachkritik war bei ihm aber nicht Knöllchenverteilung zur Verhöhnung von Unterprivilegierten, sondern ein scharfer Blick auf gesellschaftliche Praktiken, in denen Mitarbeiter "gut aufgestellt" zu sein haben, um "zeitnah" und "zielführend" agieren zu können, gehetzt von rollkofferbollernden und mobiltelefonbrüllenden Managementbarbaren. Dabei mobilisierte Droste die autoerotische Sprachlust ungebremsten Schimpfens ebenso wie das raue Gelächter über öffentlichen Schwachsinn. Wer sich daran erfreuen wollte, musste keine einzige seiner Ansichten teilen, um doch gebannt zu werden von Sprachklang, Satzmelodien und Witz dieses perfekten Handwerkers. Aber meistens hatte er ja recht.

Droste verkämpfte sich vor allem in den neunzigerjahren in allerlei Polemiken, die ihm sogar den Ruf des Sexisten eintrugen, reihenweise Kollegen und Redakteure vor den Kopf gestoßen, ganz zu schweigen von seiner robusten Verachtung für den Säuselton empfindsamer Laienpolitiker und Moralprediger in Ost und West: Denn ja, "das Paradies ist keine evangelische Autobahnkirche", wie einer seiner Album-Titel lautete. Da er ein freier, vor allem klar konturierter Geist war, verständigte er sich lieber mit Peter Hacks und Ernst Benda als mit dem grünbürgerlichen juste Milieu. Wenn Max Goldt, auf dem Feld der kurzen Form sein Antipode, Verachtung als still glosende Haltung innerer Freiheit pries, dann zeigte Droste, dass sie formbildende Kraft habe - kaum überraschend, dass nicht jeder das gut vertrug.

Droste, ein breiter, durch Hüte und lange Mäntel oft düster wirkender Mann mit großen Augen, war ein ausgezeichneter Performer (ein Wort, das er gewiss abgelehnt hätte), brillant als Leser und Sänger, der die alte Kunst des Bänkelsangs erneuerte, in dieser Doppelbegabung ein Nachfolger Kurt Tucholskys, mit dem er auch von strengen Kritikern verglichen wurde. "Im Osten hieß es Fahrerlaubnis", sang er, "Im Westen heißt es Führerschein./ Die Ostler sollten staatsvernünftig,/ Die Westler wollen Führer sein".

Wer nun glaubt, Droste sei nur ein scharfer Witzbold und Wortspielmetz gewesen - "Im Sparadies der Friseure" übertitelte er seine lustige Kritik an der verbreiteten Freude des haareschneidenden Gewerbes am Wortspiel ("Hair force one") -, der lese das nur drei Seiten lange Lebensbild seiner Großmutter im Band "Nomade im Speck" unter dem den edlen Genitiv bewahrenden Titel "Eines Menschen gedenken". Stücke wie dieses haben Anwartschaft auf die Lesebücher erworben. Wiglaf Droste, der aus Herford in Westfalen stammte und jahrzehntelang in Kreuzberg gelebt hatte, starb am 15. Mai in seinem fränkischen Rückzugsort.