Süddeutsche Zeitung

Wigald Boning:Bekenntnisse eines Nacktsportlers

"Vom Totalversager zum Superstar", ist das leicht elefantöse Motto von Wigald Boning. Jetzt stellte er sein neues Buch vor. Nebenbei verriet er ein paar sonderliche Vorlieben.

Im Osten sind die Helden des Privatfernsehens richtige Stars. Und so drängen sich die Besucher in der Glashalle der Leipziger Messe, als der Moderator der Sat1-Show Clever endlich am Samstagmittag kommt. Wigald Boning, 40, trägt nebst Jeans und bunter Krawatte ein witzig bedrucktes Jäckchen aus Ballonseide. Solche Klamotten ist er seinem Ruf als Comedien, als eine Art Anarcho-Witzbold des TV-Gewerbes schuldig. Und das, obwohl es hier auf der Leipziger Buchmesse für sein neues Druckwerk zu werben gilt: "Bekenntnisse eines Nachtsportlers".

Das klingt zugleich nach Geheimnis und Enthüllung. Tatsächlich schildert der Bankiersohn aus dem Oldenburgischen darin, wie er vom Nicht-Sportler zum Dauerathleten wurde, der vorzugsweise nachts und am frühen Morgen läuft (in Hotel-Treppenhäusern, über Alpengipfel), Rad fährt (24 Stunden Mountainbike oder Köln-Paris in zwei Tagen), einen Bob talabwärts steuert, Skitouren macht oder stundenlang im Tretboot sitzt. Die Stirnlampe ist immer dabei. "Vom Totalversager zum Superhelden" ist das Motto dieses mobilen Maniacs, der einst bei RTL Samstag Nacht bekannt wurde und später reihenweise Prominente auf seine WIB-Schaukel lud.

Nun also hat der Surreale vom Dienst nach "Fliegenklatschen in Aspik" (1996) sein zweites Buch vorgelegt, das er durchaus als Autobiografie ("durch die Hintertür") verstanden haben will - eine Sammlung sportlicher Abenteuergeschichten, die er so von 2001 an erlebt haben will. Nur ein Prozent sei erfunden, schwört Boning, der sich nach eigenem Bekunden lange geweigert habe, seine Erlebnisse als Nachtsportler überhaupt publik zu machen - "weil so etwas ja nicht zu einem Komiker passt". Aber dann habe ihn die Lektorin halt doch überredet, und er schrieb von Februar bis November 2006, jeden Morgen, wenn die Kinder in der Schule waren.

Bekenntnisse eines Nacktsportlers

"Bekenntnisse eines Nacktsportlers" wäre auch kein schlechter Titel gewesen, dann Boning verrät: "Ich bin gerne nackt. Kein Wunder, wenn man jahrelang berufsbedingt Anzüge aus Polyurethan, Kunstrasen oder Kartoffelschalen trug." Der bebrillte Nackedei rennt nach dem Saunagang im heimischen Bernbeuren schon mal 250 Meter im Adamskostüm herum oder hüpft im Hotelzimmer unbekleidet - bei einem guten Fernsehprogramm - eine Dreiviertelstunde mit dem Springseil auf und ab. Der Mann lässt nichts aus. Der Frage, ob Exhibitionismus zum Beruf gehöre, weicht er eher aus.

FKK-Fan Boning lebt im Allgäu, und der geneigte Leser erfährt, dass er zum TV-Drehtermin und zur Zweitwohnung in München sehr gerne radelt. "Da steht man nicht im Stau", erklärt der Pedaleur. Auch bei Arbeitsterminen in der Fremde sei er oft mit dem Klapprad unterwegs - zum Pressegespräch auf der Leipziger Messe aber fuhr Boning nach eigenem Bekenntnis mit dem Auto. Dabei standen die Autos vor der Leipziger Messe auch im Stau.

Der Autor erzählt, dass er als "Suchtmensch" schon immer dazu geneigt habe, sich einer Sache exzessiv hinzugeben (zum Beispiel als Spieler von Saxofon und Querflöte), dass aber der Sport nun die liebste seiner Süchte sei. Einen tieferen Sinn sieht er nicht dabei, auch keine späte Kompensation früherer Misserfolgserlebnisse: Bei den niedersächsischen Landesmeisterschaften im Diskus brachte Boning einst keinen gültigen Wurf zustande - und schied dann aus. So etwas kann quälen.

Seine sportiven Erfahrungen würden Hinweise geben, wie man faszinierende Abenteuer erleben kann, glaubt Boning, und empfiehlt seinem Leipziger Publikum, einfach mal drauflos zu radeln. In seinem Buch schreibt er von einer "elefantösen Vergrößerung des Selbstbewusstseins".

Inline-Skates mit Jürgen Drews

Das ist schon was, denn bei so viel Elefantösem ist ein normaler Marathon schnell eine langweilige Petitesse. Wenn der Nachtsportler da mitläuft, dann mit gelber Krawatte wie vor einigen Jahren in Hamburg. Was ist nicht alles passiert in den vergangenen Jahren im Leben des Wigald Boning!

Er rennt die 72 Kilometer des "Ems-Jade-Laufs", immer schön durch Moore durch, er entdeckt auf seiner Lieblingssportseite www.steppenhahn.de das "Extreme Mountain Running", er ist daraufhin beim Tegelberglauf, Zugspitz-Extremberglauf , Oberstaufener Alpinmarathon sowie beim Swiss Alpine Marathon in Davos aktiv. Den aber schafft er kaum, weil er Tage zuvor bei einem spielerischen Boxkampf mit Rene Weller einfach zu viele Schläge auf den schmalen Körper bekommen hat.

Bei all seinen Grenzläufereien ist Boning nach eigenem Bekunden von einem Mann besonders fasziniert, der einst als Jahrhunderttalent des deutschen Skisports galt, der aber schließlich des Dopings überführt wurde: der Skilangläufer Johann Mühlegg. Mit ihm rennt er an einem Tag kurz einmal - hopp, hopp - über die Höllentalklamm die Zugspitze rauf und wieder runter.

Mit Jürgen Drews fährt er auf Inline-Skates die Hafenpromenade des mallorquinischen Puerto de Andraitx entlang und will dort abends gesehen haben, wie plötzlich das Wasser im Hafen verschwand und die Boote im Sand lagen. Ein Erdbeben in Nordafrika habe für das abrupte Absinken des Wasserspiegels gesorgt, recherchierte Boning und schwört, diese Episode gehöre nicht in die Ein-Prozent-Kategorie von Münchhausen-Stories in seinen "Bekenntnissen".

Bekenntnisse eines Nacktsportlers

Im Osten ein Star

Viele Boningsche Sensationen sind bisher der Weltöffentlichkeit verborgen geblieben, weshalb es also einen Grund für dieses Buch gab. Es fehlt nicht an Persönlichem. So erinnert sich Boning (seit 1998 als "romantischer Liberaler" in der FDP) an Jürgen W. Möllemann, den er für RTL während eines Fallschirmsprungs interviewt hatte. Während einer Tour auf dem Radweg an der ehemaligen Berliner Mauer erfuhr er vom Tod der "höchst originellen Persönlichkeit" (Boning). Sein Rückblick: "Ich stand neben meinem Mietrad und starrte mit weißer Nase auf den ehemaligen Todesstreifen".

In seinem Wohnort Bernbeuren ist Boning eine akzeptierte Persönlichkeit, wie man erfährt, schließlich ist er im örtlichen Turn- und Sportverein zum Obmann Ski Nordisch gewählt worden. Nun freut er sich über den warmen Winter - nicht ein einziges Mal habe er mit einem alten Motorschlitten der Firma Bombardier die Loipe spuren müssen.

In Leipzig erzählt der Outdoor-Freak in der weißen Ballonseide noch von der nächsten Clever-Staffel, auf die er sich freue. Nein, es gebe keine Pläne für ein weiteres Buch (auch nicht a la Eva Herman über die Reaktionen auf sein aktuelles Werk). Und nein, es habe auch noch niemand über eine Verfilmung seiner Nachtsporteleien nachgedacht, obwohl das schon eine "schöne Idee" sei. Für die Hauptrolle bietet sich eigentlich nur Wigald Boning an. Eine Wiederbelebung seiner Sendung WIB-Schaukel, für die es kurz nach der Absetzung durch das ZDF einen Grimme-Preis gab, interessiert ihn schon sichtlich mehr.

Das müsste man vielleicht einmal dem ZDF sagen, meint Boning. Dann geht er vom Podest herunter zu dem Stand mit dem Dutzend Bücher, die er signieren soll. Die Leute lachen. Sie drängen. Sie reißen sich um die paar Exemplare.

Im Osten ist Wigald Boning ein Star.

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