bedeckt München

Wiener Staatsoper:Geschichten aus der Gruft

Madame Butterfly Wien

Szenen einer Sextourismusoper: Pinkerton (Freddie DeTommaso) verführt Cio-Cio-San (Asmik Grigorian).

(Foto: Wiener Staatsoper)

Eine Zombie-Inszenierung an der Staatsoper in Wien lässt die Männer nicht gut wegkommen. Dabei könnte es in der verstaubten Institution bald anders zugehen.

Von Reinhard J. Brembeck

Wien ist die Hochburg der Grüfte. Den gerade in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkten Globetrotter lockt die Kapuzinergruft, wo die Habsburger noch immer unmutig über ihren Herrschaftsverlust dahinmodern, oder die Michaelergruft samt ihrem berühmtesten Einlieger, Metastasio, dem einst berühmtesten aller Opernlibrettisten. Und seit Beginn der Woche lockt ihn nach halbjähriger Schließung jetzt auch wieder die größte und berühmteste aller Wiener Grüfte, die Staatsoper, die trotz des Regiments von Kaiserin Corona immerhin 1200 (statt knapp 2300) Hörern Zuflucht bietet.

Die Staatsoper ist berühmt. Auch, weil sie sich noch nie als ein Hort des Fortschritts und der Aufgeschlossenheit bewiesen hat, eher als Opernmumifizierungseinrichtung. Jetzt aber gibt es einen neuen Intendanten und einen neuen Musikdirektor, die gleich zu Beginn ihrer Ära eine fünfzehn Jahre alte Inszenierung ausgegraben haben, deren Regisseur schon längst verstorben ist. Das ist selbst für Wiener Verhältnisse morbid. Doch dahinter steckt weit mehr als Leichenfledderei. Der neue Intendant Bogdan Roščić, er arbeitete vorher für Presse, Radio und Plattenfirmen, bietet etliche Remakes alter Erfolgsinszenierungen. Dazu gehört auch Giacomo Puccinis mit Heldinnensuizid garnierte Sextourismusoper "Madama Butterfly", die Filmregisseur Anthony Minghella, weltberühmt durch den überschätzen "Der englische Patient" und den grandiosen "Der talentierte Mr. Ripley", für London erstellt hat und auch in New York und Vilnius zu sehen war.

Szenisch geht es bunt japanisch minimal zu

Das also, so die Botschaft von Bogdan Roščić an sein Wiener Publikum, ist bitteschön die Ästhetik des neuen Hausherrn. Szenisch geht es bunt japanisch minimal zu. Ein paar Schiebewände, traditionelle Kostüme für die Japaner/innen, europäische für die Amerikaner. Falls es in der Originalinszenierung eine nennenswerte Personenführung und Charakterzeichnung gegeben haben sollte, so ist nichts mehr übrig geblieben in dem erneuten Aufguss durch Minghellas Witwe, die Choreografin Carolyn Choa.

Das ist ausnehmend schade. Denn Puccini untergräbt brutal das harmlose Tenor-liebt-Sopran-Schema. Pinkerton ist ein feiger Macho, er will Sex mit der 15-jährigen Protagonistin, geht dafür mit ihr, die ihn als die Liebe ihres Lebens begrüßt, eine Scheinehe ein, verschwindet für drei Jahre und nimmt der völlig verarmten Frau dann noch das gemeinsame Kind weg, das, es ist der schönste Einfall dieser Inszenierung, ein von drei Spielern bewegte Puppe ist. Worauf sich die Butterfly die Kehle durchschneidet. Keine der großen Opern bringt die in allen Kulturen gängige Frauenverachtung derart auf den Punkt.

Illusion um Illusion zieht sie von ihrer Seele ab, bis sie dem Grauen gegenübersteht

So steht das im Text. Szene und Musik aber bleiben in Wien weit hinter dieser Drastik zurück. Da ist die Liebe einfach nur schön. Der noch junge Freddie De Tommaso hat eine schöne Stimme und keinerlei Höhenprobleme. Als Standardliebhaber ist er ideal, mit Pinkertons Mischung aus Präpotenz, Geilheit, Gewalttätigkeit, Dummheit, Weinerlichkeit, Schamlosigkeit und Feigheit aber ist er überfordert. Zumal ihm die Regie in keinem Moment dazu verführt, jenseits der Schönsingerei auch nur ansatzweise ein Portrait dieses imperialistischen Trampeltiers zu liefern. Auf dessen Halbbildung, Unbefangenheit und erotische Direktheit die blutjunge und früh in die Armut gestürzte Cio-Cio-San, die Butterfly des Titels, leider voll abfährt. Auch, weil Pinkerton für sie die einzige, aber durch und durch illusorische Möglichkeit bietet, aus dem Schlamassel des japanischen Patriarchats zu entkommen.

Asmik Grigorian hat vor zwei Jahren bei den Salzburger Festspielen einen Riesentriumph als Salome (Richard Strauss) erlebt. Jetzt eröffnet sie die Spielzeit in Wien. Anfangs läuft die Sache nicht rund, aber wie ihre Cio-Cio-San dann nach und nach realisiert, dass Pinkerton sie als Sexobjekt missbrauchte und dann wegschmiss, das zeigt Asmik Grigorian als eine feine Selbsthäutung: Illusion um Illusion zieht sie von ihrer Seele ab, bis sie dem letzten Grauen gegenübersteht und sich mit dem Dolch die Kehle durchschneidet. Lange rote Stoffbänder werden darauf aus ihrem Körper gezogen. Es ist der gleiche Dolch, mit der sich Butterflys Vater auf Geheiß des Kaisers ermordete, ein erzwungener Tod. Die Männer kommen in diesem Stück allesamt schlecht weg.

Philippe Jordan, der neue Musikdirektor der Wiener Staatsoper, war bis vor Kurzem noch Chefmusiker der Pariser Opéra. Der 45 Jahre alte Zürcher gehört zu den Generalisten unter den jüngeren Dirigenten, er macht Mozart, Wagner, Strauss, Berlioz, gelegentlich Moderne und jetzt Puccini. So akkurat wie der schlanke große Mann aussieht, so akkurat dirigiert er: mit verhaltener Leidenschaft und einem Hang zum Zelebrieren langsamer Tempi. Jordan ist ein Mensch der Mitte, von Zuspitzungen hält er wenig, radikale Interpretationsansätze meidet er. Auch in der "Butterfly", wo die modernen, die Gefühlsidylle störenden Momente allzu harmoniebedürftig in den weichen und runden Klang des betörend spielenden Staatsorchesters eingemeindet. Diese harmlose "Butterfly" ist offenbar ein Friedensangebot des neuen Intendanten an sein nicht gerade als aufgeschlossen bekanntes Publikum, das die Sänger, den Dirigenten und sogar die Regisseurin beklatscht. Demnächst aber wird es für Wiener Traditionalisten ungemütlich.

Denn der Spielplan des Bogdan Roščić ist gespickt mit den Namen des alten und neuen Regietheaters: Harry Kupfer, Peter Konwitschny, Hans Neuenfels, Dmitri Tcherniakov, Calixto Bieito, Simon Stone, Kirill Serebrennikov, Frank Castorf, Jan Lauwers, Barrie Kosky. Solche zu handfesten Deutlichkeiten neigenden Opernmacher sind in dieser Massierung ein großes Wagnis. Dass da nur Männer am Start sind, zeigt, dass die Oper eine der letzten Großbastionen des Patriarchats ist. Ob das Publikum das alles goutieren wird, ob die ebenfalls heiklen Staatsopernmusiker da mitmachen, das steht in den Sternen. Bogdan Roščić hat der Wiener Opernmumifizierung entschieden den Kampf angesagt. Zumindest rumort es jetzt in der Gruft.

© SZ vom 09.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite