Wiener Moderne:Wie Gustav Klimt mit dem Rechtspopulismus seiner Zeit umging

Gustav Klimt

Gustav Klimt zwang seine Zeitgenossen, in die Abgründe der eigenen Seele zu schauen.

(Foto: picture alliance / -/Archiv des)

Mit der Versuchung von rechts hatte der Maler, der heute vor 100 Jahren starb, schon um 1900 zu tun. Was er dagegen tat? Er nahm die Wahnideen seiner Zeitgenossen ernst.

Kommentar von Kia Vahland

Die Zeiten sind entmutigend. Großstädte werden immer überfüllter, Arbeiter und kleine Angestellte finden kaum noch eine Bleibe. Die international vernetzte Wirtschaft mit ihren neuen Technologien und Industrien entwickelt sich rasant. Die Politik aber bleibt schwerfällig, gefangen im Ideal des autonomen Nationalstaates. Vom Weltbürgertum redet kaum noch jemand. Die großen liberalen und demokratischen Ideen des aufgeklärten Bürgertums verblassen. Stattdessen scharen Nationalisten die Massen um sich; Populisten hetzen gegen Zuwanderer und Juden. Die verkrusteten staatlichen Institutionen tun sich schwer, auf den gesellschaftlichen Umbruch zu reagieren. Viele Menschen, vor allem die jungen, fragen sich: Was, wenn die Gewissheiten der Eltern und Großeltern künftig nichts mehr wert sind, wenn Leistung und Idealismus nicht mehr zu Wohlstand und Freiheit führen, wenn die Zukunft keinen Fortschritt bringt, sondern den Zusammenbruch von allem, was Halt gab?

So war die Stimmung im Habsburger Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg, und auch wenn Geschichte sich niemals genauso wiederholt: Manche Phänomene von damals wie der emotionalisierte Fremdenhass kommen einem heute vertraut vor. Deshalb lohnt ein Blick zurück auf die Kunst der Wiener Moderne, deren Protagonist, der Maler Gustav Klimt, vor hundert Jahren, am 6. Februar 1918, starb. Die Forscher und Künstler seiner Generation, darunter der Psychoanalytiker Sigmund Freud, die Designerin Emilie Flöge und der Literat Arthur Schnitzler, suchten Antworten auf die Frage: Wie kann der moderne Mensch mit seinen Ängsten und Leidenschaften zurechtkommen in einer sich wandelnden Welt?

Die Intellektuellen, die sich um 1900 in den Kaffeehäusern Wiens trafen, erlebten den Aufstieg des antisemitischen Populisten Karl Lueger, der es mit Hetzparolen zum Bürgermeister brachte. Adolf Hitler, der bald darauf nach Wien zog, sollte von seinem Vorbild Lueger später mit "unverhohlener Bewunderung" sprechen.

Es ist nicht schlimm, sondern menschlich, auch einmal nicht weiterzuwissen mit sich und der Welt

Dieser Gedanke beschäftigte die Künstler und Denker: Die Massen der Moderne waren verführbar, sie waren, wie Freud später schrieb, tendenziell "impulsiv, wandelbar und reizbar". Sie konnten nicht nur wie einst im Namen der Freiheit Revolutionen feiern, nein, sie waren auch anfällig für kollektive Wut auf Schwächere, für Falschnachrichten und Manipulationen. Denn in Gruppen mag sich der verunsicherte Mensch unantastbar stark fühlen. Die Masse ist mehr als die Summe ihrer Mitglieder, sie kann eine eigene, manchmal zerstörerische Dynamik entwickeln.

Das Antidot von Klimt und seinen Kollegen war kein Appell an die Vernunft, wie ihn noch die Liberalen des 19. Jahrhunderts liebten. Stattdessen nahmen sie die Nöte und Wahnideen ihrer Zeitgenossen ernst und zwangen diese, zuallererst in die Abgründe der eigenen Seele zu schauen. Dort lauerten die Monster unerfüllten Begehrens. Klimt zeigt nackte, liebesbedürftige Figuren, die aus ihrer Verletzlichkeit keinen Hehl machen. Der irrlichternde Mensch ist seinen Wünschen ausgeliefert, die Klimt mal als perlmuttäugiges Ungeheuer, mal als unerreichbare Verführerinnen malt. Seine in leuchtende Farben gebannten Schrecken lehrten und lehren ihre Betrachter, dass nicht immer alles kontrollierbar ist, weder im Kleinen noch im großen Ganzen. Es ist nicht schlimm, sondern menschlich, auch einmal nicht weiterzuwissen mit sich und der Welt.

Diesen Mut und diese Gelassenheit brauchen die Bürger des 21. Jahrhunderts. Sie werden die Ungeheuer des aus Unsicherheit geborenen Hasses, der Ausgrenzung und nationalen Arroganz nicht durch kluge Zurechtweisungen besiegen. Eher schon hilft es, die Sorgen vor gesellschaftlichem Umbruch ernstzunehmen, ihnen im öffentlichen Diskurs und in den Künsten Raum zu geben. Das heißt auch, jeden Einzelnen in die Pflicht zu nehmen, denn für seine Aggressionen trägt erst einmal das Individuum die Verantwortung.

Zwischen 1918 - dem Todesjahr Klimts, in dem der verheerende Weltkrieg zu Ende ging - und heute liegt ein Jahrhundert der Erfahrung mit dem Prinzip Selbstverantwortung. Das Sprechen über Gefühle, das die Wiener Modernen einst forderten, hat sich im Privaten längst durchgesetzt. Nun muss über kollektive Ängste und Aggressionen gesprochen werden, auch von denen, die sie hegen. Die anderen, die sich noch in Sicherheit wiegen, sollten lieber öfter einmal nachfragen, anstatt sich in ihrer vermeintlichen Rationalität über die Wut der Massen zu erheben.

© SZ vom 01.02.2018/khil
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