Wiener Burgtheater:Der Feind in meiner Stammkneipe

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Wiener Burgtheater: Zur Hälfte gut besetzt: Norman Hacker, Florian Teichtmeister, Katharina Pichler in "Nebenan".

Zur Hälfte gut besetzt: Norman Hacker, Florian Teichtmeister, Katharina Pichler in "Nebenan".

(Foto: Matthias Horn)

Martin Kušej bringt im Wiener Burgtheater das Kino-Kammerspiel "Nebenan" von Daniel Brühl und Daniel Kehlmann auf die Bühne

Von Wolfgang Kralicek

Die Szene ist eine Berliner Eckkneipe, in all ihrer Pracht und Trostlosigkeit. Die stark blondierte und flächendeckend tätowierte Wirtin (Katharina Pichler) hat fast ununterbrochen eine Kippe im Mundwinkel, in der Ecke blinkt ein Darts-Automat. Aus den Lautsprechern kommt ein Helene-Fischer-Schlager, und am Tresen hockt ein einsamer Trinker (Stefan Wieland), der in unregelmäßigen Abständen unartikulierte Verwünschungen ausstößt. Die Aufführung im Wiener Burgtheater lässt sich atmosphärisch an wie einer dieser alten Marthaler-Abende, an denen die Gaststube zum magischen Ort wird und die Schauspieler betörend schöne Lieder anstimmen.

Manche aber wird das Szenario mit Recht an den Kinofilm "Nebenan" (2021) erinnern, das Regiedebüt des deutsch-spanischen Filmschauspielers Daniel Brühl. Er spielt darin einen Filmstar namens Daniel, eine nicht besonders schmeichelhafte Version von sich selbst. Daniel ist unterwegs nach London zum irre wichtigen Casting für einen Superheldenfilm und überbrückt die Zeit, bis er zum Flughafen muss, in der Kneipe am Eck. (Dass diese raue, versiffte Gaststätte Daniels Stammlokal sein soll, gehört zu den weniger glaubwürdigen Aspekten der Story.) In dem fast leeren Lokal trifft er auf seinen Nachbarn Bruno (im Film von Peter Kurth gespielt), der auf diese Begegnung nur gewartet hat. Der joviale Bobo Daniel geht dem prolligen Ostberliner Bruno nämlich schon lange auf die Nerven. Er hat im Privatleben des Schauspielers geschnüffelt und dabei genügend kompromittierendes Material gefunden, um ihn fertigzumachen. Was er dann auch tut.

Der Film spielt fast ausschließlich in der Kneipe und ist so nahe am Theater gebaut, dass Daniel Kehlmann wenig Mühe hatte, sein Drehbuch für die Bühne zu adaptieren. Die Unterschiede zwischen Film und Stück sind minimal, nur dass der Protagonist hier nicht Daniel, sondern Florian wie Florian Teichtmeister heißt. Abgesehen davon, dass dieser bisher mehr in mittelmäßigen Fernsehkrimis ("Die Toten von Salzburg") als in Hollywoodfilmen zu sehen war, ist Teichtmeister auch ein ganz anderer Typ als Brühl. Er legt die Rolle von Anfang an verkniffener und defensiver an und dreht am Ende dafür so stark auf, dass es entschieden zu viel ist. Norman Hacker hingegen, dessen Spiel etwas schneidend Scharfes, auch Brutales haben kann, ist als Bruno eine gute Besetzung.

Richtig gelungene Aufführungen gab es unter Kušejs Leitung nicht viele

Die Übersetzung auf die Bühne hat dem Stoff nicht unbedingt gut getan. Stärker als im Film treten die Schwächen des Textes, das allzu Konstruierte und Ausbuchstabierte, zutage. Bertolt Brechts Frühwerk "Im Dickicht der Städte" ist deshalb so faszinierend, weil der Autor zwar den Kampf zweier Männer schildert, aber keine Begründung dafür liefert. Bei Kehlmann wird alles erklärt, und die Themen - von der Gentrifizierung bis zur Internetpornografie - sind alle so "aktuell", dass sie schon wieder altmodisch wirken.

Regie führte Direktor Martin Kušej persönlich. Erstaunlich ist das aus zwei Gründen. Erstens, weil man gar nicht merkt, dass das eine Kušej-Inszenierung ist; nie war der Regisseur unsichtbarer als diesmal. Und zweitens, weil eine Filmadaption wie diese eigentlich Kušejs eigenen Prinzipien widerspricht; wiederholt hat der Intendant für das Drama - im Gegensatz zu allen möglichen postdramatischen Projekten - eine Lanze gebrochen. Andererseits entspricht "Nebenan" sicher mehr einem klassischen Theaterstück als die meisten tatsächlich für die Bühne geschriebenen Dramen von heute.

Kušejs Vertrag als Burgtheaterdirektor läuft 2024 aus, der Posten wurde routinemäßig ausgeschrieben. Eine zweite Periode ist an sich üblich, diesmal aber scheint die Verlängerung nicht selbstverständlich. Dafür ist Kušejs bisherige Bilanz einfach zu durchwachsen. Die ersten drei Spielzeiten seiner Intendanz litten natürlich unter der Corona-Pandemie, aber schon auch unter einer inkonsequenten Spielplanpolitik; richtig gelungene Aufführungen gab es nicht viele.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, man wolle Kušej keinen neuen Fünfjahresvertrag anbieten, sondern nur um zwei oder drei Jahre verlängern. Dafür stehe er nicht zur Verfügung, ließ Kušej wissen. Ganz oder gar nicht! Wie die zuständige Staatssekretärin das sieht, wird sich bald zeigen. Bewerbungen für die künstlerische Leitung des Burgtheaters werden nur noch bis 17. Oktober entgegengenommen.

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