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Wiener Burgtheater:Die Apokalypse geht unter

Burgtheater

Seltsam vertraut: Das Unheil naht ohne Handlung.

(Foto: Matthias Horn/Burgtheater)

Kai Voges' Endzeitoper "Dies Irae" am Wiener Burgtheater ist lang und laut.

Von Egbert Tholl

Erst einmal fällt ein Mensch. Der Schauspieler Felix Rech stürzt in einem artifiziell gehaltenen Video zwischen Hochhäusern hinab, ein Countdown zählt die Stockwerke, 22, 21, 20 - "so far, so good". Da ahnt man natürlich, dass es nicht mehr lang gut gehen kann. Musik ertönt, schließlich rummst es gewaltig. Die Videoleinwand, die das gesamte Portal ausgefüllt hat, verschwindet, und man blickt auf einen enormen Verhau: Willkommen bei "Dies Irae", dem "Tag des Zorns", der "Endzeitoper" von Alexander Kerlin (Text), Kay Voges (Regie) und Paul Wallfisch (Musik) am Wiener Burgtheater.

Endzeitoper klingt ja nach ultimativer Legitimation für alles Mögliche. Wenn alles vorbei ist, bleibt nichts mehr übrig, und zuvor kann man genüsslich alles Gerümpel auf einen Haufen schmeißen. Der Haufen ist hier zunächst die Bühne von Daniel Roskamp, die genialisch wäre, sähe sie nicht aus wie eines jener Bühnenbilder, die Aleksandar Denic so oft für Frank Castorf gebaut hat. Hier nun dreht sich auf der Weite der Burgtheaterbühne eine hügelige Ruinenlandschaft, in der man erkennen kann: einen Flugzeugrumpf, eine endlose Treppe, die Trümmer eines Gebäudes nebst rauchendem Turm, verschiedene Interieurs, einen Kreißsaal, ein Hotel, das in verschiedenen Zuständen des Verfalls vorüber zieht - mal heißt es "Eden", mal, weil die Buchstaben herabhängen, "Ende".

Das wirkt seltsam vertraut, ohne allzu viel Konkretes aus sich heraus zu erzählen. Die Musik dazu, die eine Endzeitoper nun mal braucht, machen Paul Wallfisch, Simon Goff und Larry Mullins alias Toby Dammit. Alle drei haben imposante Künstlerbiografien vorzuweisen, der eine, Wallfisch, wurde 2010 musikalischer Leiter am Schauspiel Dortmund, nahm eine Reihe von Platten und Musik für US-amerikanische Filme auf. Die anderen sind gleichfalls eher auf der experimentellen Spur unterwegs, Mullins auch mit Nick Cave, wenn der auf Tour ist. Dieses Spitzentrio musikalischer Ungewöhnlichkeit wendet sich nun erst einmal einem Klassiker zu: "I feel the earth move under my feet". Im Original nahm es Carole King im Jahr 1971 auf, ein Jahr bevor Kay Voges, der Hauptverantwortliche des Abends, geboren wurde. Der Song, düster und kraftvoll dargeboten, wird in seinen Wiederholungen zu einer Art klingenden Überschrift der verschiedenen Kapitel des Abends, wobei sich im Nachhinein kaum sagen lässt, worin sich die einzelnen Kapitel unterschieden.

Diese Zitatensammlung vereint Stephen Bannon und Primo Levi. Das ist gewagt. Und widerlich

Aber am Ende sind wir ja noch nicht. Verfolgt man die musikalische Linie weiter, kann man einen der drei Musiker (Mullins) beim Trommeln im Graben vor der Bühne beobachten, während die beiden anderen irgendwo im Hintergrund des Parketts arbeiten, womit schon der per se großartige Moment verschenkt wäre, eine Band bei der Arbeit auf der Bühne beobachten zu können. Die Musik selbst verrät dann nur bedingt etwas vom künstlerischen Hintergrund ihrer Macher, wurmt mal wie Minimal Music herum oder tönt musicalhaft vor allem dann, wenn Kaoko Amano herausgelöste Songs singt. Das gelang ihr an sich toll, nur klingt eine Stimme über Mikroport albern, wenn diese Stimme zum Lispeln neigt, denn ein solches Mikroport verstärkt so etwas gnadenlos.

Der Tag des Zorns ist klanglich also Pop, Musical, Minimal und ein Lispeln. Aber dennoch beeindruckend als eher dunkler Lärm, der wie Glutamat wirkt. Also geschmacksverstärkend. Der ganze Abend ist Glutamat. Was er verstärkt, ist ein abenteuerliches Textamalgam, das so uneigentlich-raunend wie elaboriert-ungefähr ist. Mithin in jede (Denk-)Richtung eine Verstärkung braucht.

"Dies Irae" ist Kay Voges' erste Regiearbeit in Wien und somit seine Visitenkarte: In gut einem halben Jahr übernimmt er die Intendanz des Wiener Volkstheaters, der zweitgrößten Sprechtheaterbühne der Stadt. Bislang hat er seit 2010 das Schauspiel Dortmund geleitet. Voges gilt vielen - zu Recht - gerade wegen seiner Tätigkeit in Dortmund als einer der interessantesten Theatermacher Deutschlands. Er arbeitet gemäß seinem eigenen Manifest, das eine enge Verzahnung von Bühne und Film vorsieht.

Die Verzahnung von Livevideo und Livegeschehen ist dann eine Einladung zu einem Flug ins Verderben, mit "Air Mageddon", was flüssig gesprochen wie "Armageddon" klingt, also auch wieder das jüngste Gericht meint. Der Flieger soll eine Boeing 737 Max sein, jener Flugzeugtyp, von dem in jüngerer Vergangenheit zwei Maschinen abstürzten. Den Verweis auf reale Katastrophen kann man als sarkastisch oder als von allen guten Geistern verlassen empfinden, auf jeden Fall ist Voges nicht zimperlich. Sein Textsammler Kerlin ist es auch nicht.

Es gibt keine Handlung, keine Entwicklung, kaum eine echte Situation, nicht den Hauch eines wirklich narrativen Ansatzes, aber auch keinen erhellenden Diskurs. Es gibt stattdessen Untergang, in wüsten, schillernden Facetten. In Texten von Nietzsche (Übermensch), Victor Hugo (armer Mensch), Hebbel, Breton, Ernst Jünger, in der Offenbarung des Johannes, der Bibel und in Jean Pauls "Rede des toten Christus". Walter Benjamins Engel der Geschichte huscht vorüber, aus Primo Levis KZ-Überlebensbericht "Ist das ein Mensch" wird genauso zitiert wie aus Hasstiraden von Stephen Bannon, dem einstigen Trump-Einflüsterer. Bannon, Benjamin und Primo Levi unter einen Hut zu bringen, das muss man erst einmal wagen. Es ist widerlich. Aber in seiner Monstrosität vielleicht notwendig. Im Grunde ist die Sammlung dieser Worte ein wilder Schrei, ein Treten in alle Richtungen - der letzte große Text des Abends, gesprochen von der faszinierenden Dörte Lyssewski, stammt von Aischylos und ist der Monolog der Kassandra, der Frau, die das Unheil voraussagt und der man nicht glaubt. Wie hier wohl niemand Voges glauben will.

Dazu werden die Quellenangaben in die Videos hineinprojiziert. Auf diesen kann man, wie bei Castorf, ins Innere des Bühnengebildes blicken. Dort sieht man dann ein Paar, dessen Namen das Programmheft nur mit Initialen ausweist, beim Liebemachen, ganz echt, aber dezent. Hat sie einen Orgasmus, spielt Martin Schwab Sterben, was er allerdings hier öfters tut, er ist der älteste auf der Bühne.

Bis auf ein schönes, betörend Liebe spielendes, nicht machendes Paar - Felix Rech und Andrea Wenzl - sind hier alle Figuren einigermaßen fluide, weil ihnen aus dem Textvorrat unterschiedliche Brocken zugeordnet werden, die sie meist mit dem Pathos einer tonnenschweren Last vor dem Publikum ablegen. Ein agiler Page (Markus Meyer) turnt herum, zwei müde Beckett-Clowns (Mavie Hörbiger und Katharina Pichler) beschreiten die Ruinen, zwei mysteriöse Engel wandeln vorüber, eine Frau hat eine Sturzgeburt. Jeder einzelne Auftritt ist ein Ende für sich. Der Abend endet und endet und geht doch immer weiter wie, und das mag die Kernaussage sein, die Menschheit aus jedem Untergang unverdrossen und ohne Erkenntnis wieder hervorkriecht und weitermacht. Das fühlt sich nicht schön an, das nervt und ist auch plump. Aber mit all seinem Lärm auch irgendwie notwendig.

© SZ vom 27.12.2019

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