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Wiener Ballettakademie:Tanzen als Qual

Scharfe Rüge für Ballettakademie der Wiener Staatsoper

Susanne Reindl-Krauskopf, Vorsitzende der Untersuchungskommission, spricht bei der Präsentation des Abschlussberichtes zu den Vorwürfen gegen die Ballettakademie der Wiener Staatsoper.

(Foto: dpa)
  • Der Abschlussbericht der Sonderkomission bestätigt, dass es sich bei den Misshandlungen an der Wiener Ballettakademie nicht um Einzelfälle handelte.
  • "Die Vorwürfe haben sich in allen Bereichen bestätigt", sagte Kommissionschefin die Susanne Reindl-Krauskopf.

Wer es an die Ballettakademie der Wiener Staatsoper schafft, darf sich nahe am Olymp der Tanzwelt fühlen. Bis ins Jahr 1771 reichen die Wurzeln dieser elitären Institution zurück, doch hinter den Kulissen herrschen teils grausame Zustände. Die Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn bis 18 Jahren werden Misshandlungen und Erniedrigungen ausgesetzt. Dass es sich dabei nicht nur um Einzelfälle, sondern auch um strukturelle Missstände handelt, hat nun eine Sonderkommission bestätigt, die im Frühjahr eingesetzt worden war. Gefordert werden Konsequenzen. "Ich würde die Schule nicht zusperren wollen", sagte die Kommissionschefin Susanne Reindl-Krauskopf bei der Vorstellung des Abschlussberichts. Nötig sei es aber, "diese Ausbildung ins 21. Jahrhundert zu überführen".

Bekannt geworden waren die Missstände an der Ballettakademie, an der derzeit rund 110 Tänzerinnen und Tänzer aus der ganzen Welt ausgebildet werden, im April durch einen Bericht des Wiener Wochenblatts Falter. Ehemalige Lehrkräfte berichteten dort von einer "Sklavenmentalität", die sich breitgemacht habe. Die Kinder seien "nur eine Ware, um die Oper zu bespielen". Schülerinnen klagten, sie seien an den Haaren gezogen, blutig gekratzt oder getreten worden. Zu den Demütigungen gehörten Sätze wie "Du tanzt wie eine Hausfrau". Fast systematisch seien die Kinder in Essstörungen getrieben worden.

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"Die Vorwürfe haben sich in allen Bereichen bestätigt", sagte Kommissionschefin Reindl-Krauskopf, die im Hauptberuf das Institut für Strafrecht an der Universität Wien leitet. In 16 Sitzungen und zwei Dutzend Befragungen hat sie mit zwei Mitstreiterinnen Licht ins Dunkel der Ballettakademie gebracht. Der 35-seitige Abschlussbericht der Kommission enthält eine lange Liste von Mängeln. Das beginnt mit "verschwimmenden Verantwortlichkeiten" zwischen der Leitung der Ballettakademie, der künstlerischen Leitung und der Direktion der Staatsoper. "Da fühlt sich am Ende keiner mehr wirklich verantwortlich", sagt Reindl-Krauskopf. Dem Leiter der Wiener Staatsoper Dominique Meyer gibt sie eine "Mitverantwortlichkeit" an den Zuständen, weil er sich nicht ausreichend um seine Kontrollfunktion gekümmert habe. Zudem klagt sie über einen "intransparenten und nicht-partizipativen Führungsstil der Leitung der Ballettakademie" und darüber, dass der künstlerische Leiter fast nie im Unterricht anwesend sei. Insgesamt, so bilanziert sie, "fehlt in der Ballettakademie insbesondere auf Führungsebene ein Problembewusstsein in Bezug auf Kinderschutz und Kindeswohl".

Schwerwiegende Missstände listet der Abschlussbericht bei der medizinisch-therapeutischen Versorgung der jungen Tänzerinnen und Tänzer auf. Obwohl es beim Training "zwischen Leistungssport und Kunst" oft zu "Verschleißerscheinungen" komme, gebe es keinen problemlos zugänglichen Kinderfacharzt an der Ballettakademie. Die Stelle des Masseurs sei unbesetzt. Überdies decke die Krankenversicherung von ausländischen Schülern nur die Kosten der Akutversorgung. Im Internat gebe es keine auf die Bedürfnisse von Balletttänzerinnen und -tänzern abgestimmte Ernährung.

Hart ins Gericht geht die Sonderkommission auch mit den bisher eingeleiteten Schritten zur Verbesserung der Zustände. Zwar seien "zahlreiche Änderungen vorgenommen" worden, heißt es. "Doch erwecken sowohl die Vorgehensweise wie auch die Inhalte der getroffenen Maßnahmen bei der Kommission den Eindruck, dass die Motivation dieser Änderungen nicht primär dem Wohl der Kinder und Jugendlichen gilt." Kritisiert wird eine "Symptombekämpfung statt eines stimmigen Gesamtkonzepts". Um die traditionsreiche Ballettakademie zu retten, müsse nun eine "Neuausrichtung" erfolgen, fordert Reindl-Krauskopf - und zwar "unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen".

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