Wie wichtig sind Chefs? Systematischer Trial and Error

Doch Kieser, der in Friedrichshafen Betriebswirtschaft lehrt, erklärte beides zugleich: den dramatischen Bedeutungsverlust des einzelnen Unternehmers - und die charismatische Aufladung von Unternehmerfiguren, die diesen Verlust kompensiert. Einerseits gibt es massenhaft Entrepreneure, seit unternehmerisches Denken und Handeln immer weiter nach unten delegiert wurde: an interne "Profit-Center", "Intrapreneure" und "Arbeitskraftunternehmer" sowie an externe "Ich-AGs" und Freelancer.

Kieser zeigte auch das Organigramm des "Open Innovation System" der Deutschen Telekom, wo man in Kooperation mit Beratungen, Wissenschaftlern, Kunden und Experten aus anderen Unternehmen systematisch nach neuen technischen Entwicklungen Ausschau hält, diese dann evaluiert und probehalber exploriert. Vom solitären Unternehmer als mutigem "risk taker" bleibt dabei nicht mehr viel übrig: Stattdessen gibt es eine routiniertes und alltägliches Unternehmertum, getragen von der Weisheit der vielen und einem systematischen Trial and Error: die Wirtschaft in ihrer post-heroischen Phase.

Dass Unternehmerschaft zur Volksbewegung geworden ist, dafür sprechen laut Kieser noch andere Indizien: die Forderung nach "unternehmerischem Denken" in Stellenanzeigen, die 87 Professuren für Entrepreneurship an deutschsprachigen Hochschulen, die zahllosen Preise für Unternehmer. Bereits in der Schule sollen Kinder Kreativität in Projekten entwickeln, später bieten Arbeitsämter, Industrie- und Handelskammern, Volkshochschulen und sogar Gefängnisse Beratungen und Kurse für Unternehmensgründer an. Die OECD formulierte 2009, es sei zudem eine zentrale Aufgabe der Hochschulen, "unternehmerische Einstellungen, Haltungen und Fähigkeiten" sowie eine "proaktive Einstellung zu Unternehmenswachstum" zu fördern.

All das erzeugt einen Eindruck der Machbarkeit, der durch die Realität schlichtweg nicht gedeckt wird. Ein Großteil der staatlich geförderten Start-ups scheitert, die anderen hätten es vermutlich auch so geschafft. Überschätzt wird offensichtlich auch die Bedeutung von Topmanagern: Empirische Studien, die die Schicksale ganzer Populationen von Unternehmen untersuchten, fanden keinen statistisch signifikanten Einfluss der Unternehmensleiter auf den Erfolg, auch wenn die Manager große strategische Änderungen initiieren. Stattdessen versanden oben getroffene Entscheidungen häufig.

Zuletzt hat die Entwicklung des Kapitalismus für eine sukzessive Entmachtung des Individuums gesorgt: An die Stelle besitzender Familienunternehmer wie Krupp, Siemens, Ford oder Carnegie sind erst von den Eigentümern angestellte Manager und schließlich CEOs getreten, die sich in immer kürzeren Abständen vor dem Finanzmarkt und Investoren rechtfertigen müssen. Der Druck wächst: Unternehmensleiter bleibt man nur, solange man alles richtig macht - Fehler können zu sofortigen "Trainerwechseln" führen.

So wird verständlich, was Hilmar Kopper über die Auswahl von Topmanagern sagt. Man kann tatsächlich aus einem Pool wählen, in dem sich mehr unternehmerisch geschulte Bewerber finden - für Stellen an denen weniger hängt. Kein Wunder, dass in dieser Situation die Bedeutung von "Charisma" und Persönlichkeit zunimmt. Dabei ist Charisma laut Kieser zumeist nur eine nachträgliche, zumeist sogar tautologische Zuschreibung: Die Eigenheiten des Erfolgreichen wirken charismatisch und erscheinen als klare Indikatoren seines Erfolgs.

Braucht der Kapitalismus also Unternehmer? Ja, und heute gibt davon mehr als genug. Braucht er erfolgreiche Unternehmer? Sicher, aber es gibt auch im Roulette immer wieder Gewinner, manche sogar mit System. Und es werden auch Charismatiker gebraucht, weil sie das Schwierige auf einfache und lukrative Formeln bringen und zudem die Kränkung erträglich machen, dass unternehmerischer Erfolg nur sehr begrenzt machbar und planbar ist.

Ob jemand wohl Steve Jobs diese Hiobsbotschaften überbringt? Wohl nicht. Wie gut dass es mit Werner Plumpe, Alfred Kieser und den anderen Teilnehmern der Münchner Tagung noch Wissenschaftler gibt, die nicht an der Apple University lehren.